Wie es sich anfühlt, 60 Minuten eingesperrt zu sein

„Nein, hier ist nichts!“ „Schau noch einmal genau nach, da muss etwas sein!“ „Okay, ich hab’s. Versuch es mal mit 3279!“ Diesmal stimmt die Zahlenkombination und das Zahlenschloss ist geknackt. Im Escape Game erhalten wir eine Schriftrolle und damit die folgende Botschaft:

„Um 1930: Die Stadt Essen ist in Aufruhr. Ein unbekannter Kindermörder treibt sein Unwesen. Sieben Kinder sind bereits verschwunden, ein weiteres Mädchen wird vermisst. Je schneller der Verbrecher gefangen wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, Elsie zu retten. Es bleibt nur eine Stunde …“ 

Drehen wir die Zeit zurück: Ich habe mich mit meinen Freunden zu einer neuen Herausforderung verabredet. Wir treten gemeinsam zu unserem ersten Escape Game an. Klar, Horrorszenarien kennen wir aus Filmen und Computerspielen. Menschen, die in Räumen gefangen sind und verzweifelt den Weg in die Freiheit suchen. Wie sich das anfühlt? Wir wollen es im Escape Room herausfinden.

Die Sucht nach dem Einsperren

Psychologe und Geschäftsführer der Spielgestalter René Wittek beschäftigt sich schon lange mit der Entwicklung von Spielen. Er beobachtet, dass viele Menschen sich im Escape Room einsperren lassen. Einige reisen sogar zu bestimmten Räumen.

Woran das liegt? Er meint, im Escape Room könne jeder Detektiv spielen. In der Atmosphäre von Escape Rooms sei das spannend und mache deshalb mehr Spaß als zu Hause alleine vor dem PC.  Also hat das Einsperren Suchtpotenzial? Angst davor müsse man nicht haben, versichert er. Egal welche Suchttheorie man heranziehe, das Ausschlaggebende sei immer die Verfügbarkeit der Droge. Dafür gebe es nicht genügend Räume, um wirklich abhängig zu werden.

Zurück zu uns

Niemand von uns ahnt, was uns erwartet. Alles, was wir wissen, ist Folgendes: Wir haben 60 Minuten Zeit, das Rätsel zu lösen und den Schlüssel für die Tür zu finden. Die Zeit läuft!

Die Entstehungsgeschichte der Escape Games

Angefangen hat alles in den 1980er Jahren mit Computerspielen. Spiele, bei denen man durch Suchen und Kombinieren ans Ziel kommen muss. Das Ziel war früher – so wie auch heute – der Ausgang. 2004 schaffte „Crimson Room“ von Toshimitsu Takagi den Durchbruch als Flash-Browse-Game. Hierbei sucht sich der Spieler aus der Ego-Perspektive den Weg in die Freiheit – das ganze auf Zeit.

Um 2006 entstanden dann die ersten Live Escape Games in Japan und den USA. Seit 2013 gibt es Escape Rooms auch in Deutschland. Die ersten Räume gab es in München und Berlin.

Beim Profi nachgefragt

Viktoriya Usyk ist Live-Escape-Game-Profi. Während ihres Studiums entwickelte sie PC-Spiele. An den Spielen, die sie entworfen hat, störte sie allerdings die Vorstellung, dass man immer alleine vor dem PC sitzt. Als sie vor einigen Jahren das erste Mal selbst in einem Live Escape Game mitgespielt hat, wusste sie, dass dieses Spiel das Potential hat, die Spieler ins echte Leben zu holen. Heute gehört sie mit ihren Escape-Räumen selbst zu den vielen Anbietern.

Was ist das Faszinierende an den Escape Rooms?

Es sind einfach unvergessliche Erfahrungen und Eindrücke, die man nicht vergisst. Im Spiel hat man keine andere Möglichkeit, als seinen Teammitgliedern zu helfen und gemeinsam den Weg in die Freiheit zu suchen. Es gibt genug andere Rätselspiele, bei denen man schnell in Versuchung kommt aufzugeben, wenn es mal knifflig wird. Das ist bei dem Escape Game nicht der Fall, weil jeder Spieler es in die Freiheit schaffen will.

Warum reisen manche Menschen von Ort zu Ort, um neue Escape Rooms auszuprobieren?

Einige machen es aus Leidenschaft und haben in ihrem Umfeld schon alle Räume gespielt. Bei den Escape Rooms ist es so, dass die Anbieter die Themenräume nicht so schnell verändern und austauschen.  Es gibt auch Leute, die in sehr großen Gruppen von bis zu 20 Personen spielen wollen. Diese Räume existieren nur an wenigen Orten.

