Ein langer Weg zum Hörimplantat

Vier Uhr nachmittags im vollen Hörsaal. Nach drei Vorlesungen dröhnt eigentlich schon der Kopf. Und jetzt steht der Professor vorne und spricht mehr mit der Leinwand als mit den Studierenden. In der Reihe vorne wird getuschelt, rechts raschelt jemand mit seiner Brötchentüte, und der Typ links meint, jetzt sei der passende Zeitpunkt, dem Sitznachbarn seinen neuen Lieblingssong zu zeigen. In solchen Momenten wünschen sich wohl viele, einfach den Ton ausschalten zu können.

Für Sabrina Deutz ist es meist genau andersrum: Sie ist froh, überhaupt etwas zu verstehen. Im Gegenteil: Sie würde gerne noch mehr mitnehmen. Denn Sabrina trägt sogenannte „Cochlea-Implantate“ oder „CI’s“, um überhaupt hören zu können. Seit ihrer Geburt hat sie eine Hörschädigung, die mit der Zeit immer schlimmer wurde.

Mit elf Jahren fiel beim Akustiker zum ersten Mal das Wort „Cochlea Implantat“. „Damals habe ich gesagt: ‚Ne, möchte ich noch nicht‘. Da hab ich auch noch nicht darüber nachgedacht, ob ich jetzt besser hören möchte oder nicht“, erinnert sie sich. Vor vier Jahren aber gab es keinen Weg mehr an der Operation vorbei. Da war sie 20 Jahre alt.“Dann wollte ich das auch unbedingt machen. Endlich mal was neues, eine neue Herausforderung“, sagt Sabrina. Und dann ging alles ganz schnell. „Ich dachte nur: Ich möchte das morgen schon machen. Ich möchte unbedingt wissen, wie es ist, besser zu hören.“

Das Cochlea-Implantat
So sieht der implantierte Teil der CI’s aus.

Aufbau

Ein Implantat besteht aus zwei Teilen: Außen befindet sich das Mikrofon und der Sprachprozessor, sowie eine Sendespule mit Magnet. Diese sieht aus wie ein Knopf hinter dem Ohr, die die Hör-Signale dann an das eigentliche Implantat, den Inneren Teil, sendet. Dieser besteht auch aus einem Magneten und einer Empfangsspule, die gegenüber der äußeren Spule liegt. Die Signale werden von dort an einen Stimulator am Hörnerv weitergeleitet, welcher durch Elektroden angeregt wird und die Impulse an das Gehirn weiterleitet.

Geschichte

Seit den 1960er Jahren wird an den Cochlea-Implantaten geforscht. 1961 wurde das erste Gerät entwickelt, 16 Jahre später zum ersten Mal in seiner heutigen Form eingesetzt. Die größte Herausforderung ist die Batterie: Sie macht den größten Teil des äußeren Geräts aus. Auch die aktuellste Technik kann sie nicht kleiner produzieren, als sie momentan ist.

Die Operation

Zunächst wird ein Gang durch das Felsenbein, also den Knochen, der das Innenohr umgibt, zum Mittelohr gebohrt. Dabei muss der Chirurg sehr vorsichtig vorgehen: Auch der Gesichtsnerv verläuft durch das Mittelohr. Falls dieser beschädigt wird, kann es zu Lähmungen kommen.

Damit beim Einsetzen keine Komplikationen auftreten, arbeitet der Chirurg mit feinen Instrumenten und einem Mikroskop.

Wenn die Operation gut verläuft, wird durch den neu entstandenen Gang der Verbindungsdraht zwischen Spule und Hörnerv geschoben. Außerdem wird hinter dem Ohr eine Vertiefung in den Schädelknochen gefräst, in den die innere Spule eingesetzt wird. Nach der Operation haben viele Patienten zunächst Probleme mit Schwindelgefühlen. Damit sich der Körper an das Implantat gewöhnen und die Einschnittstelle heilen kann,  dauert es nach dem Eingriff mindestens vier Wochen, bis das Gerät zum ersten Mal eingeschaltet wird.

