Wenn aus 22 Stimmen eine wird

Der Dortmunder A-capella-Chor Sounding People singt Pop-Songs und kommt damit auch auf internationaler Ebene gut an. Für Chorleiter Indra und die Sänger*innen steht dabei nicht der Erfolg an erster Stelle, sondern der Spaß an der Musik.

Noch ein letztes Mal bilden alle einen großen Kreis und legen ihre Hände in der Mitte aufeinander, bevor sie diese nach oben schwingen und gemeinsam „Sounding Family“ rufen. Dann ist es so weit: Sounding People wird aufgerufen. Der Chor betritt die Bühne auf dem Alten Markt. Unter Applaus schnappen sich alle Sänger*innen ihre Mikrofone und bilden einen Halbkreis. Sie stimmen den ersten Ton an und ihre verschiedenen hohen und tiefen Stimmen verschmelzen zu einem Klang.

Sounding People wirkt beim Fest der Chöre wie ein eingestimmtes Team. Foto: Alina Wortmann

Sounding People ist ein A-capella-Chor. Das bedeutet, dass die Sänger*innen allein mit ihren Stimmen Musik machen. Dabei werden sie weder von Instrumenten noch Playbacks begleitet. Genau wie bei diesem Auftritt in der Dortmunder Innenstadt, beim „Fest der Chöre“. Hier sind die Sounding People 2015 zum ersten Mal überhaupt aufgetreten. Sieben Jahre später stehen sie als Sieger*innen auf der gleichen Bühne. Im November letzten Jahres gewannen sie in Belgien den ersten Platz bei den „World Choir Games“ in der Kategorie Jazz & Pop Ensembles.

Den Dortmunder Chor gibt es seit 2015. Mit 15 Mitgliedern haben die Sounding People angefangen, mittlerweile sind sie 22. Die A-capella-Sänger*innen singen Lieder aus modernen Musikrichtungen wie Pop, Rock und R‘n‘B. Manche von ihnen singen daneben in anderen Chören, sind nebenberuflich mit ihrer Musik aktiv oder Teil einer Band. So auch Chorleiter Indra Tedjasukmana. Der 38-Jährige hat neben der Leitung noch eine weitere wichtige Funktion inne: das Beatboxen. „Als Beatboxer bin ich wie der Schlagzeuger des Chors. Das heißt: Ich gebe das Tempo und die Geschwindigkeit des Songs vor und sorge für den Rhythmus und den Groove, damit das alles tanzbar wird.“

Stimmen so ausdrucksvoll wie Instrumente

An dem Abend sitzt jeder Schritt bei den Choreographien auf der Bühne. Foto: Alina Wortmann

Die Musik der Sounding People soll mit der Power und Lautstärke von Bands, die mit Gesang und Instrumenten musizieren, mithalten können. Auf der Bühne in Dortmund erklingen die ersten Töne von Dua Lipas „Don‘t Start Now“. Der Beat setzt ein, der Chor singt „Uuh“, erst leise, dann immer lauter und höher. Inzwischen sind die Sänger*innen aus der Mitte einen Schritt nach vorn gegangen, sodass aus dem Halbkreis eine Reihe entstanden ist. Die Frontsängerin tritt hervor und fängt an zu singen: „If you don‘t wanna see me…“.

Mit einer Körperwelle in Richtung Publikum stimmen die anderen ein. Indras Beat gibt den Rhythmus vor, die Sänger*innen bauen mit ihrem Gesang darauf auf, als hätte man den Ton mit einem Verstärker noch weiter aufgedreht. Die verschiedenen Stimmen vereinen sich zu einem Klang und die unterschiedlichen Parts ergänzen sich, passend zum Lied. Während sie singen, bewegen sich die Sänger*innen vor und zurück, drehen sich mit ihren Oberkörpern zur Leadsängerin. Zu den Schlussakkorden strecken alle gleichzeitig ihre geballte linke Hand in die Luft, passend zum finalen „Ooh“, das sie ins Mikrofon singen.

Bei den Proben wird modern mit Ipads gearbeitet. Foto: Alina Wortmann

„In erster Linie machen wir Musik, weil es uns Spaß macht. Dabei definieren wir uns nicht über gewonnene Preise oder Titel“, so Indra Tedjasukmana. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – sind Sounding People sehr erfolgreich mit ihrer Musik und das sogar auf internationaler Ebene. Bei einem internationalen Chorwettbewerb in den Niederlanden 2019 gewannen sie in der Kategorie „Jazz & Pop Choirs“ und qualifizierten sich so für die World Choir Games – ein Wettbewerb für Amateur-Chöre, der 2021 in Belgien stattfand. Außerhalb des Chors üben die Mitglieder unterschiedliche Berufe aus: Manche sind im IT-, Gesundheits-, oder sozialen Bereich tätig. Andere sind Musiklehrer*innen oder studieren. Obwohl viele in ihrem Alltag einen Beruf ausüben, der nicht viel mit Musik zu tun hat, haben sie alle eine Sache gemein: „Wenn ich uns in einem Satz beschreiben müsste, würde ich sagen, wir machen Musik aus Leidenschaft“, sagt Chorleiter Indra.

