Eine Dortmunderin im Kampf für den Hambacher Forst

Tausende Demonstranten, geräumte Baumhäuser und einer der größten Polizeieinsätze NRWs. Im letzten Monat erreichte der Kampf um den Hambacher Forst seinen Höhepunkt. Nun hat das Oberverwaltungsgericht Münster einen vorläufigen Rodungsstopp verfügt. Umweltschützer wie Julia können aufatmen.

Dirk Jansen, Geschäftsführer des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND), spricht von einem großen Erfolg, einer „Zäsur hier in Nordrhein-Westfalen“. Greenpeace von einem „Meilenstein für die Antikohlebewegung“. Für die Studentin und Umweltschützerin Julia Mohr ist es ein „kleiner Triumph“. Die 28-jährige Dortmunderin engagiert sich für den Erhalt des Hambacher Forsts. Der jahrelange Kampf, den sie und andere Aktivisten um das letzte 200 Hektar große Waldstück austrugen, schien beinahe verloren. Die Rodung war für Mitte Oktober geplant. Kurz vorher entschied das Oberverwaltungsgericht Münster einen vorläufigen Rodungsstopp.

Worum geht es in dem Streit?
Der Konflikt zwischen BUND und RWE hat eine jahrezehntelange Geschichte. Schon 1978 begann RWE, zwischen Bergheim und Jülich Braunkohle abzubauen. Der Tagebau Hambach erstreckt sich über eine Fläche von 85 Quadratkilometern. Bis heute mussten 41 Quadratkilometer Wald und zahlreiche Ortschaften dem Braunkohleabbau weichen. Über 5.000 Menschen wurden in andere Gebiete umgesiedelt. Der Kampf des BUND und anderer Umweltschutzorganisationen gegen den Tagebau geht zurück bis in die 70er Jahre und wurde von zahlreichen Gerichtsverfahren begleitet. Umstritten sind vor allem die Umsiedlung mehrerer Ortschaften und die Rodung des nach Angaben des BUND über 12.000 Jahre alten Hambacher Forsts zur Erweiterung des Tagebaus.
Worum geht es in der Klage des BUND?
Die Zulassung des Hauptbetriebsplans 2018-2020 von RWE sieht die Rodung eines Teils des verbleibenden Hambacher Forsts vor. Dagegen hat der BUND im April Klage eingericht. Dabei stützt er sich hauptsächlich auf die Annahme, dass der Wald als FFH-Gebiet (Flora-Fauna-Habitat) eingestuft werden müsste. Das würde den Hambacher Forst zu einem speziellen europäischen Schutzgebiet machen. Im Hambacher Forst leben streng geschützte Arten wie die Bechsteinfledermaus, der Springfrosch und die Haselmaus. Über diese Klage ist bisher noch nicht entschieden, RWE wollte dennoch roden. Dagegen hat der BUND Klage beim Verwaltungsgericht Köln eingericht. Die Kölner Richter lehnten die Klage ab, weshalb der BUND einen Eilantrag beim Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster eingereicht hat.
Was bedeutet der Rodungsstopp?
Das Oberverwaltungsgericht Münster hat der Klage gegen die Rodungsarbeiten stattgegeben. Die Rodungen müssen daher gestoppt werden – zumindest bis über die laufende Klage gegen die Zulassung des Hauptbetriebsplans entschieden ist. Was letztendlich aus dem Waldstück wird, hängt von dieser Entscheidung ab. Klar ist aber, dass das Verfahren sich noch über Jahre hinziehen könnte. Zudem darf nur zwischen Oktober und März gerodet werden, was die Rodungspläne von RWE noch weiter behindert.

Am Samstag, den 6. Oktober, feierten über 20.000 Menschen die vorläufige Rettung des Waldes. Auch Julia Mohr freut sich, kann diesem Triumph aber noch nicht ganz trauen. „Einen Rodungsstopp gab es ja auch schon letztes Jahr“, sagt die Studentin. Davor war sie noch selbst vor Ort, um gegen die Rodung des Waldstücks zu demonstrieren. Seit dem letzten Jahr setzt sich die Studentin für den Erhalt des verbliebenen Waldstücks ein. Eine Freundin nahm sie im August mit zum „camp for future“, einem von Umweltschützern organisierten und vom BUND unterstützten Camp zum Klimaschutz. Julia nahm zum Beispiel an Workshops zu Klimagerechtigkeit teil, tauschte sich mit Teilnehmern über Klimaschutz aus und besuchte zum ersten Mal den Hambacher Forst.

