Hanteln statt Fußball – Wie der Sport sich wandelt

Das Sportverhalten in der Gesellschaft verändert sich. Während sich früher alle im selben Sportverein trafen und gemeinsam kickten, geht der eine heute bouldern und die andere ins Fitnessstudio. Warum dies eine Bereicherung sein kann.

„Zwei Schritte zuvor, zwei Schritte zurück und dann zack.“ Die laute Stimme übertönt die Geräuschkulisse. Es ist ein später Nachmittag im Februar. In der Sporthalle des TSC Eintracht Dortmund ist die Stimmung aufgeregt. Rufe und das Quietschen von Sportschuhen auf dem Boden vermischen sich miteinander. Jana Breer steht in der großen Halle. Ihr Körper ist angespannt. Das rechtes Bein hat sie leicht angewinkelt und einen kleinen Schritt vor dem linken aufgesetzt. Jeder Zentimeter von Janas Körper ist von einem weißen Ganzkörperanzug bedeckt. Ihr Gesicht liegt hinter einer schwarzen Maske verborgen.

Janas Blick ist durch das stählerne Gesichtsgitter auf einen Mann gerichtet, der ihr in einigen Metern gegenübersteht und die Anweisung für die nächste Übung gibt. Der Mann ist Janas Trainer. Zwei Schritte zuvor, zwei zurück. Dann macht Jana eine plötzliche Schwungbewegung mit ihrem Arm. In ihrer Hand hält sie einen Säbel und mit erhobenem Arm macht sie einige schnelle Schritte in Richtung ihres Trainers. Jana ist Fechterin.

Jana trainiert auf Leistungssportniveau Fechten beim TSC Eintracht Dortmund. Foto: Maike Kotthaus

Die 19-jährige Schülerin trainiert auf Leistungssportniveau beim TSC Eintracht Dortmund. „Und noch einmal.“ Janas Trainer treibt sie an. Will den Bewegungsablauf wieder und wieder mit ihr üben. „Meine Kondition ist noch nicht wieder ganz da, nachdem ich krank war“, seufzt Jana in einer kleinen Pause. Doch das Training muss weitergehen. In drei Wochen ist ein Wettkampf in Athen, auf dem Jana kurzfristig starten kann. Bis zu vier Mal pro Woche steht sie selbst in der Halle, dazu kommen Wettkämpfe und ihre ehrenamtliche Mitarbeit beim Verein. Jana trainiert den Fecht-Nachwuchs und ist als stellvertretende Vereinsjugendleiterin tätig.

Vereine sind nicht mehr die zentralen Orte des Sportes

Dass Vereine fast die einzige Möglichkeit sind, um Sport zu treiben, hat sich mittlerweile geändert, erklärt Professor Dr. Jörg Thiele. Er ist Sportwissenschaftler an der TU Dortmund und forscht unter anderem zu der Entwicklung des Sportverhaltens der Gesellschaft. „Bis vor zwei, drei Jahrzehnten war der Sportverein eigentlich der einzig zentrale Ort des vororganisierten Sporttreibens für fast alle Bevölkerungsgruppen“, erklärt Thiele. Laut der jährlichen Bestandserhebung des Deutschen Olympischen Sportbundes ist die Anzahl der Vereine seit einigen Jahren rückläufig. 2023 betrug sie rund 86.400, vor zehn Jahren waren es noch fast 91.000.

Entwicklung der Gesamtzahl an Sportvereinen in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren. Grafik: Maike Kotthaus

Anders als Jana widmet sich Raphaela Wolf ganz dem Fitnesssport. Heute steht sie in einem Studio in Dortmund und stemmt Hanteln. Ihre Haare sind zurückgebunden und ihr Gesicht ist konzentriert, während sie mit den Gewichten ihre Arme trainiert. Raphaela trägt Kopfhörer, die Musik ist von außen nur gedämpft zu hören. „Ich mag es, im Fitnessstudio für mich zu sein“, erzählt sie. Vor fünf Jahren hat die 23-Jährige mit dem Fitnesssport angefangen und trainiert mittlerweile mehrmals in der Woche.