Kann man das strategische Denken erlernen, indem man viele Räume spielt?

Am Anfang hätte ich diese Frage auf jeden Fall mit Ja beantwortet, aber mittlerweile habe ich gemerkt, dass die Erfahrung beim Denken sehr störend sein kann. An einfachen Stellen im Spiel denkt man dann viel zu kompliziert. Ich habe es schon oft beobachtet, dass Kinder eine Aufgabe schneller gelöst haben als ihre Eltern, weil sie simpel gedacht haben, ohne viel zu grübeln. Genauso ist es bei Escape-Room-Anfängern.

60 Minuten

Gut getarnt! Nicht die Puppe war das spannende, sondern die Lampe neben ihr. Foto: Anna Bremer

Ein Blick durch den Raum verrät uns: NICHTS! Alles sieht aus wie in Omis Wohnzimmer. Alte Tische und Schränke in dunklem Massivholz stehen in dem Raum. Kurz kommen Zweifel auf. Wäre ein Horrorraum vielleicht doch spannender gewesen? Nein, wir wollen erst einmal klein anfangen, bevor wir uns gefesselt in einem Keller mit Zombies einsperren lassen.

Nach gefühlt zehn Minuten Ahnungslosigkeit entdecken wir den ersten Hinweis. In einer kleinen Vitrine stehen Gewürzdöschen. Darin finden wir kleine Zettel mit aufgedruckten Zahlen. „Da hätte man doch schneller drauf kommen müssen!“, ärgern sich meine Teammitglieder.

45 Minuten

Wir haben die ersten Rätsel gelöst und es scheint, als hätten wir langsam verstanden, auf welche Dinge wir im Raum achten müssen. Aber schon bei dem nächsten Rätsel kommen wir wieder ins Grübeln. Verzweiflung macht sich breit und der Raum scheint alle Teammitglieder zu frustrieren … bis ein schrilles „Kling“ ertönt.

Hört zu! Wir haben einen Tipp bekommen!

30 Minuten

Ist das Telefon der letzte Hinweis auf den Weg in die Freiheit? Die Zahlen auf den Tasten  sprechen dafür.  Foto: Anna Bremer

Die Nachricht bekommen wir per Tablet. Darin steht, dass wir versuchen sollen, „großflächiger“ zu denken. Wir überlegen. „Es gibt noch einen Raum!“ Der neue Raum gibt uns Hoffnung, neue Lösungen und somit auch den Schlüssel zur Freiheit  zu finden. Aber die zwei Räume haben einen Haken: Jetzt gibt es mehr Rätsel, aber die Zeit läuft ab! Wir motivieren uns noch einmal gegenseitig und teilen uns auf. Jeder sucht in einer anderen Ecke.

15 Minuten

Wir haben alles abgesucht. Es gibt nur noch eine Ecke, eine einzige Möglichkeit, in der wir den Schlüssel zum Ausgang finden können. Das Hindernis: fünf Zahlenschlösser.

Okay, ganz ruhig, Leute. Wir schaffen das!

3 Minuten

Die letzten Minuten sind angebrochen. Wir müssen nur noch ein Zahlenschloss öffnen. In unserem Blut können wir das Adrenalin spüren. Escape-Experte Wittek kennt das. Adrenalin werde bei Stress ausgeschüttet, und Menschen, die unter Zeitdruck stünden, würden Stress empfinden. Es sei also ein ganz natürlicher Prozess.

Jeder von uns ist angespannt und sucht konzentriert in einer anderen Ecke. Wir brauchen vier Zahlen. „Hier, ich habe zwei!“ Okay, der Rest sucht nach den letzten beiden Zahlen und nach einem Hinweis für die Zahlenreihenfolge. Die Stimmung ist angespannt und der Ton im Team wird rauer. Und dann … öffnet sich die Tür!

Game over

Aber nein, nicht weil wir die letzten beiden Zahlen in der richtigen Reihenfolge in das Schloss eingegeben haben. Unsere Zeit ist abgelaufen. Wir sind kurz vor dem Ziel gescheitert. Aber das ist auf jeden Fall nicht unser letztes Spiel.

Ihr wollt euch auch der Herausforderung stellen? Na dann, los!

Beitrags- Teaserbild: pixabay.com/devanath lizenziert durch CC0 1.0

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