Junger Air-Berlin-Pilot: „Ich hänge mit allem, was ich habe, an dem Job“

Machtlosigkeit. Ein Gefühl, das die Mitarbeiter von Air Berlin durch den Alltag treibt, seit der Konzern im August pleite ging. Während die Lufthansa versucht, große Teile der einstigen Konkurrenz aufzukaufen, stehen viele Mitarbeiter bisher allein da. So auch Lukas*: mitte zwanzig und erst seit kurzem Pilot bei Air Berlin.  Am Mittwoch (22.11) in Berlin steht er aber nicht alleine da – sondern auf der Straße und demonstriert mit seinen Mitstreitern gegen die Behandlung der Mitarbeiter von Air Berlin.

In Berlin demonstriert er öffentlich, aber hier will er anonym bleiben. Vor dem Interview sagte er, dass er sonst bei  zukünftigen Jobaussichten Schwierigkeiten bekommen könnte.

Lukas, wie würdest du die Lage in Bezug auf deinen Job gerade beschreiben?

Lukas: Sie ist ziemlich unangenehm. Offiziell bin ich „widerruflich freigestellt“. In Wirklichkeit wird das ganze allerdings nicht widerrufen. Es gibt nämlich die Anweisung, uns in Berlin nicht mehr einzusetzen, sondern nur noch ausgewählte Kollegen, die an drei Stationen für Eurowings weiterfliegen. Uns wird unter der Hand gesagt, dass wir bald gekündigt werden – offiziell liegt uns aber keine Kündigung vor.

Was ist eine widerrufliche Freistellung?

Das bedeutet, du bist zurzeit arbeitslos?

Lukas: Ja, eigentlich bin ich gerade arbeitlos angestellt. Ich bekomme vermutlich kein Gehalt mehr, da Air Berlin kein Geld mehr hat, um uns zu bezahlen. Allerdings ist es gefährlich, wenn ich mich beim Arbeitsamt als „arbeitssuchend“ melde, weil damit eine eventuelle Kündigungsschutzklage schwierig werden könnte. Das heißt: Ich sitze mit viel Zeit zu Hause, um über die Lage nachzudenken. Und muss dabei von dem Ersparten leben, das ich vorher verdient habe.

Diesen Ausblick aus dem Cockpit wünscht sich Lukas sehnlichst zurück.

Welche Möglichkeiten gibt es für dich in Zukunft?

Lukas: Für Eurowings Deutschland wäre es für mich persönlich in Ordnung zu fliegen – selbst, wenn es schlechter bezahlt wäre. Dafür muss Lufthansa aber ihr Angebot verbessern, damit die Vereinigung Cockpit den Tarifvertrag absegnet und wir eingestellt werden können. Ein paar Monate mehr bei Air Berlin hätten mir schon eine Menge mehr Möglichkeiten eröffnet. Dadurch, dass ich noch nicht so viele Flugstunden habe, kann ich mich leider nicht überall bewerben.

Hintergrund: Die Jobangebote der Lufthansa

Hast du zwischendurch darüber nachgedacht, einen anderen Beruf auszuführen?

Lukas: Nein, ich hänge mit allem, was ich habe, an dem Job. Ich möchte nicht reich werden, sondern einfach Spaß bei der Arbeit haben. Aber die derzeitigen Umstände und das, was die Lufthansa treibt, ist menschenunwürdig. Air Berlin war bisher ein echt guter Arbeitgeber und ich hätte mir von ganzem Herzen gewünscht, dass es weitergeht. Der Air-Berlin-Spirit, von dem immer erzählt wird, ist unbeschreiblich. Das man sowas mit Füßen tritt und auseinander reißt ist echt schade.

Worauf hattest du dich denn eingestellt, als du bei Air Berlin angefangen hast?

Lukas: Wir sind damals noch davon ausgegangen, dass Etihad, der Hauptaktionär von Air Berlin, die Airline ein wenig über Wasser hält und dass sich die Lage noch zum Guten wendet. Ich bin ja zum Glück noch nicht hier festgewachsen, ich kann zur Not noch ins Ausland gehen. Aber manche Kollegen sind wirklich aufgeschmissen, weil die ihr Haus, ihre Familie und einfach alles daran gehängt haben.

Timeline zum Verlauf seit der Insolvenz

Und wie ist Air Berlin mit euch nach der Insolvenz umgegangen?

Lukas: Leider ist unser Chef der ehemalige Chef von Germanwings. Wir Angestellte haben nicht das Gefühl, als würde er für Air Berlin arbeiten, sondern hauptsächlich für den Lufthansa-Konzern. Dadurch, dass das Ganze für uns nach einem großen Komplott aussieht, ist der Umgang mit uns ungenügend. Es werden zwar intern viele Jobs bei anderen Airlines vermittelt, aber man merkt schon, dass man versucht, uns unter Druck zu setzen, damit wir zu Eurowings Europe zu gehen. 

Und das ist für dich keine Option. Wie werden die kommenden Wochen bei dir aussehen?

Lukas: Die nächsten Wochen werden recht eintönig sein. Hauptsächlich werde ich Hausarbeit machen und schauen, wie sich die Dinge verändern. Wir werden als Gemeinschaft stark bleiben und hoffen, dass durch die Demonstration die Politik und die Gesellschaft endlich aufmerksam werden und mitbekommen, was für ein Spiel mit uns gespielt wird. Denn die Jobangebote, die Lufthansa uns macht, und sich damit als großer Retter darstellt, sind nicht akzeptabel. Ich hoffe, dass sich bald was bewegt, denn es zerrt schon sehr an den Nerven, wenn man hier die Flugzeuge über einem starten sieht und selbst nicht fliegen darf.

Dann mal alles Gute und Danke für das Gespräch. 

Bis Lukas erfährt, wie es für ihn weiter geht, kann es noch dauern. Verbraucherschützer befürchten einen Machtmissbrauch der Lufthansa, die die Air Berlin Töchter Niki und  die Luftfahrtgesellschaft Walter (LGW) samt Streckenrechten übernehmen möchte. Das Bundeskartellamt wartet allerdings auf die Entscheidung der EU-Kommission, die laut Informationen des Tagesspiegels am 7. Dezember verkünden will, ob eine Übernahme durch die Lufthansa möglich ist.

*Name von der Redaktion geändert

Beitragsbild: flickr.com/Kent Wien. Lizensiert nach Creative Commons 

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