Heilen mit Musik – So funktioniert Musiktherapie

Wenn wir Musik hören, empfinden wir etwas. Und manchmal kann Musik sogar Schmerzen lindern oder Krankheiten heilen. Das nutzen Musiktherapeut*innen, um ihren Patient*innen zu helfen. Und die Musik wirkt – manchmal sogar besser als Tabletten.

Menschen hören Musik. Das ist ein altes Konzept. Die erste bekannte Melodie der Welt wird auf etwa 1400 vor Christus datiert und stammt aus Ugarit, das im heutigen Syrien liegt. Heute, beinahe 3500 Jahre später, gehört die Musik längst zu unserem Alltag. Wir hören sie im Auto, in der Bahn oder beim Spazieren gehen. Im Supermarkt und im Wartezimmer läuft das Radio. Kaum ein Film kommt ohne stetige musikalische Untermalung aus. In der Fußgängerzone spielt jemand das Akkordeon, wir tanzen zu Musik im Club oder nutzen sie als unaufdringliche Hintergrundbeschallung beim Abendessen mit Freund*innen. Musik ist bereits ein so großer Bestandteil unseres alltäglichen Lebens, dass wir manchmal vergessen, wie außerordentlich besonders sie eigentlich ist.

Musik kann mehr als nur unterhalten. Musik kann auch heilen. Sie kann helfen, Schmerzen zu lindern oder den Herzschlag zu beruhigen. Deshalb wird Musik immer öfter in der Therapie eingesetzt. Sie wird in der Demenztherapie verwendet und hilft Kindern mit Entwicklungsstörungen. Sie macht uns glücklich, wenn wir traurig sind und hilft, uns zu erinnern, wenn wir vergessen. Musik bewegt etwas in uns. Wie kann es überhaupt sein, dass eine im Grunde mathematische Folge von Tönen ein Gefühl in uns auslöst?

Musik imitiert die menschliche Stimme

Was macht die Musik mit uns, dass wir Emotionen wie Trauer, Wut oder Freude empfinden können, wenn wir bloß zuhören? Dafür ist es wichtig, zu verstehen, warum das menschliche Gehirn Musik überhaupt als solche wahrnimmt. Dr. Hauke Egermann ist Experte für Musikpsychologie und Professor am Institut für Musik und Musikwissenschaft der TU Dortmund. Er erklärt, dass die Musik nicht nur aus Tönen besteht: „Musik hat ja verschiedene Bestandteile. Das sind Tonhöhen, Klänge, Melodien, Rhythmen und Harmonien , die da alle zusammenkommen und auf uns eine Wirkung haben. Warum es diese Wirkung gibt, ist natürlich eine große, große Frage“.

Um diese Frage zu beantworten, gibt es verschiedene Theorien und Forschungsansätze. „Ich würde sagen, Musik hat für uns etwas mit emotionaler, affektiver Kommunikation zu tun“, erklärt Hauke Egermann. „Leute sagen, dass zum Beispiel eine Melodie den Ausdrucksgehalt von einer Stimme nachempfinden kann. Da gibt es zumindest eine ganze Reihe von Überschneidungen“. Menschen als soziale Wesen seien darauf gepolt, auf die Emotionen anderer Menschen zu reagieren, sich darauf einzustellen und mit ihnen mitzufühlen, erklärt der Professor. „Deshalb wirkt Musik auf uns. Weil sie Emotionen von anderen ausdrückt“.

Prof. Dr. Hauke Egermann
Bild: Felix Schmale/ TU Dortmund

Neben dieser urbiologischen Erklärung gibt es aber auch noch einen anderen Ansatz. „Die persönliche Biografie und die persönlichen Erinnerungen und Bedeutungen, die spielen natürlich immer eine Rolle. Besonders bei dem persönlichen Musikgeschmack, den man so hat“, erklärt der Musikpsychologe. Bei Alzheimer-Patient*innen gebe es beeindruckende Beispiele, wie Musik die Erinnerung einer Person wieder reaktivieren kann. Sie verknüpfe einen Menschen wieder mit seiner Identität. Außerdem seien musikalische Erinnerungen unabhängig von anderen Erinnerungen. Sie bleiben länger bestehen. Es gebe zum Beispiel Demenzpatient*innen, die ihre eigenen Angehörigen nicht erkennen, schon aber ihr Lieblingsmusikstück und da würden sie dann drauf reagieren. „Vermutlich aktiviert die Musik Erinnerungen an Vergangenes, an schöne Momente, an die Jugend und solche Dinge. Und damit wird dann in der Musiktherapie gearbeitet“.

