Kommentar: Late Night Shows in Deutschland – Eine toxische on/off Beziehung

Die TV-Landschaft ist mal wieder erschüttert worden, ausnahmsweise aber ohne Skandal. Die Late Night Welt muss in Zukunft ohne Moderator James Corden auskommen. Aber in Amerika gibt es eine ganze Late-Night-Liga die ihresgleichen sucht. In Deutschland zu suchen lohnt sich aber erst gar nicht. Ein Kommentar.

In Deutschland gibt es einen Konsens: Wer Erfolg hat, findet um 20:15 statt. Alles, was danach passiert, ist das Abstellgleis der Sender. Weil den Formaten nicht zugetraut wird, dass sie bei Publikum ankommen, sie zu speziell sind oder weil die Jugendschutzkommission Einwände hat. Schwierige Bedingungen für das Format Late Night Show. Alleine der Titel beißt sich mit dieser Einstellung.

In Amerika unterscheidet man zwar auch zwischen Primetime und Late Night, aber es gibt diese Wertung nicht. Wer eine Late Night Show moderiert, hat es geschafft. Hosts wie David Letterman, Jay Leno, Jimmy Kimmel und nicht zuletzt James Corden sind selber Superstars und senden nicht nach 23 Uhr, weil die ARD denkt, dass ihr Programm die Zuschauer*innen überfordert, sondern weil es ihnen zugetraut wird.

Deutschland und Lockerheit, eine besondere Beziehung

Dass Late Night bisher nur in Ausnahmefällen funktioniert hat, das hat eine ganze Liste an Gründen. Angefangen damit, wie die Shows überhaupt funktionieren. Der Ton ist entkrampft, etwas flapsig und die Sprüche kommen locker aus der Hüfte. Thematisch sind die Sendungen übrigens flexibel: von Zeitgeschehen, Boulevard über harte Politik bis zum lockeren Talk mit den Gästen. Kein Problem. Jedenfalls nicht in Amerika. Deutschland und Lockerheit, das sind zwei Sachen, die selten in einem Satz genannt werden und wenn doch, dann selten im positiven Kontext.

Genau das ist problematisch. Die Moderatoren (und, ganz selten Moderatorinnen), spielen einfach zu selten mit ihren Gästen. Werfen sich zu selten die Witze mit ihrem Sidekick um die Ohren oder lassen Banalitäten mit Gästen doch irgendwie interessant wirken. Denn um spielerisch mit Gästen umzugehen, müssen sich beide auf Augenhöhe begegnen. Stattdessen erleben wir ständig eine immense Fallhöhe, die sperrig im Raum steht. Entweder ist der Star zu klein oder noch schlimmer: zu groß, und die moderierende Person läuft Gefahr, die Situation nicht kontrollieren zu können.

Fehlende Starpower in Deutschland

Der große Unterschied in Amerika: Die Moderator*innen sind mindestens genauso prominent wie ihre Gäste. Das sorgt für ein ganz anderes Klima, weil ein Überlegenheitsgefühl viel unwahrscheinlicher wird. Währenddessen muss ich mir regelmäßig erst mal die Frage stellen: „Woher kenne ich dich noch mal?“. Keine gute Basis. Weder für den Inhalt noch für die Attraktivität der Sendung. Es klingt abgedroschen, aber es fehlen die entsprechenden Stars. Solche, die eine Sendung interessant machen, aber so locker sind, dass sie sich auf das Spielerische der Sendungen einlassen können.

Besonders gut sieht man die Starpower bei der Studioband. In Jimmy Fallons „Tonight Show“ sind „The Roots“ für die Musik verantwortlich, selbst eine weltbekannte Hip-Hop-Band. Also auf einem Level mit dem Moderator. Und in Deutschland? Jan Böhmermann und das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld. Und schon wieder die Fallhöhe. Und dann auch noch so deutsch. Orchester statt Hip-Hop. Ohne dass ich irgendjemandem die musikalischen Fähigkeiten absprechen will. Aber es verrät doch einiges darüber, wie konservativ Kultur in Deutschland ausgelegt wird, selbst wenn es vermeintlich jung und locker sein soll. Das begleitet uns übrigens schon ewig: Seit Harald Schmidt muss auch im Unterhaltungsprogramm doch immer ein bisschen Hochkultur am Start sein. Man ist ja seriös und macht nicht „nur“ Popkultur. Ob es jetzt Fler ist, der vom Orchester begleitetet wird oder Schmidt Star-Geigerin Anne Sophie Mutter einlädt, junger Kultur wird im besten Fall mit Skepsis begegnet und im schlechtesten wird sie nicht ernst genommen.

