Heimvorteil im American Football: Wer viel reist, der viel verliert?

Hunderttausende Fans pilgern an Spieltagen stets in die Stadien der National Football League in den USA und versuchen, ihre Teams zum Sieg zu schreien. Unserem Autor ist aufgefallen: Je weiter die Anreise, desto seltener siegt das Auswärtsteam. Auch unsere Datenanalyse zeigt: Gerade in den Play-Offs und schlussendlich im Super Bowl ist der Heimvorteil besonders entscheidend. 

Do or Die. Siegen oder Fliegen. Alles oder Nichts. Traditionell geht es in der kalten Jahreszeit in der National Football League (NFL) richtig zur Sache. Dann heißt es in der größten und populärsten American-Football-Liga der Welt nämlich: „It´s Play-Offs, Baby.“ Anders als noch in der regulären Saison geht es in den Ausscheidungsspielen und natürlich am Ende im ruhmreichen Super Bowl um jeden Punkt, jeden Angriff, jeden Spielzug. Denn der kleinste Fehler kann das Aus für das ganze Team bedeuten und die Arbeit der vergangenen Monate von jetzt auf gleich beenden. Und eben in diesen ganz besonderen Duellen spielt der Heimvorteil eine ganz besondere Rolle. Und klar: Wer möchte nicht gerne vor knapp 100.000 schreienden Fans im eigenen Stadion den alles entscheidenden Touchdown erzielen und in die Geschichtsbücher eingehen?

Dass besonders dieser Heimvorteil am Ende einen großen Schub geben kann, ist in den vergangenen knapp 20 Jahren deutlich geworden. Im Sommer 2002 kam es zur Revolution der NFL, der Gründung neuer Teams wie den Houston Texans und der Aufstockung auf die heute bekannten vier Divisionen in jeder der beiden Conferences. Zur Erklärung: Die 32 NFL-Teams sind aufgeteilt in insgesamt acht kleine Gruppen, dessen Mannschaften jeweils örtlich nah zusammen spielen. So sollen Rivalitäten gestärkt werden. Seitdem gewinnen die Teams deutlich häufiger ein Entscheidungsspiel, wenn ein Play-Off-Duell vor der eigenen Haustür findet. Abgesehen von den Saisons 2005 und 2010 zeigte klar: Wer ein Play-Off-Heimspiel austrägt, hat zumindest sehr gute Chancen, dieses auch zu gewinnen. In 13 von 18 Spielzeiten gewannen die Heimmannschaften mehr Spiele als die Kontrahenten, die erst teilweise noch stundenlang anreisen mussten. In vier Spielzeiten konnten sogar nur zwei der zehn Partien von den Gästen gewonnen werden. Insgesamt wurden 114 der 180 Auswärtsspiele in den Play-Offs verloren.

Heim-Mannschaften haben in die Play-Offs deutlich mehr Spiele gewonnen als Auswärts-Teams. Daten: pro-football-reference.com

Insgesamt zehn Play-Off-Spiele gab es bis zur System-Vergrößerung 2020 jährlich auf dem Weg zum Super Bowl. Durch die Platzierungen in der regulären Saison wurde die sogenannte Setzliste für die Play-Offs festgelegt. Die besten beiden Teams jeder Conference (AFC und die NFC) hatten im jeweiligen Achtelfinale noch frei und stießen erst in der Divisional Round (Viertelfinale) dazu. Die Nummer drei bis sechs der Setzliste trafen hingegen schon in der Wild Card Round (Achtelfinale) aufeinander. Generell galt immer: Die besser gesetzte Mannschaft hat Heimrecht.

Besseres Team in der Saison hat in den Play-Offs Heimrecht

Allerdings muss diese Statistik kritisch angesehen werden, da spätestens der oder die erfahrene Football-Kenner*in weiß, dass eben immer die Mannschaften ein Heimspiel haben, die vorher auch besser abgeschnitten haben und damit in der Setzliste höher stehen. Es ist damit auch nicht wirklich überraschend, dass beispielweise die Seattle Seahawks 2013 mit nur drei Niederlagen durch die Spielzeit marschierten und später sogar das Endspiel dominierten, waren sie doch die mit Abstand stärkste Mannschaft in der regulären Saison und hatten dazu auch noch in allen Spielen Heimrecht.

