Pflicht besiegt Gefühl

Die neue Produktion am Dortmunder Theater ist die Oper „Eugen Onegin“ von Peter Tschaikowsky. Lyrische Szenen voller Schmerz, verpasster Chancen und der unerfüllten Liebe, die von sehnsüchtiger und romantischer Musik untermalt werden. 

Die Oper

Die Handlung ist schnell erzählt. Die junge Tatjana flüchtet  mit Hilfe ihrer Romane vor ihrem tristen Landleben in der russischen Provinz in literarische Traumwelten, bis sie den weltmännischen und arroganten Nachbarn Eugen Onegin trifft. In ihn projiziert sie ihre gesamte Sehnsucht und gesteht ihm in einem Brief ihre Liebe. Die Antwort des Angebeteten ist allerdings abweisend und eher belehrend. Er kann die Liebe nicht erwidern.

Im zweiten Akt kommt es bei Festlichkeiten zum Streit zwischen Onegin und seinem Freund Lenski. Onegin macht sich aus Langeweile und Streitsucht an Olga, die Verlobte seines Freundes und Schwester Tatjanas ran. Von Eifersucht zerfressen, fordert Lenski seinen Freund zum Duell, welches er nicht überlebt. Im dritten Akt kehrt der von Schuldgefühlen geplagte Eugen Onegin nach Russland zurück und erkennt in der Gemahlin eines heldenhaften Generals Tatjana wieder. Von ihrer Schönheit und Souveränität tief beeindruckt, entflammt nun in ihm die Liebe. Doch dieses Mal ist er es, der von Tatjana abgewiesen und verzweifelt zurück gelassen wird.

Tschaikowsky wählte mit Absicht einen Stoff, der genauso hätte passieren können, ohne die archaischen Gepflogenheiten der damaligen Opern. Die Handlung ist nicht besonders kompliziert, es geschieht alles auf engstem Raum. Und dazu passt auch seine Musik. Er arbeitet mit Leitmotiven, die zum Beispiel eine bestimmte Person darstellen und übersetzt die Sehnsucht, den Schmerz und alle Emotionen in eine kraftvolle, sehr romantische Musik, die voller russischer Harmonik ist.

Onegin in Dortmund

In der Dortmunder Inszenierung wird das egozentrische Handeln der verschiedenen Protagonisten auch im Bühnenbild aufgegriffen. Ein riesiger, sich von Akt zu Akt wandelnder Kubus dreht sich immer im Kreis. Zwar hat der Zuschauer dieses Prinzip schnell verstanden, doch zeigt es plastisch, dass sich auch das Handeln der Akteure ständig um sich selbst dreht. Keiner vermag aus diesem Hamsterrad auszubrechen, und so ist es nicht verwunderlich, dass in jeder Situation aneinander vorbeigelebt wird. Den passenden Moment gibt es nicht.

Verzweifelt liegt Onegin am Boden und wird von Tatjana zurückgewiesen.

Das zeigt sich schon im ersten Akt, der die Tristesse in Tatjanas Leben mitfühlen lässt. Bei ihrer Mutter und der Amme werden ihre Gefühle nicht verstanden. In deren Welt herrscht die Vernunft. Gewohnheit trumpft Glück, Weihwasser vertreibt die Liebe. Erst das Treffen mit Onegin lässt Tatjana von Liebe träumen. Emily Newton ist in Dortmund eine phantastische Tatjana. Selbst in den Chorszenen bleibt sie immer in ihrer Rolle. Sie sticht heraus, auch gesanglich. Authentisch taumelt sie durch ihren Liebestraum und lässt das Publikum die Verwandlung dieses geblendeten Mädchens zur souveränen Frau miterleben. Dass sie sich am Ende für die Treue und gegen Onegin entscheidet, obwohl sie zugibt ihn immer noch zu lieben, kommt trotzdem nicht überraschend. Pflicht besiegt Gefühl.

Sänger Simon Mechlinski, der den Onegin spielt, wirkt trotz seiner kraftvollen Stimme in einigen Szenen zu ungelenk. Diese Wirkung entsteht auch deshalb, weil die Sänger in der ganzen Inszenierung oft große Distanzen überwinden müssen. Durch den körperlichen wird auch der seelische Abstand verdeutlicht. Erst im dritten Akt spielt sich Mechlinski frei und lässt Eugen Onegin überzeugend in Selbstmitleid ertrinken.

„Der Charakter zeugt noch immer vom Geist der Uraufführung: eine Oper für ein junges Ensemble, ohne Schwulst und großes Pathos, in ihrer Figurenschilderung klar und erbarmungslos ehrlich.“ (Georg Holzer, Dramaturg)

Das schöne an der Dortmunder Inszenierung ist, dass die Sänger den Protagonisten der Oper auch altersmäßig relativ nahe sind. Ganz wie es Tschaikowskys Intention war, als er eines seiner wichtigsten Werke von Studierenden des Moskauer Konservatoriums uraufführen ließ.

Weitere Aufführungen der Oper „Eugen Onegin“ in Dortmund findet ihr hier. Der Eintritt ist für TU-Studierende wie immer kostenlos.

Beitragsbilder und Teaserbild: © Stage Picture GmbH / Anke Sundermeier

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