Beim Friseur: Leidensbericht aus der Hölle

„Deine Haare sehen komisch aus“, sagt meine beste Freundin. Zwei Monate habe ich Sie nicht gesehen. Sie hat Recht. Der Kurt Cobain Look ist lange out. Es ist nicht mehr schön, wenn die Haare wie Spaghetti vom Ansatz fallen. Mir bleiben nur erbärmliche Flechtfrisuren á la Heidi, die ich mühevoll über diverse Youtube-Kanäle lernen muss. Ob ich will oder nicht: Ich muss in meine ganz persönliche Hölle. Dorthin, wo der Gebrauch scharfer Gegenstände absolut legitim ist und auch seelische Verletzungen nicht ausbleiben. Ich muss zum Friseur.

Ich stelle mir mein Spiegelbild im Schaufenster vor. Gesunde Spitzen, eine leichte Welle und voluminöser Ansatz, wie bei Diane Kruger: So könnten meine Haare in der nächsten Stunde aussehen. Es könnte sein. Ich versuche, den Friseur als etwas Positives zu sehen. Als einen Ort, an dem das Unmögliche möglich wird. Ein Ort des Vertrauens und der Hingebung, des Verlustes, aber auch der Belohnung.

Friseure gibt’s zu viele. Von „James Blond“ über „Haireinspaziert“ bis hin zu „Wellkamm. Ich wähle den, der am nächsten ist. Als ich durch die Eingangstür gehe, steigt mir der Duft von „Kölnisch Wasser“ in die Nase, gemischt mit dem ätzenden Geruch der gelblichen Farbe, die gerade lieblos auf den Kopf einer Besucherin gedrückt wird. Plötzlich ziehen sich die Wolken zusammen. Aus dem Radio in der hinteren Ecke spielt Blondie, „Just go away“. Angstschweiß perlt sich auf meinem Nacken.

„Huhu!“. Mich spricht eine Frau von etwa 55 Jahren an, sie trägt einen Pferdeschwanz, aus dem vorne eine geflochtene Strähne raushängt. Die ist doch nett, denke ich mir, während ich unweigerlich das Bedürfnis habe zu rennen. „Ich würd gern Spitzen schneiden lassen“, sage ich mit derselben Stimme, die ich beim Zahnarzt auflege, leicht mitleidig, damit es nachher auch nicht so wehtut. „Ja gar kein Problem, setz dich“, sagt sie mir. Ihr Name ist Hilde. Während ich auf Hilde warte, schaue ich mich in der eindrucksvollen Lektüreabteilung um. Die Gala aus dem Jahr 2011: Prinz William heiratet gerade seine Kate.

Als ich wieder aufsehe, ist Hildes Gesicht viel zu nah an meinem. „Hast du schon ne Farbe ausgesucht?“, fragt sie, während ich ihren Kaffeeatem rieche. „Nur die Spitzen schneiden, bitte“ sage ich wieder, diesmal eine Oktave höher. Zwischen aufgefegten Haarresten und abgelaufenen Pflegeprodukten fühle ich mich wie ein schüchternes Kind, das im Supermarkt nach Mama sucht. „Ja, machen wir bisschen peppiger, ne?“ Ich sehe in Hildes hoffnungsvolle Augen. Du musst den Menschen auch mal vertrauen, denke ich mir. Und Hilde ist eigentlich ganz nett. Niemand sonst interessiert sich so intensiv für meine Karriere oder mein Liebesleben. Ich nicke nur. An Hildes tiefsitzender Hose sind Klammern befestigt, die sie nach und nach in meinen Kopf rammt. Dann, viel zu schnell, beginnt die Tortur. Bedeckt mit dem schwarzen Umhang lasse ich mich mit fragwürdigen Substanzen und Gerüchen besprühen. „Paar Stufen rein?“ fragt Hilde. „Ja nur so’n bisschen“, antworte ich.

In der Kürze liegt die Würze

50 Prozent meiner Persönlichkeit fällt tot zu Boden. Doch Hilde schneidet weiter, schaut dabei nicht auf meine Haare, sondern zu ihrer Kollegin, die ihr gerade Urlaubsfotos aus der Nordsee zeigt. Wider willen kommen traumatische Erinnerungen an meinen letzten Friseurbesuch auf. „Mal was anderes“ war damals das Ergebnis. Ich versuche, meine Panik zu verstecken. Zur Ablenkung schaue ich nach rechts und links. Rechts sitzt ein etwa 20-jähriger Mann mit Koteletten. Friseurin Bärbel verpasst ihm gerade ein Nike Logo auf der Unterseite seines Nackens. Ich stelle mir vor, wie er in der fragwürdigen Modemarke eines Möchtegern-Rappers durch die Straßen zieht. Mir ist nicht gut.

Links sitzt eine ältere Frau mit dem Haarwuchs eines Neugeborenen. Friseur Sebastian legt jedes einzelne Haar in Lockenwickler, für die Dauerwelle. Als sie unter der Haube sitzt ist es, als würde sie gleich ins weite Universum gebeamt werden. Auf die Fenster des Salons legt sich ein tiefer Schatten. Mir ist, als schüttele Heidi Klum auf dem „Bunte“- Cover vor mir warnend den Kopf. Meine Gedanken schweifen ab, als Hilde meine Stirn packt. „Nicht so viel bewegen, Schatz“, sagt sie. Ich erstarre.

„Sandra, Mariams Tochter, wurde gestern gekündigt“, berichtet Bärbel. Hilde ist entsetzt. „Kann nicht sein“. Bis das Nike Logo rechts fertig einrasiert ist, erfahre ich, wer mit dem Lidl-Verkäufer schläft. Außerdem lassen sich Sören und Rita vom Matratzenladen scheiden. Marlene von nebenan ist schwanger.

Ich sehe in den Spiegel. „Alles ok“, sag ich mir. „Sie ist einfach noch nicht fertig“. „Fertig!“ ruft Hilde. Sie nimmt etwas, das wie ein Fossilienpinsel aussieht und wischt damit grob über mein Gesicht, eine Träne weg. „Gleich viel pfiffiger, gefällt’s dir?“, sagt Hilde. Ihre Augen leuchten. Ich kann sie nicht enttäuschen. „Ich liebe es“ sage ich automatisch. Hilde kennt die Menschen, sie sieht die Verzweiflung in meinem Gesicht. „Soll ich die noch’n bisschen stylen? Bisschen frecher?“. Ich überlege. Vielleicht ist noch irgendwas zu retten. „Ja ok“.

Schlimmer geht immer

Als sie fertig ist, schauen die Besucher von rechts und links mit dem selben Entsetzen wie ich zuvor. Meine Haare sind doppelt so groß wie Hilde und auch genauso schwer, wie die zweifache Mutter. „Viel besser. Jetzt ist auch nicht mehr so brav“, ist sich Hilde sicher. Fürs Leben gezeichnet und pleite verlasse ich den Friseur. Im gegenüber liegenden Schaufensterglas spiegelt sich ein junger Dieter Bohlen. Um ein Haar hätte Hilde mich weinen sehen.

Beitragsbild: Alexandra Prokofev

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