Wenn Raphaela nicht gerade im Studio Hanteln stemmt, studiert sie an der TU Dortmund Erziehungswissenschaften. Vor ihrem Abitur war Raphaela fast 15 Jahre Leistungsturnerin in einem Verein. Das Training im Fitnessstudio ist ihr mittlerweile lieber. „Beim Turnen im Verein bin ich irgendwann nicht mehr so gut mit dem ganzen Leistungsdruck klargekommen. Das hat mir persönlich einfach den Spaß am Sport genommen.“ Sie schätzt die flexiblen Trainingszeiten des Fitnesssports. Der Sport im Fitnessstudio passt einfach mehr in meine momentane Lebensrealität als Studentin. Außerdem bin ich an keine Vorgaben durch einen Verein gebunden.“

Kommerzielle Einrichtungen zum Sport machen sind beliebter geworden

Kommerzielle Einrichtungen wie Fitnessstudios sind noch nicht lange so populär. „Wenn man auf die Zeit seit Beginn des neuen Jahrtausends blickt, dann hat sich etwas Entscheidendes in Bezug auf das Sportverhalten unserer Gesellschaft verändert“, sagt Jörg Thiele. „Das ist die flächendeckende Etablierung von Fitnessstudios. In den Achtzigern hatte man da eher noch diese klassischen ‚Muckibuden‘, die hauptsächlich von Bodybuildern besucht wurden.“ In den vorigen Jahren seien kommerzielle Einrichtungen zum Sporttreiben zunehmend beliebter geworden und hätten sich weiterentwickelt. Dazu zählen Fitnessstudios, aber zum Beispiel auch Boulderhallen. Fast elf Millionen Menschen waren in Deutschland 2023 im Fitnessstudio angemeldet. Das zeigt der jährliche Ergebnisbericht der Entwicklung der Deutschen Fitnesswirtschaft. Beachtliche Zahlen, wie Jörg Thiele findet, denn die Mitgliederzahlen hätten sich seit 2003 fast verdreifacht.

Entwicklung der Anzahl an Mitgliedschaften in Fitnessstudios in den vergangenen 20 Jahren. Grafik: Maike Kotthaus

So wie Raphaela scheint es vielen Personen zu gehen. Besonders merke man das bei der Gruppe von Kindern und Jugendlichen, sagt Jörg Thiele. Denn das sei eigentlich die Gruppe, für die der Vereinssport gemacht sei. Dr. Sebastian Gehrmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bielefeld, hat 2023 an einer Analyse mitgewirkt, die sich mit dem scheinbaren Trend hin zum Individualsport beschäftigt. In der Analyse haben die Forschenden die Sportartpräferenzen von 16- bis 17-Jährigen untersucht. Das Ergebnis: Noch 2000 sind überwiegend Mannschaftssportarten genannt worden. Der Fitnesssport habe zu diesem Zeitpunkt bei den meisten Jugendlichen in dem Alter scheinbar noch keine große Rolle gespielt, erklärt Gehrmann. „Die Bedeutung des Individualsports scheint bei Jugendlichen in den darauffolgenden Jahren immer weiter angestiegen zu sein. Für diese Entwicklung ist hauptsächlich der Fitnesssport verantwortlich“, sagt Gehrmann.

In der Sporthalle des TSC Eintracht Dortmund hat Jana ihren Einzelunterricht inzwischen beendet. Zwei Stunden zur Vorbereitung für den Wettkampf. Mittlerweile ist sie seit drei Stunden in der Halle. Sie ist verschwitzt und geschafft. Aber es gibt nur eine kurze Pause. Denn bevor später am Abend noch ihr Gruppentraining ansteht, übt Jana nun mit dem Nachwuchs – Kinder zwischen sieben und elf Jahren. Sie schiebt einige Bänke zur Seite und holt Säbel aus einem großen Schrank. Während ihr Trainer die Aufwärmübungen mit den Kindern macht, hat sie Zeit, um zu verschnaufen und etwas zu essen. „An solchen Tagen bin ich dann schonmal so sechs bis Stunden hier in der Halle.“

