Warum die Diskussion um sexuelle Belästigung so wichtig ist

Tag für Tag werden neue Vorwürfe sexueller Belästigung publik. Was als Hashtag begann, hat jetzt sogar politische Konsequenzen. Trotzdem wird die Diskussion von manchen kleingeredet. Dabei geht es um mehr als nur Anschuldigungen gegen Promi-Männer, findet unsere Autorin.

Es gibt wenige Dinge, auf die sich alle einigen können, aber ein paar Dinge gibt es dann doch. Dass Rassismus ziemlich scheisse ist, ist da immer das klassische Beispiel. Eigentlich war sexuelle Belästigung auch so ein Thema. War. Konservative Stimmen schaffen es ernsthaft, dass die aktuelle Debatte um dieses Thema und der Hashtag #metoo, unter dem Frauen ihre Erfahrungen teilen, relativiert oder gleich negativ bewertet werden. In welchem Jahrhundert leben wir denn bitte?

Dumme Sprüche und Vergewaltigung, das könne man doch nun nicht unter ein und demselben Hashtag laufen lassen, heißt es da. Damit setze man zwei völlig verschiedene Dinge ja gleich! Das, was den bekannten, weißen Herren vorgeworfen würde, das habe doch rein gar nichts mit den Altherren-Witzen aus einigen #metoo-Posts zu tun! Und überhaupt gelte ja erst einmal die Unschuldsvermutung!

Natürlich gilt sie. Natürlich müssen die zuständigen Behörden jeden Fall einzeln auf seinen Wahrheitsgehalt untersuchen. Natürlich sind in einigen Fällen sicherlich auch falsche Behauptungen dabei und das ist für die Verunglimpften schlimm.

Doch darum geht es bei dieser Diskussion gar nicht. Diese Diskussion geht weit über Weinstein oder Green, Spacey oder Blatter hinaus. Jede dritte Frau in Europa hat in ihrem Leben schon körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt. Und die Dunkelziffer ist noch viel größer.

Oft ist es gerade jungen Menschen unangenehm, über ihre Erlebnisse zu sprechen, oder sie haben das Gefühl, eine Mitschuld zu tragen. Es fehlen die Vorbilder, die zeigen, dass es sich lohnt, die Scham zu überwinden und die zeigen, dass die Betroffenen nicht allein sind. Deswegen bleiben die meisten still. Es ist ein ewiger Teufelskreis des Schweigens – bis jetzt.

Denn wenn sich jemand traut den Multimillionär Harvey Weinstein, den Vize-Premierminister Großbritannien oder Oscar-Preisträger Kevin Spacey zu beschuldigen, dann fällt es Opfern vielleicht leichter, auch das anzusprechen, was ein Lehrer, eine Nachbarin, ein Onkel Perverses getan hat. Deswegen muss diese Diskussion geführt werden. Deswegen ist es so wichtig, dass so viele Frauen und Männer jetzt ihr Schweigen brechen. Für die zukünftigen Opfer, die so dringend Vorbilder brauchen. Vorbilder, die den Mund aufmachen.

Es geht bei dieser Diskussion sicherlich auch nicht darum, unangebrachte SMS, Grapschereien und schwere Vergewaltigungen in einen Topf zu werfen. Sondern darum, dass Opfern die Unsicherheit genommen wird, ob das, was ihnen passiert ist, „schlimm genug“ ist.

Alles, was sich unangebracht anfühlt, sollte ausgesprochen werden können. Punkt. Es hat nichts damit zu tun, Frauen in eine Opferrolle zu drängen, sodass sie sich bei jeder Bemerkung belästigt fühlen. Sondern damit, ihnen die Freiheit zu geben, sich nicht dafür zu schämen, wenn sie sich doch mal so fühlen.

Es geht dabei nicht darum, Männer an den Pranger zu stellen, wie manche es gerne stilisieren. Auch Männer können Opfer sexueller Gewalt werden und genauso können Frauen Vergewaltiger sein. Den so gerne konstruierten Generalverdacht gibt es nicht. Diese verzweifelte Abwehrhaltung könnt ihr Silberrücken des Internets euch echt sparen. Danke.

Teaser- und Beitragsbild: pixabay/ninocare, lizensiert nach CC

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