Einsatz von Musiktherapie bei Entwicklungsstörungen

Mit diesen Ansätzen arbeitet auch Beata Kulicki. Die studierte Musikerin und Musiktherapeutin gründete 1998 die Musikschule Kammerton in Dortmund und unterrichtet seither Kinder und Jugendlichen verschiedener Altersgruppen. Lange forschte sie auch auf dem Gebiet der Musiktherapie und bietet diese zusätzlich in ihrer Musikschule an. Die Musiktherapie sei etwas sehr Individuelles, findet sie:. „Nicht jeder spricht auf die gleiche Art von Musik gleich gut an“, erklärt Kulicki. Zwar könne Musik unter anderem bei Schlafproblemen helfen, man müsse sich aber genau überlegen, welche Musik man dafür auswählt. „Es bringt nichts, Musik zu hören, die mit ihren Grundschlägen deutlich über der normalen Herzfrequenz von circa 80 Schlägen pro Minute liegt und einen eher aufregt. Das ist zum Beispiel bei Technomusik mit etwa 200 Grundschlägen pro Minute der Fall“, erklärt die Musiklehrerin. „Verschiedene Musikarten, wie Klassik, Jazz oder Pop, können beruhigend wirken. Ganz besonders, wenn man die Stücke oder Lieder mit schönen Erinnerungen verbindet“, ergänzt sie.

Große Erfolge zeigen sich bei Kindern mit Entwicklungsstörungen. Die Musik helfe Kindern, sich auszudrücken. So könnten sie sich mitteilen, ohne sprechen zu müssen. Ein Teil von Kulickis Konzept ist es auch, Kinder, die besondere Aufmerksamkeit brauchen, in die Klassen ihrer Musikschule einzugliedern. „So können alle Kinder voneinander profitieren“. Da würden zum Beispiel Spiele gespielt, bei denen sie sich vorstellen müssen, ohne etwas zu sagen. Anstatt von Worten wird ein Instrument benutzt. „Und manchmal bitte ich die Kinder, nicht sich selbst vorzustellen, sondern eines der anderen Kinder. Dann muss ein Kind, das eigentlich sehr schüchtern ist und Schwierigkeiten hat, zu kommunizieren, mal auf die Trommel hauen“. So lernen sie Empathie und stärken ihre kommunikativen Fähigkeiten. Auch Kinder mit Koordinationsproblemen können durch die Musik ihre Fähigkeiten verbessern. Eigentlich sei das Gehirn auf Symmetrie gepolt, erklärt die Musiklehrerin. Jede*r, der schon einmal versucht hat, mit beiden Händen gleichzeitig zu zeichnen, kenne dieses Phänomen. Es fühle sich viel natürlicher an, die Hände dabei gespiegelt zueinander zu bewegen, anstatt mit beiden von links nach rechts, oder sogar unterschiedliche Formen zu zeichnen. Diese Koordinativen Fähigkeiten können beim Musizieren jedoch trainiert werden. Beim Klavierspielen oder beim Trommeln müsse man die Hände zum Beispiel komplett unabhängig voneinander bewegen. „Natürlich kann man diese Fähigkeiten auch trocken , also ohne Instrumente, üben“, erklärt Beata Kulicki. „Es macht aber mehr Spaß, einen Rhythmus auf einer Trommel zu spielen, als auf einer Tischplatte“.

Auch Schmerzen können mit Musik behandelt werden

Sogar in der Schmerztherapie findet Musik Verwendung. „Wir wissen ja alle, dass die Zeit schneller vorbei geht, wenn wir Musik hören. Deshalb hören wir sie beim Joggen oder beim Putzen und Aufräumen“, erklärt die Musiklehrerin. „Bei unangenehmen Prozeduren in der Medizin kann die Musik helfen, von den Schmerzen abzulenken“.