Nach gut zwanzig Minuten endet die ruhige Pause. Jana muss wieder in die Halle. Zuerst stehen einige Übungen auf dem Programm. Dann testet Jana in einem Spiel die Reflexe und Reaktionsfähigkeit der Kinder. Angriffsposition aufstellen, der Säbel vor dem Körper, die Beine angewinkelt. Klatscht Jana einmal, sollen die Kinder einen Schritt vor machen. Klatscht sie zweimal, einen Schritt zurück. Wird ein Fehler gemacht, gibt es eine Strafaufgabe. Zwischendurch albert sie mit den Kindern herum, spielt am Ende noch eine Runde fangen mit ihnen.

Jana arbeitet ehrenamtlich bei dem TSC Eintracht Dortmund und gibt Jugendlichen Fechttraining. Foto: Maike Kotthaus

Das Sportverständnis in der Gesellschaft hat sich verändert

„Mit dem großen Fokus auf den Vereinssport waren früher feste Strukturen vorgegeben, da es nur wenig andere Angebote gab“, sagt Sportwissenschaftler Jörg Thiele. Den Vorgaben des Vereins habe man sich somit auch anpassen müssen. Ein klarer Unterschied sei deswegen, dass der Individualsport diese Schranken nicht habe. „Für viele Menschen ist es natürlich sehr attraktiv, dann Sport zu treiben, wann es ihnen selbst in den Zeitplan passt und sich nicht nach äußeren Vorgaben richten zu müssen“, fügt Thiele hinzu. „Ich glaube, diese individuelle Entscheidungsfreiheit und Flexibilität sind zentrale Merkmale, die dazu geführt haben, dass andere Anbieter neben den Vereinen überhaupt so eine große Bedeutung erlangt haben.“

Allerdings sind die genauen Motive für diese Entwicklung noch nicht gut erforscht, erklärt Sebastian Gehrmann. Klar sei, dass es mittlerweile mehr Möglichkeiten und somit auch mehr Motive gibt, um Sport zu treiben. „Durch zeitliche Flexibilität und die Unverbindlichkeit des Individualsports hat sich das Sportverständnis in der Gesellschaft verändert.“

Einen Bereich, den diese Entwicklung ebenfalls betrifft, ist das Ehrenamt. Laut Zahlen der Verbrauchs- und Medienanalyse waren 2018 rund 11,73 Millionen Menschen ehrenamtlich tätig. Dabei ist die ehrenamtliche Tätigkeit in Sportvereinen sehr beliebt. Fast 40 Prozent der Ehrenamtlichen engagierten sich demnach in dieser Zeit dort. „Die Strukturen der Vereine können nur durch das Ehrenamt überhaupt aufrechterhalten werden“, sagt Sebastian Gehrmann. „Deswegen wird es auch zu einem großen Teil von der Entwicklung des ehrenamtlichen Engagements abhängen, wie die Zukunft vieler Sportvereine aussehen wird.“

Der Einfluss der sozialen Medien

Wer viel auf Instagram oder TikTok unterwegs ist, der merkt, dass der Fitnesssport auf Social Media omnipräsent ist. Viele posten dort ihre Workout-Routinen im Fitnessstudio oder laden Selfies von sich in Sport-Outfits hoch. „Das mache ich wirklich eher selten“, erzählt Raphaela. „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich das anderen auf Social Media zeigen muss, wenn ich ins Fitnessstudio gehe. Allerding sehe ich diese Art von Posts natürlich auch bei vielen anderen.“

