Ein Beruf im Hintergrund

Servicekraft Betrieb und Verkehr Stefanie Hardes

Seit über zwanzig Jahren sorgt Stefanie Hardes dafür, dass Raststätten-WCs funktionieren – mit viel Humor und Latte-Macchiato Raumduft. Eine Reportage.

Stefanie Hardes ist ein Mensch, der bei der Begrüßung die Hand ihres Gegenübers einen Moment länger hält. „Die ist ja ganz kalt!“ sagt sie. Draußen prasselt der Regen auf der Autobahnmeisterei Recklinghausen und der Wind treibt die graue Nässe über das ohnehin triste Gelände. Stefanie lacht auf. Es ist ein warmes Lachen. Dann zeigt sie aus dem Fenster: „Das ist mein Job.“

Ihr Job, damit meint sie die Raststätten entlang der Autobahn. Zehn davon rund um Recklinghausen kontrolliert Stefanie täglich. Toilettenräume, Sensoren, Mängel und sämtliche Reinigungsarbeiten auf den Rastplätzen. Und das seit mehr als 20 Jahren.

Ein Morgen wie ein Uhrwerk

Stefanies Fahrzeug mit allem, was sie für die Reinigung braucht.

Wenn Stefanie von ihrem Arbeitstag erzählt, klingt das wie ein ritualisierter Ablauf, fast schon wie eine maschinell gesteuerte Reihenfolge. Um 5.45 Uhr steht sie auf, keine Snoozetaste, kein für fünf Minuten nochmal umdrehen. Das würde nicht funktionieren, denn Stefanies Morgen ist fast schon penibel durchdacht: Perfekt ausgerechnet, bis wann sie schlafen kann, um genau 45 Minuten später im Auto zu sitzen.

Dass die Autobahnmeisterei direkt in ihrem Wohnort liegt, ist Teil dieser präzise getakteten Routine. Zeit für einen entspannten Kaffee braucht sie nicht. „Der schmeckt mir bis heute nicht“, sagt sie und lacht. Um 6.20 Uhr ist es dunkel, nass und still auf der Strecke. Nur vereinzelte Scheinwerfer der entgegenkommenden Fahrzeuge scheinen durch die Dunkelheit und markieren den Beginn ihres Arbeitstages.

Der Arbeitstag beginnt lebendig: Dienstbesprechung mit allen Mitarbeitenden, alle müssen informiert werden, was anliegt, was heute wichtig ist. Erst danach lädt Stefanie ihre Werkzeuge und Taschen in den roten Dienstwagen. Alles, was die 55-Jährige brauchen wird – und noch ein wenig mehr. Sie weiß nicht, was unterwegs passiert. In den Wagen wandern Handschuhe, Putzlappen in sämtlichen Farben, verschiedene Reinigungsmittel und eine lange Greifzange für den Müll, der trotz der vielen Mülleimer oft achtlos auf dem Boden entsorgt wird.

Zwischen Lachen und Listen

Wer eine Raststätten-Toilette betritt, sieht entweder Sauberkeit – oder wie dringend sie nötig wäre. Was man selten sieht: die Person, die genau dafür sorgt. Stefanie weiß das. „Die meisten wollen einfach nicht wissen, was hier täglich passiert“, sagt sie. Als Stefanie das Raumduftspray „Latte Macchiato“ aus der Tasche zieht, muss sie lachen. Das andere riecht nach Apfel. Nach Belieben wechselt Stefanie zwischen den beiden Düften. „Sonst wird’s ja langweilig“, sagt sie und grinst.

Stefanies Humor zieht sich durch das gesamte Gespräch. Sie lacht viel und macht noch mehr Witze. Das ändert sich etwas, als sie den Putzraum mit dem Equipment auf dem Raststätten-Hof Speckhorn bei Recklinghausen betritt. Der Geruch von Reinigungsmittel liegt in der Luft. Nicht stechend oder unangenehm, aber präsent genug, um klarzumachen, dass hier die wirkliche Arbeit beginnt.

Der 15-Punkte-Plan

Der von Stefanie erstellte Reinigungsplan.

Zwischen den Wischern und Eimern reihen sich auf einem Regal Edelstahlreiniger, Etikettenlöser und Defarbfix auf. Reinigungsmittel, mit denen das Reinigungspersonal Graffiti und Farbschmierereien entfernen kann. Stefanies Blick wird konzentriert. Sie greift nach der Liste, die neben dem Waschbecken liegt. Dort dokumentiert das Reinigungsteam seine Einsätze. Obwohl nur Namen und eine Uhrzeit erkennbar sind, liest Stefanie die Liste prüfend.