Regelmäßigkeit fehlt

Auch charakterisierend für das Format Late Night ist übrigens die Regelmäßigkeit, in der ausgestrahlt wird. Im Mutterland Amerika laufen die Shows montags bis freitags fünf Tage die Woche. Alles wird sofort und tagesaktuell verarbeitet. Das trauen die deutschen Fernsehsender sich entweder nicht, oder sie trauen es dem Format nicht zu oder sie trauen es den Moderator*innen nicht zu.

Das Talent ist an sich eigentlich da. Nach „Circus Halligalli“ macht Klaas einen absolut soliden Job bei „Late Night Berlin“, aber wie häufig darf er ran? Einmal die Woche. So kann einfach keine Bindung von Publikum und Entertainer stattfinden. Und das, obwohl Klaas sich seit Jahren einen festen Status in der Branche erarbeitet hat. Noch bitterer ist aber eigentlich das Nichtvertrauen, das Pierre M. Krause entgegengebracht wurde. Sagt euch nichts direkt? Liegt vielleicht daran, dass er trotz bester Leistung jahrelang im Nischenprogramm der Nischenprogramme, dem SWR, stattfinden musste. Bis die Sendung 2021 abgesetzt wurde. Aber er soll ja direkt eine Neue bekommen, sagt man.

Mittelmaß reicht oft schon aus

Ein Punkt, der die amerikanische Unterhaltungsindustrie ausmacht, ist der wahnsinnig starke Konkurrenzkampf. Entweder du bist kreativ, innovativ und erfindest dich ständig neu oder du wirst ersetzt. Das klingt nach fiesem Turbokapitalismus und am Ende des Tages ist es das auch. Man muss aber anerkennen, dass genau deshalb das System nie stillsteht und deshalb auch so gut bleibt. Weil die Konkurrenz so stark ist, kann sich niemand auf seinen Lorbeeren ausruhen. Jede Sendung muss sich konstant neu erfinden, das Level hochhalten und originell bleiben.

Ich sage zynisch: Deutschland fördert Mittelmaß. Wenn du hier Erfolg hast, dann lässt sich dieser auch ganz gut konservieren, denn wer soll ihn dir streitig machen? Seit Joko und Klaas von MTV weg sind, wo ist denn die nächste Generation? Wer heizt den Kessel denn noch an? Wird gefordert und gefördert? Mit Mittelmaß lässt sich so eben deutlich mehr Erfolg haben und das schlägt sich nicht nur im Tatort nieder, sondern auch in den deutschen Talk-Formaten. Ich möchte das amerikanische System nicht glorifizieren, aber es muss doch einen Weg geben, daraus zu lernen.

Wenn wir uns anschauen, was amerikanische Late Nights Shows ausmacht, dann muss man sagen, dass es so scheinbar einfach nicht in Deutschland funktioniert. Die Stars sind nicht groß genug, die Fallhöhe zwischen Moderator und Gast zu hoch, die Lockerheit ist einfach nicht da und die Konkurrenz zu klein. Trotzdem wird versucht, Late Night nach amerikanischem Vorbild zu machen. Also jedenfalls im Prinzip, ohne es eigentlich wirklich zu versuchen. Die Mechanismen werden nicht übersetzt und auch die entsprechenden Strukturen scheinbar nicht geachtet.

Noch mehr Hintergründe
Prof. Dr. Christof Decker von der Ludwig Maximillian Universität in München nennt weitere Gründe für die Lage von deutschen Late Night Shows:

  • Viele Privatsender investieren kaum Geld
  • Weniger Publikum als in den USA
  • Das Auslagern von Content ins Internet kann die Lage noch drastisch verändern

Ein ewiger Teufelskreis

Stattdessen wird lieber ein TV Total Reboot gestartet, das hat ja mal funktioniert. Zündet aber nicht mehr und war übrigens auch nie wirklich eine Late Night Show. Nach Harald Schmidt ist es nur das, was am nächsten dran war. Diese Sendungen enden dann irgendwann im Mittelmaß und werfen auch keine überragenden Quoten ab. Das steigert die Bereitschaft zu investieren natürlich nur bedingt. Während sich aber darüber beklagt wird, dass wir keine richtigen Late Night Shows haben. In Amerika kann ein James Corden problemlos aufhören, seit Harald Schmidt bei uns aufgehört hat, hat die deutsche Late Night Show ein ernsthaftes Problem.

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