Pitch Pipe gibt ersten Ton vor

Die Teilnahme an den World Choir Games im vergangenen Jahr war für alle ein besonderes Erlebnis: Insgesamt hatten sich über 300 Chöre aus mehr als 50 Nationen für die unterschiedlichen Kategorien des Wettbewerbs qualifiziert – und Sounding People belegte in der Kategorie Jazz & Pop Ensembles den ersten Platz. Indra Tedjasukmana freut sich über den Sieg: „Es ist ein tolles Gefühl, sich jetzt Champion der World Choir Games nennen zu dürfen.“ In ihrer Heimatstadt Dortmund stehen die Sounding People immer noch gern auf der Bühne: Beim Fest der Chöre dürfen sie das Abendkonzert auf dem Alten Markt eröffnen. Sie singen Lieder wie „24K Magic“ von Bruno Mars und „Breathin‘” von Ariana Grande. Ihre Zuschauer*innen wippen im Takt der Musik mit ihren Beinen, manche singen und klatschen mit.

Beim Singen orientieren sich alle an Indra Tedjasukmana, der als Beatboxer das Tempo vorgibt. Foto: Alina Wortmann

Um ihre vielen Stimmen in Einklang zu bringen und sich auf Auftritte wie diesen vorzubereiten, proben Sounding People jeden Montagabend. Zu Beginn stellen sich alle in einem Halbkreis gegenüber von Indra auf, der die Stimmübungen zum Aufwärmen anleitet. Er gibt, wie üblich, den ersten Ton mit seiner „Pitch Pipe“ vor, die anderen stimmen mit ein. Die Pitch Pipe ist eine kleine, runde Pfeife, an dessen Tönen sich die Sänger*innen orientieren. Deshalb wird sie auch „Stimmpfeife“ genannt. Bei einer anderen Aufwärmübung atmen die Sänger*innen möglichst lange mit den Buchstaben „S“  und „F“ einen zusammenhängenden Klang aus. Nach einer Viertelstunde sind sie bereit, die Songs zu proben. Alle helfen dabei, die Stimmen so anzupassen, dass alle Tonlagen und Übergänge harmonieren. Die Änderungen schreiben sie dabei immer mit, damit sie keiner bis zur nächsten Probe oder bis zum nächsten Auftritt vergisst.

Chorleiter übernimmt viele Funktionen

Ein besonders eindrücklicher Auftritt war für alle die Teilnahme an einer TV-Castingshow des WDR vor ein paar Jahren. Damals schafften Sounding People es bis ins Halbfinale bei „Der beste Chor im Westen“. „Sehr spannend war das, mit großem Design und Lichtern im Hintergrund, mit Interviews und surrenden Kameras und viel Medienpräsenz“, erinnert sich Chorleiter Indra.

Mit seiner Pitch Pipe stimmt Chorleiter Indra den ersten Ton an und hilft bei der Orientierung der Tonlage. Foto: Alina Wortmann

Indra ist nicht nur Leiter und Rhythmusgeber der Sounding People, sondern auch Berufsmusiker. Er tritt solo als Beatboxer auf und begleitet andere Sänger*innen am Klavier. Außerdem hat er eine eigene Vocal Band namens „Blended“. Seit kurzem ist er sogar Doktor der Musik. Das Besondere daran ist, dass er nicht nur wissenschaftlich, sondern auch künstlerisch promoviert hat. Das ist erst seit ein paar Jahren in Deutschland möglich. An der Musikhochschule in Münster ist Indra der erste mit diesem Abschluss. In seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit A-capella-Popmusik. Er unterrichtet an der Musikschule Dortmund sowie in Münster an der Universität und der Musikhochschule. Außerdem gibt er Workshops für Chöre und coacht andere Sänger*innen.

Ein Blick über die Schulter zeigt auch in der Gruppe kommt es auf jede*n Einzelne*n an. Foto: Alina Wortmann

Auftritte vor vielen Menschen wie der auf dem „Fest der Chöre“ waren durch die Pandemie lange Zeit nicht möglich. Nur in den Sommern 2020 und 2021 konnten die Sänger*innen draußen gemeinsam proben, wenn es die Schutzmaßnahmen zuließen. Deshalb sind sie sehr dankbar, dass größere Auftritte wie der in der Dortmunder Innenstadt nun wieder möglich sind. An diesem Abend kann der Chor seine Leidenschaft mit den Leuten auf dem Alten Markt teilen. Als Zugabe singen sie einen selbst komponierten Song. Er heißt „Family“ und wurde von Sängerin Vanessa geschrieben. Als der letzte Ton langsam verstummt, verbeugen sich alle Mitglieder des Chors und werden von einem tosenden Applaus von der Bühne begleitet.

Gewonnene Wettbewerbe und Titel

  • 2016 (damals noch als Jugendchor): Gold-Abzeichen und die höchste Punktzahl in der Kategorie „Jugendchor“ beim landesweiten Wettbewerb „Jugend singt 2016“
  • 2017: Bochumer Kleinkunstpreis in der Kategorie „Nachwuchspreis“
  • 2019: 1. Platz in der Kategorie „Jazz & Pop Choirs“ beim internationalen Chorwettbewerb in Maastricht, Niederlande → Durch den Sieg haben sich Sounding People für die World Choir Games qualifiziert
  • 2021: 1. Platz bei den World Choir Games in der Kategorie „Jazz & Pop Ensembles“ in Antwerpen, Belgien

 

 

Beitragsbild: Alina Wortmann

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