Auch bei der Behandlung chronischer Schmerzen wird Musik eingesetzt. Sie bewirkt eine geringere Ausschüttung von Stresshormonen und scheine die Patient*innen geradezu von ihren Schmerzen abzuschirmen. In der Therapie wird dabei zwischen zwei Ansätzen unterschieden. Bei dem ersten Ansatz hören die Patient*innen der Musik nur zu. Diese sogenannte rezeptive Musiktherapie soll helfen, die Selbstwahrnehmung und das eigene Körperbewusstsein zu stärken. Schmerz hat häufig eine psychosomatische Ursache. Das bedeutet, dass psychischer Stress in körperlichen Schmerz umgewandelt wird. Sich auf den eigenen Körper zu besinnen und Musik meditativ wahrzunehmen, kann emotionalen Stress und damit auch häufig körperliche Beschwerden lindern. Bei dem zweiten Ansatz musizieren die Patient*innen selbst. Das geht mit Instrumenten oder auch der eigenen Stimme. Manchmal reicht es sogar, einfach nur Töne zu produzieren. Bei dieser aktiven Therapieform soll der Selbstausdruck gestärkt werden. So kann zum Beispiel gezielt nach Klängen gesucht werden, die den Schmerz repräsentieren oder auch nach Klängen, die ihn lindern. Das kann dabei helfen, den Schmerz zu lokalisieren. Über die verschiedenen Therapieformen und Anwendungsbereiche informiert auch die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft auf ihrer Website.

 „Bei mir war es nur als Begleittherapie sinnvoll.“

Wie jede Therapieform ist die Musiktherapie kein Allheilmittel und nicht jede Person spricht gleich gut darauf an. Anna 1 wurde bei einem stationären Aufenthalt in einer Klinik wegen einer Essstörung und Depressionen behandelt . Die Musiktherapie konnte sie vor allem ablenken. „Wir haben zum Beispiel viel getrommelt, also mit Rhythmen gearbeitet“, erzählt die 22-Jährige. „Es gab aber auch viele Instrumente, an denen man sich ausprobieren konnte. Und wir haben viel gesungen. Es war alles relativ frei“.

Dass die Musiktherapie ihre Depressionen geheilt hat, denkt Anna nicht: „Es hat mir vor allem viel Spaß gemacht. Das Gruppengefühl war schön und es hat abgelenkt“. Aber ob es ihr wirklich geholfen hat, sei schwer zu sagen. „Ich war mir teilweise unsicher, was mir das bringen soll. Wenn wir zum Beispiel unsere Gefühle vorspielen sollten, habe ich mich teilweise etwas lächerlich gefühlt“.

Die Musiktherapie ist kein Allheilmittel

Damit die Musiktherapie als Behandlungsform etwas bringt, müsse man intensiver damit arbeiten, findet Anna. „Also bei mir war es auf jeden Fall nur als Begleittherapie sinnvoll. Weil man ja nur ganz kleine Elemente genutzt hat. Es kommt auch darauf an, weswegen man sich in Therapie begibt. Bei Depressionen kann es schon helfen, neue Dinge und Perspektiven zu entdecken. Aber es gibt psychische Erkrankungen, die sind so kompliziert und so tief verankert, da braucht es eine Standardtherapie. Da kann eine Musiktherapie sicher begleitend helfen, aber nicht so viel am Problem ändern“.

Dessen ist sich Beata Kulicki bewusst. „Man kann natürlich viel falsch machen“, erklärt die Musiklehrerin. „Vor allem bei Depressionen muss man sehr vorsichtig sein und den Patienten gut kennen. Man kann ihn ja zum Beispiel etwas aussetzen, worauf er schlecht reagiert“. Dennoch glaubt sie an die heilende Wirkung von Musik. „Wenn die Fähigkeiten im Alter nachlassen, hilft es, ein Instrument zu lernen. Kinder, die blind geboren sind, können sich dadurch besser koordinieren und in der Welt zurechtfinden“. Vor allem aber dringt Musik dorthin vor, wo Tabletten nicht wirken. Da ist auch Beata Kulicki sich sicher: „Musik kann Teile des Körpers, der Seele und des Geistes erreichen, die anders nicht zu erreichen sind“.

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Credits Beitragsbild: Renáta Adrienn Uri auf Pixabay

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