Stefanie hat eine klare Vorstellung davon, mit welcher Genauigkeit gereinigt werden soll. „Eine Schnellreinigung gibt’s nicht“, ist ihre Antwort auf die Frage, wie schnell die routinierte Servicekraft ihren Plan durchläuft. Und Plan ist hier ganz richtig: Stefanie hat eine Anleitung verfasst, um sicherzustellen, dass alle einheitlich vorgehen.

So macht man das

Der Plan mit 15 Punkten und der Überschrift „Reinigungsablauf“ weist das Personal zunächst darauf hin, die WC-Anlage abzusperren, bevor es mit der Reinigung beginnt. Das klingt banal, ist aber häufig der Grund für unangenehme Situationen mit den Raststättenbesucher*innen. Viele reagieren genervt und unfreundlich, wenn sie warten sollen – manche werden richtig wütend. Eine Situation hat sich Stefanie besonders eingeprägt: Sie sei fast fertig gewesen mit der Reinigung, als sich ein Lkw-Fahrer trotz Absperrung hineindrängen wollte.

Stefanie habe ihm ruhig erklärt, dass die Reinigung noch nicht fertig sei, und dass er sich wenige Minuten gedulden solle. Der Mann sei sofort laut geworden, habe sich vor ihr aufgetürmt und sie zur Seite geschubst. „Da habe ich richtig gezittert“, erzählt sie. Als der Lkw-Fahrer wieder heraustrat, habe er ihr ein böswilliges Grinsen zugeworfen: „So macht man das.“ Es habe etwas gedauert, bis Stefanie diesen Moment losgeworden sei. Dann habe sie den Mann für den Übergriff angezeigt – so macht man das.

Arbeit, die niemand sieht

Dieser Übergriff ist der einzige seiner Art, den die gebürtige Paderbornerin erlebt hat. Trotzdem berichtet Stefanie von Gewalt gegen Menschen in Berufen, die unverzichtbar dafür sind, dass unsere Gesellschaft funktioniert, aber kaum Anerkennung erfahren. Stefanie erzählt von ihren Kollegen, den Straßenwärtern, denen aus vorbeifahrenden Autos Dosen an den Kopf geworfen werden.

„Die Leute sollten einander auch mal loben“, sagt Stefanie, fast beiläufig, während sie sich umdreht und einen Eimer aus dem Serviceraum holt. „Alle beschweren sich, wenn’s nicht sauber ist. Aber wenn’s sauber ist, sagt keiner was.“ Umso wichtiger ist es ihr, ihre Kolleg*innen zu loben. Sie zeigt ein paar WhatsApp-Chats: kurze, positive Nachrichten, kleine Daumenhochs. Sie nickt: „Sowas muss man sagen.“

Immer in Bewegung

Stefanie während der Geländereinigung.

Der nächste Punkt auf der Liste: Müll auf dem umliegenden Gelände mit Eimer und Greifzange entfernen. Das macht Stefanie mit einer beeindruckenden Geschwindigkeit. Stefanie ist immer in Bewegung, macht keine Verschnaufpause. Irgendwie wirkt sie rastlos. Auf die Frage, was sie abends nach der Arbeit macht, wenn sie auf der Couch sitzt, schaut Stefanie ungläubig. „Wie, auf der Couch?“

Sie erzählt von privaten Bau- und Renovierungsprojekten, von einem neuen Brunnen in ihrem Garten. Sie beschreibt die Umzüge ihrer Kinder, bei denen sie selbstverständlich hilft. Ihren Vater, den sie so oft es geht besucht. Und, von den Enkeln, „fünfeinhalb“, betont sie stolz, das nächste kommt im Frühjahr auf die Welt. Dass die Frau in der neonorangen Warnjacke bereits stolze Oma ist, ist zunächst überraschend – und dann irgendwie auch nicht.

Der Anspruch

Der Adventskalender, den Stefanie für ihre Kolleginnen gebastelt hat.

Stefanie denkt viel an andere, sie ist ein fürsorglicher Mensch. Das spiegelt sich auch bei ihrer Arbeit wider: Aus alten Klopapierrollen hat sie für ihre Kolleginnen einen Adventskalender gebastelt. „Aber mit 25 Türchen“, sagt sie. Natürlich, sonst würde eine der Kolleginnen einmal weniger ziehen dürfen. Die einzelnen Türchen sind in buntes Papier eingewickelt. Grün, Orange und Rot. Die kleinen Rollen sind mit Geschenkband verziert.

