Der BioTech-Sektor: Eine Geduldsprobe mit viel Potenzial

Es mag zwar altmodisch klingen, doch gute Dinge benötigen meist einfach viel Zeit. Dies gilt auch für den BioTech-Sektor. Dort trifft nicht nur Biologie auf Technologie. Sondern auch viel Geld und Geduld auf innovative Zukunftswetten.

Mit einem Rotwurm will ein Düsseldorfer Start-Up den Einsatz von Antibiotika in der Geflügelzucht minimieren. Der Wurm wird in den ersten Tagen ihres Lebens an die Küken verfüttert. Er ist reich an Mikroorganismen ist und soll das Immunsystem der Tiere und somit ihren gesundheitlichen Zustand verbessern. So beschreibt es die dahinterstehende Firma Corbiota.

In den kommenden Monaten möchte die Firma den Wurm in deutschen Mastbetrieben integrieren. Europaweit wird dabei geregelt, wie Tiere auf diesen zu halten sind. “Die Tiere müssen bedarfsgerecht gefüttert werden, ein Balanceakt zwischen Unter- und Überversorgung mit Nährstoffen”, erläutert Dr. Mareike Kölln, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Tierernährung des Friedrich-Loeffler-Instituts.

Die gesunde Mitte

Denn einerseits soll durch Überfütterung kein Futter verschwendet werden, andererseits muss der Bedarf der Tiere ausreichend gedeckt werden. Entsprechend müssen Ställe, wenn sie den nährstoffreichen Wurm integrieren wollen, feine Anpassungen am Futterprogramm vornehmen. Um die angesprochene Unter- oder Überversorgung zu verhindern und damit weiterhin futtereffizient die Tiere zu versorgen.

Neben dem Start-Up aus Düsseldorf gibt es viele weitere ambitionierte Unternehmen im Agrarsektor, die mit neuen Technologien ihre Branche erobern möchten. Doch warum hört man so wenig von diesem aussichtsreichen Forschungszweig? Die Produktionsstandards von Corbiota zeigen die komplexen Einstiegsbarrieren in die Branche auf.

Der Wurm muss sich nicht nur in den angesprochenen Balanceakt der Fütterung integrieren. Die Nutzung der Würmer muss sich für Mastbetriebe auch rentieren. Die Würmer sollten also in der Anschaffung weniger kosten, als die eingesparten Kosten beim Futter oder möglicher Antibiotika betragen.

Überzeugungsarbeit von den Finanzen bis zur Hygiene

Nicht nur ökonomische Herausforderungen muss die Firma bewältigen. Auch hygienisch muss der Wurm hohen Standards entsprechen, um am Markt zugelassen zu werden. Corbiota muss nachweisen, dass ihr Produkt vollständig frei von bestimmten Krankheitserregern ist. Eine wichtige Grundvoraussetzung, damit die Firma ihr Produkt patentieren lassen kann. Erst dann wird es von Mastbetrieben für einen möglichen Einsatz berücksichtigt.

“Futtermittel müssen sicher sein. Besonders bei neuen Produkten müssen die Risiken genau abgeschätzt werden, die durch den Einsatz entstehen können. Um die Tiere, welche das Futter erhalten, aber auch die schlussendlich produzierten Lebensmittel nicht zu gefährden”, erläutert Kölln. Daher hat die Firma seit Juni 2022 ihr erstes Patent auf eine “spezifische pathogenfreie Futtermittelzusammensetzung”. Diese garantiert, dass die Würmer durch ihre Nahrung keine Erreger aufnehmen.

Die hohen Einstiegsbarrieren sind jedoch erst der Anfang. Denn Regularien und Patente tragen ebenfalls dazu bei, dass Bio-Tech Firmen wie Corbiota lange Entwicklungszyklen für ihre Produkte aufweisen. Ein innovatives Angebot benötigt viel Vorlaufzeit, das alles bremst eine schnelle Entwicklung aus. Entsprechend lassen Nachrichten über spektakuläre Durchbrüche und Erfolge lange auf sich warten.

Ein natürliches Risiko

So bleibt auch wenig Spielraum für ein breites Angebot, denn Unternehmen müssen sehr spezifisch arbeiten und produzieren. Ein Problem, das den ganzen Sektor betrifft. Um dieses Risiko zu minimieren, hat Corbiota bereits Ideen für weitere Produkte. So produzieren die Würmer als Nebenprodukt zum Beispiel hochwertigen Wurmkompost, der in der Landwirtschaft und Gartencentern genutzt werden kann.

Die Aktie des BioTech- Unternehmens Morphosys fiel Mitte November um 27 Prozent. Der Grund: Ein mögliches Mittel gegen Alzheimer stellte sich als unwirksam heraus. Foto: Privat/Scalable Capital

Und obwohl immer wieder BioTech-Aktien, wie der Morphosys AG, drastisch fielen, blickten Investoren in den letzten Jahren geduldig und zuversichtlich in die Branche. Laut dem Verband der Biotechnologie-Industrie Deutschland flossen 2020 und 2021 im Schnitt über 2,5 Milliarden Euro in den Sektor – das ist Rekord. Inwiefern aber aufgrund steigender Zinsen und Unsicherheit auf den Märkten das Investmenthoch weiter anhält, bleibt abzuwarten. 

Was bringt die Zukunft?

Dadurch ergeben sich aber auch neue Möglichkeiten. “Aktuell können glaubhaft absehbar profitable Investments mit einem langen Anlagehorizont für mögliche Geldgeber reizvoll sein”, erklärt Lisa Schmitt aus dem Venture Investment Team der Rentenbank. Investments in die Zukunft als mögliche Antwort gegen die aktuelle Börsenflaute? 

Mit der Eröffnung einer ersten Produktionsstätte im September 2022 hat Corbiota ihren ersten Schritt Richtung Vertrieb getan. Weitere sollen folgen, wie Pressesprecher Pascal Heithorn mitteilt: “2023 planen wir, unsere Kapazitäten deutlich zu erhöhen, damit noch mehr Hühner, Mäster und Endverbraucher von gesteigertem Tierwohl und gesunder Ernährung durch unsere Produkte profitieren können. Dafür werden wir eine zweite Wurmfarm im Osten der Bundesrepublik bauen.” Zudem befindet sich die Firma aktuell in Gesprächen mit großen Geflügelunternehmen aus Deutschland und Europa, wegen einer möglichen Zusammenarbeit. 

 

Beitragsbild: Pexels/Sippakorn Yamkasikorn

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