Die Dortmunderin Julia Mohr engagiert sich für den Erhalt des Hambacher Forsts.

Da in dem Wald zu sitzen und zu hören, dass der zerstört wird… das war schon eine Wucht

Das Erlebnis löste etwas in ihr aus. „Da in dem Wald zu sitzen, der super schön ist und total alt, und zu hören, dass der zerstört wird… das war schon eine Wucht“, sagt Julia darüber. Ebenso bewegend erlebte sie ein Treffen mit Bewohnern eines fast gänzlich geräumten Dorfs. Der Rückbau hatte dort bereits begonnen, die meisten Bewohner waren umgesiedelt worden. „Da lebten nicht mal mehr 20 Leute“, erzählt Julia, „Man denkt sich am Anfang: Na gut, dann ziehst du halt um.“ Doch die Menschen seien traumatisiert davon, sie hätten keine andere Wahl gehabt, als ihr Zuhause hinter sich zu lassen. Daran habe Julia gemerkt, dass es nicht nur um die Umwelt ginge, sondern um Menschen und deren Leben. Der Kampf um den Tagebau ist nicht zuletzt ein soziales Thema.

Es ist ja nicht nur ein Wald… auch so viel Leben und Geschichte

Auch bei dem Konflikt um den Hambacher Forst geht es um mehr als um den Wald selbst. „Es ist ja nicht nur ein Wald… auch so viel Leben und Geschichte“, sagt Julia. Der Hambacher Forst ist nach Angaben des BUND über 12.000 Jahre alt. Er beherbergt zahlreiche geschützte Arten und gehört zu den letzten großen Mischwäldern in Mitteleuropa. Ökologisch gilt er als besonders wertvoll – aber auch für die Aktivisten, die teilweise seit Jahren dort leben, hat er emotionalen Wert. Mindestens 30 Baumhäuser wurden hier in den letzten Jahren gebaut, viele der Baumbesetzer lebten dauerhaft in ihren Häusern, die teilweise kleine Dörfer bildeten. Auch Julia hat Freunde, die hier lebten. Als RWE den Wald im letzten November roden wollte, war sie selbst eine Woche vor Ort. „Das war wunderschön mit all den Leuten da zu sein“, sagt sie. Das hat sie motiviert, sich selbst für den Erhalt dieses Orts einzusetzen. Sie organisierte das „camp for future“ 2018 mit und startete zusammen mit Freunden im September auch eine Demonstration für den Hambacher Forst in Dortmund.

Es ist ein kleiner Triumph

Die Entscheidung des Oberverwaltungsgericht Münster, die Rodungsarbeiten zu stoppen, ist daher auch für sie ein kleiner Triumph. Es hat aber bereits letztes Jahr einen Rodungsstopp gegeben. Und wie lange der „große Erfolg“, von dem der BUND spricht, anhält, lässt sich auch heute nicht sagen. So richtig ist „Hambi“ noch nicht gerettet. Am meisten freut sich Julia darüber, dass das Thema mittlerweile im öffentlichen Bewusstsein angekommen ist. „Die Leute sehen jetzt die Probleme“, sagt sie. Und das beschäftige nicht mehr nur linke Aktivisten. Zu der Demo im September in Dortmund kamen mehrere hundert Menschen. „Da waren Kinder, da waren Erwachsene, da waren ältere Menschen“, berichtet die Studentin, „Leute aus der Mitte der Gesellschaft.“ Für sie ist es schön, zu beobachten, wie immer mehr Menschen sich leidenschaftlich für den Klimaschutz aussprechen. Dafür will sie sich weiterhin engagieren und über das Thema aufklären.

 

Beitragsbild: Felix Spira: „grüner Finger“ / flickr.com (lizenziert nach CC BY-SA 2.0)

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