Es geht weiter mit dem nächsten Punkt auf der Liste: die Reinigung der WCs. Stefanie greift nach einem langen, silbernen Hochdruckschlauch. Das Ende verbindet sie mit einem Aufsatzbehälter, der das bläuliche Reinigungsmittel umfasst. Sie besprüht großzügig das gesamte WC: „Es muss so sauber sein, dass jederzeit jemand draufgehen kann.“

Wege, die das Leben schreibt

Stefanie macht diesen Job gerne. Sie setzt sich dafür ein, ein verpöntes Berufsbild zu enttabuisieren. Auch wenn es nie geplant war, dass sie mal hier arbeiten würde. Stefanie war alleinerziehend. Der Vater ihrer Kinder habe sie nicht unterstützt, und Stefanie musste dringend Arbeit finden. Trotz einer abgeschlossenen Berufsausbildung im Einzelhandel bei einem kleinen Familienunternehmen und Erfahrungen als Quereinsteigerin in der Alten- und Krankenpflege habe niemand die Zweifachmutter einstellen wollen. Aus Angst, sie würde wegen der Kinder zu oft fehlen. „Noch nie habe ich wegen der Kinder gefehlt“, sagt sie. „Nicht ein einziges Mal.“

Zuerst habe sie auf einer Hühnerfarm gearbeitet, auf der sie die Hühnereier sortierte, für fünf Euro brutto pro Stunde. Ihr Vater, der als Straßenwärter arbeitete, brachte sie auf die Idee, sich bei der Autobahn zu bewerben. Ohne zu wissen, worauf genau sich die junge Mutter da bewarb, schickte sie ihre Unterlagen los.

Es gibt keinen Ekel

Stefanie bei der Reinigung mit dem Wischer.

Der Wischer klackert gegen den Metallboden. Mit festen Bewegungen und kräftigen Zügen fährt Stefanie über den Boden und die Wände. Die Toilette sah auch vor Stefanies Beginn sauber aus, weil die letzte Runde des Reinigungsteams noch nicht lange her ist. Das kann allerdings auch ganz anders aussehen. Doch egal, in welchem Zustand Stefanie einen Raum betritt – Ekel kenne sie nicht. „Beim ersten Atemzug rieche ich’s noch, danach nicht mehr“, erklärt sie. Es sei wie eine Schranke im Kopf, die sich schließt, sobald sie den Raum betritt.

Stefanie empfindet auch keine Wut. Verwunderung ja, Kopfschütteln vielleicht. Aber keinen Ärger darüber, wie respektlos Menschen mit diesem Ort, mit ihrer Arbeit umgehen. „Ich kann ja nichts daran ändern. Ich kann nicht kontrollieren, wie die Menschen sich verhalten“,betont sie.

Schuhe aus

Stefanie erzählt lieber davon, welche lustigen Begegnungen sie mit den Menschen erlebt hat. Die Junggesellenabschiede, die auf ihren Reisen an den Raststätten halten, die jungen Männer, die kostümiert versuchen, ein Mini-Deo zu verkaufen.

Oder ihre Begegnung mit zwei Männern: „Schuhe aus, ich hab‘ geputzt“, schallte Stefanie ihnen entgegen. Beide seien dermaßen zusammengezuckt, dass der Schreck ihnen ins Gesicht geschrieben stand. Spätestens wenn Stefanie herzlich lacht, ist klar, dass sie nur scherzt. Ihr Lachen hat etwas Kindliches, es ist ansteckend.

Zwei Sprühstöße Latte Macchiato

Stefanies Reinigungsutensilien.

Stefanie arbeitet die Liste nicht mehr chronologisch ab. Alles greift ineinander, läuft gleichzeitig. Gründlich wischt sie über das Waschbecken, aus dem Hochdruckschlauch sprüht das Wasser und ein feiner Nebel legt sich über die weißen Fliesenwände. Langsam rinnen die einzelnen Tropfen die Wand hinunter, während Stefanie schon wieder an einer anderen Stelle ansetzt.

Als sie fertig ist, tritt sie einen Schritt zurück und betrachtet für einen Moment das Ergebnis. Stefanie schaut prüfend und ein bisschen zufrieden. Ein Grinsen huscht über ihr Gesicht. Ohne ein Wort verschwindet Stefanie kurz in den Serviceraum, kommt mit dem Latte-Macchiato-Raumduft zurück und setzt zwei leichte Sprühstöße.

 

Fotos: Jule Leurs

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