Insgesamt nehme der Fitnesssport in den sozialen Medien eine sehr große Rolle ein, bestätigt Elke Grimminger-Seidensticker. Sie ist Professorin an der Universität Paderborn und hat sich in verschiedenen Forschungsarbeiten mit dem Zusammenhang von Fitness-Content in den sozialen Medien und dem Sportverhalten von Jugendlichen auseinandergesetzt. „Dadurch gibt es natürlich eine riesige Auswahl an Inhalten. Die Nutzer*innen werden so in ihren individuellen Interessen abgeholt. So können die Fitness-Beiträge für viele als Inspirationsquelle oder als Motivation dienen, Sport zu treiben.“

Trotzdem sei sie der Meinung, dass Social Media nicht zwangsläufig die Bedürfnisse und Präferenzen  aller Sporttreibenden erfülle. „Menschen machen aus unterschiedlichen Motivationen heraus Sport. Wer mit dem Motiv Fitness und Gesundheit Sport treibt, möchte oft auch am  eigenen Körpern arbeiten und findet in den sozialen Medien dazu viele Angebote.“ Aufgrund von Social Media würden aber auch nicht auf einmal Menschen aufhören, Sport zu treiben, die vorher im Verein aktiv waren. „Die machen meist sowieso aus anderen Bedürfnissen, wie zum Beispiel dem sozialen Miteinander oder um Freunde zu treffen, heraus Sport.“

Auch Raphaela gesteht sich ein, dass die sozialen Medien dennoch eine Wirkung auf ihr Denken und Verhalten haben. „Natürlich mache ich Sport für meine Gesundheit. Aber gerade im Fitnesssport hat man eben auch die Möglichkeit, seinen Körper sehr zu definieren. Das ist mir schon auch wichtig.“ Es sei aber auch wichtig, sich nicht zu sehr mit anderen Personen auf Social Media zu vergleichen. „Ich versuche, das nicht so sehr an mich selbst heranzulassen, sondern mich beim Sport auf mich selbst zu konzentrieren.“

Andere Werte sind wichtig geworden

Die Körperformung und -gestaltung haben im Sport bisher immer eine sekundäre Rolle gespielt, betont Jörg Thiele. „Dass man die Gestaltung des eigenen Körpers in den Mittelpunkt der sportlichen Aktivitäten stellt, ist eine neuere Entwicklung.“ Der Sport und das Sportverhalten in der Gesellschaft wandele sich immer wieder, erklärt Thiele. „Diese Entwicklung, die wir momentan sehen, ist etwas ganz Normales. So wie viele andere unserer Lebensbereiche, verändert sich eben auch der Sport und das Sportverhalten in der Gesellschaft.“ Dies passiere aber (noch) nicht auf Kosten der Sportvereine. „Die Anzahl der Sportvereine war zwar in den letzten Jahren etwas rückläufig, das reicht aber nicht, um von einem ‚Vereinssterben‘ sprechen zu können.“

Die Tendenz zum individualisierten Sporttreiben  in der Gesellschaft greife also nicht zwangsläufig die Vereinsmitglieder ab. „Das kann sich in den nächsten Jahren noch ändern. Es ist sehr schwer vorauszusagen, wie es den Sportvereinen in den nächsten fünf Jahren oder im nächsten Jahrzehnt gehen wird.“ Im Moment würden die Entwicklungen eher nebeneinander geschehen – und schüfen so Platz für ein größeres Sportangebot. „Jugendliche und junge Erwachsene hatten noch nie so viel Auswahl und Möglichkeiten, um Sport zu treiben, wie im Moment“, so Thiele.

Für Jana endet der Tag im Verein an dem Abend um 21 Uhr nach dem Gruppentraining. Etwas erleichtert ist sie schon, dass sie nach dem langen Tag nun nach Hause gehen kann. Doch davor ist Aufräumen angesagt. Mit den anderen Teilnehmer*innen ordnet sie die Materialien und packt ihren Trainingsanzug zusammen. „Natürlich sind solche Tage immer sehr anstrengend. Es ist aber einfach auch toll, so ein Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe zu erleben. Wir motivieren uns untereinander und helfen uns weiter. Deswegen mag ich den Vereinssport auch so gerne.”

 

Beitragsbild: pixabay.com/rollinart

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