Krisenberichterstattung – Opfer müssen in den Fokus rücken

In Berlin stirbt am Mittwoch (08.06.2022) eine Frau, nachdem ein Auto in eine Menschenmenge gefahren ist. Die Medien stürzen sich auf Infos über den Täter. Thilo Cablitz, Sprecher der Polizei Berlin, bekommt die Gier der Journalist*innen deutlich zu spüren. Es ist eine Randbemerkung, die aufhorchen lässt: Ob die Infos über den Täter überhaupt relevant seien, sagt Cablitz sichtlich genervt. Sie sind es nicht. Ein Kommentar.

Zum jetzigen Zeitpunkt (9.06.2022, 18:30) ist bekannt, dass bei der Tat eine Person getötet wurde, 32 Personen verletzt sind. Bei der toten Person handelt es sich um eine Lehrerin aus Hessen, die mit ihren Schüler*innen auf Abschlussfahrt war. Zu den Verletzen gehören 14 Kinder. Das ist alles, was die öffentlich-rechtlichen Medien über die Tat bis jetzt berichten. Mit Überschriften, wie „Giffey spricht von „Amoktat eines psychisch beeinträchtigten Menschen““ oder „Innensenatorin Spranger: Kein Bekennerschreiben nach mutmaßlicher Amokfahrt“ spiegelt sich das wider, womit auch Polizeisprecher Cablitz zu kämpfen hat: Die Tatsache, dass sich Medien im ersten Moment für den Leidverursacher interessieren, anstatt Anteilnahme mit den Leidtragenden und deren Angehörige zu nehmen.

 

Dieses Interesse ist fatal, was den Täter*innen auch bewusst ist. Laut des Kommunikationswissenschaftlers Robert Kahr sei das Internet, welches in den vergangenen Jahren immer mehr Relevanz als Informationsmedium gewinnen konnte, für Aufmerksamkeit genutzt worden. Die Bevölkerung kommen den Täter*innen entgegen, da sich laut Robert Kahr ein starkes Bedürfnis [in der Bevölkerung] feststellen lasse, die Hintergründe und Motive der Taten zu verstehen. Die Menschen würden von einem guten Weltbild ausgehen. Wird dieses zerstört, entstehe ein intensives Bedürfnis die Ursachen zu verstehen und öffentlich via Medien zu diskutieren. Das ist verständlich, aber abseits der Frage über Täter*innen und Tatgeschehen gehören zu den Hintergründen – natürlich mit der nötigen Diskretion – auch die Opfer und ihre Geschichten. Was tun die Bewohner*innen aus dem Heimatort der getöteten Lehrerin, um ihr zu gedenken? Einen Tag nach der Tat detailliert darüber zu berichten ist zwar nicht unbedingt ein Paradebeispiel für ethische Vertretbarkeit. Tickr.news, ein Instagramaccount des WDR, trifft jedoch die goldene Mitte und postet am Mittwochmorgen einen Feedpost, in dem er über das Gedenken in Berlin und dem Heimatort der Lehrerin informiert. Diese Berichterstattung ist bis jetzt aber eine Rarität unter den vielen Posts und Tweets zum Thema. Die Opfer geraten somit in Vergessenheit, der Täter wird sich mit seiner Tat hingegen in das Gedächtnis der Gesellschaft einbrennen.

Gebt den Opfern eine Stimme!

Um das zu verhindern, ist es wichtig die Opfer zu Wort kommen zu lassen, ihnen auf eine sachliche Art eine Stimme zu geben. Ein wichtiger Faktor ist dabei die Zeit. Überlebenden und Zeug*innen von Gewalttaten mag es schwerfallen, schon nach kurzer Zeit darüber zu reden; Traumata spielen dabei eine große Rolle. Es ist ebenfalls wichtig, ihnen Anonymität zuzusichern, wenn sie es wollen. Die Sensibilisierung von Journalist*innen für die Betroffenen ist da ein wichtiges Stichwort. Es ist verständlich, dass Bürger*innen an Informationen über Opfer interessiert sind. Es scheint aber nur Verständnis für die Diskretion zu herrschen, wenn Menschen selbst oder ihre Angehörigen ebenfalls Betroffene von Gewaltverbrechensind.

Die ständige Gefahr der Nachahmung

Im Laufe des Tages hat das ZDF eine Luftanimation vom Weg des Täters veröffentlicht. Ob das eine Information ist, auf die die Bevölkerung besteht, ist fraglich. Eine Meinungsbildung über die Tat wäre auch ohne dieses Video möglich gewesen. Kahr trifft es auf den Punkt: Bei Krisenberichterstattung stoßen Journalist*innen auf ein Dilemma: Entweder würden sie detailliert über die Täter*innen sowie ihr Vorgehen berichten und würden so damit Gefahr laufen die Propaganda der Täter*innen  zu verbreiten oder sie würden sich entscheiden eben diese Details zu verschweigen. Der Hunger nach Informationen der Bevölkerung würde so nicht gestillt werden, sodass diese womöglich zur Konkurrenz abwandern würde. Die Profitgier macht also auch vor der Tragik keinen Halt. Anhand der bereits genannten Überschriften lässt sich dies leider bestätigen. Retraumatisierungen sind bei einer intensiven Berichterstattung über Täter*innen und den Tatvorgängen so gut wie vorprogrammiert. Ein Video über eine Route reicht eben aus, um die Angst vor Nachahmungstaten zu erwecken oder an Taten erinnert zu werden, die ähnlich abgelaufen sind.

Ein Kommentar unter dem Video mit Thilo Cablitz lobt seine Aussage. Ein schlichtes „Gut gemacht“ schreibt @7dietsch. Mehr Worte braucht es nicht. Cablitz gibt den Journalist*innen nicht das, was sie wollen und das ist auch gut so. Er rückt den Täter nicht ins Rampenlicht. Wenn jedoch das nächste Auto in eine Menschenmenge gefahren ist, eine weitere Bombe dutzende Menschen tötet und in den USA der nächste Schulamoklauf stattfindet, ist diese Position nicht garantiert. Die Medien werden verständlicherweise nach einen Grund für die Tat suchen, setzen jedoch an der völlig falschen Stelle an.

Beitragsbild: Wiebke Johanna Jung

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