Erst nach 11 Monaten konnte Sabrina wieder richtig hören

Sabrina sitzt bei einem Akustiker, der auf die Arbeit mit CI-Trägern spezialisiert ist. Im Nebenraum sitzt ihre Trainerin. Das Telefon klingelt, Sabrina nimmt ab. Die Aufgabe erscheint einfach: Die Spezialistin nennt Wörter, die Sabrina wiederholen soll. Doch Sabrina hört, dass etwas gesagt wird, aber kann nicht verstehen, was. „In dem Moment bist du so verzweifelt“, erinnert Sabrina sich an die Tiefpunkte ihrer Genesung.

Denn bis das Gehirn die elektrischen Signale des Implantats verstehen kann, dauert es eine ganze Weile. „Bei mir hat das elf Monate gedauert,“ sagt Sabrina. In dieser Zeit hat sie regelmäßig in Reha-Stunden das Hören trainiert. Auch den Unterschied zwischen menschlichen Stimmen und anderen Geräuschen konnte sie zunächst nicht erkennen.

Sabrina trägt seit ihrem 20. Lebensjahr ein so genanntes Cochlea-Implantat.

„Es ist, als würde man mit einem Roboter sprechen.“

Inzwischen hat Sabrina wieder um die 80 bis 90 Prozent Hörleistung. Nach und nach habe sich ihr Gehirn wieder an die Geräusche erinnert und sie ihrem Ursprung zuordnen können. Dafür musste sie viel nachfragen, sich einiges wiederholen lassen, um es richtig zu verstehen.

Viele CI-Träger beschreiben das Hörerlebnis zu Beginn der Rehabilitation als sehr mechanisch – so, als würden sie mit einem Roboter sprechen. Wie genau es sich anhört, ist für jeden Betroffenen anders. Die meisten gewöhnen sich im Laufe der Zeit an den ungewohnten Klang und nehmen ihn irgendwann nicht mehr wahr.

So hören Betroffene mit dem Implantat:

Das Video versucht einen Eindruck zu vermitteln, wie CI-Träger hören. Die verschiedenen Channel-Anzahlen, also Kanäle, bezeichnen die Anzahl an Elektroden, die in den verschiedenen Arten von CI’s  eingebaut sind.

Eine große Hilfe, die auch ihre Fehler hat

Jetzt studiert Sabrina Maschinenbau an der FH Dortmund. Und so sitzt sie im Hörsaal und versucht, neben Papiergeraschel, Gequatsche und dem nuschelden Professor noch etwas von Thermodynamik und Elektrotechnik mitzunehmen.  Hier zeigt sich nämlich eine der wenigen Schwachstellen des CI’s: Wenn viele Geräusche auf einmal kommen, dann entscheidet der Prozessor, was Nebengeräusche sind und was wichtig ist, also verstärkt werden soll. Und da entscheidet er nicht immer richtig.

Widerstand aus der Gehörlosen- Gemeinschaft

Für viele Gehörlose aber sind die Implantate ein heikles Thema. Die meisten lehnen es sogar komplett ab, so wieder hören zu können. Aber nicht, weil es nicht immer richtig funktioniert: „Die Gehörlosen, das ist eine Kultur“, erklärt Sabrina. „Wenn ich ein gehörloser Mensch bin, habe ich auch meistens Gehörlose in der Familie. Das ist deren Ding, wenn alle Gebärden können. Das ist schon eine Gruppengemeinschaft.“

Die Betroffenen hätten Angst, dass genau diese Gemeinschaft und Kultur verloren geht. Sabrina kann das nicht verstehen: „Es ist ein Geschenk, wieder hören zu können und diese Operation zu machen, die sogar bezahlt wird“, sagt sie.

Aber trotz aller Begeisterung genießt sie es manchmal, die Geräte abnehmen zu müssen – zum Beispiel im Schwimmbad: Sabrina sitzt am Beckenrand. Um sie herum rennen Kinder, schreien sich zu, lachen – ein unglaublicher Trubel. Sabrina bekommt davon nichts mit. Sie holt tief Luft, schließt die Augen und taucht ab – in ihre eigene, stille Welt.

Titelfoto: Rebecca Küsters
Erste Darstellung Cochlea- Implantat: U.S. National Institutes of Health
Zweite Darstellung Cochlea- Implantat: Seslami~commonswiki, lizenziert nach CC
Sonstige Fotos: Rebecca Küsters

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