Doch gerade die Seahawks sind eine Mannschaft, die es in den vergangenen Jahren bestens gelernt, vielleicht gar perfektioniert hat, ihre Gegner bei einem Heimspiel in Angst und Schrecken zu versetzen. Im gesamten Erfassungszeitraum verloren die Seeadler aus dem Bundesstaat Washington nur ein einziges Heimspiel, wenn es in die Play-Offs ging und zeigten sich immer wieder als „schlechter Gastgeber“.

Gleich 21 von 24 Play-Off-Heimspielen gewannen Teams aus der NFC West zwischen 2002 und 2020. Daten: pro-football-reference.com

Allerdings lag das in Seattle besonders an der symptomatischen Gegnereinschüchterung. In der ersten Play-Off-Runde 2011 beispielsweise passierte im dortigen Lumen Field einmaliges: Runningback Marschawn Lynch bekam kurz vor Spielende den Ball und lief fast 70 Yards bis in die Endzone der New Orleans Saints. Das Spiel war nun entschieden, doch viel bemerkenswerter als der Lauf an sich waren die Zuschauer*innen im „Hawks-Nest“. Die feuerten die Lynch so frenetisch an, dass das Pacific Northwest Seismic Network, ein amerikanisches Netzwerk, dass die Seismographen am Pazifik überwacht, laut eigenen Angaben in Seattle ein schwaches Erdbeben gemessen hat. Dazu ist das Stadion sogar so konzipiert, dass gegnerische Spieler nach Informationen des größten deutschen Seahawks-Fanclubs bei Regen und Gewitter eher nass werden, als die heimischen.

Seattle Seahawks gelten als Heimmacht

Aber Gegner reisen nicht nur sehr ungern nach Seattle: Der Westen der USA scheint generell besonders unbeliebt zu sein. Die Stadien der Arizona Cardinals, der Los Angeles Rams (früher St. Louis) sowie der San Franisco 49ers sind ebenso wie das Lumen Field in Seattle echte Horrorziele für Gegner in den Play-Offs.

Das Stadion der Seattle Seahawks
Das „Lumen Field“ in Seattle wurde extra so gebaut, dass die gegnerische Auswechselbank bei Gewitter im Regen steht. Foto: Lernestorod/Pixabay

Zwischen 2002 und 2019 verloren Mannschaften der NFC West von 24 Play-Off-Heimspiele gerade einmal drei, was einer Erfolgsquote von 87,5 Prozent entspricht. Halbwegs mithalten kann da gerade Mal die AFC East, in der Tom Brady, der wohl beste Spieler aller Zeiten, jahrelang seine Gegner dominierte – gerade auch in den Play-Offs. Doch nicht nur Seattle ist eine echte Heim-Macht im Westen der USA. Die Arizona Cardinals beispielsweise gewannen alle ihre vier Play-Off-Heimspiele in diesem Zeitraum, die San Francisco 49ers verloren nur einen einzigen ihrer sieben Auftritte zuhause in Santa Clara.

Ein möglicher Grund hierfür: Ähnlich wie in der regulären Saison sind die Wege in den Westen der Vereinigten Staaten weiter, als wenn eine Mannschaft nur kurz für eine Stunde Busfahrt beispielsweise von Philadelphia nach New York fahren muss. Die kürzeste Anreise nach Seattle, die jemals ein Play-Off-Team hatte, das nicht aus der NFC West kam, hatten 2014 die Green Bay Packers mit dennoch knapp 2650 Kilometern Luftlinie.

Die Wege in den Westen sind weit

Wenn sich die Mannschaften dann aber doch durch die Play-Off-Runde gekämpft haben, vielleicht glücklicherweise den „Endstationen“ aus der NFC West aus dem Weg gegangen sind, steht natürlich trotzdem noch eine letzte große Prüfung: der Super Bowl, das Endspiel der National Football League und das größte Einzelsportevent der Welt.

Natürlich sind die Voraussetzungen vor dem Finale etwas anders als noch in den Play-Offs. Während in den Vorrunden die Anreise häufig erst ein oder zwei Tage vor der Partie stattfindet, fliegen die Mannschaften oft schon eine Woche vorher zum Ort des Super Bowls. Grund dafür ist auch, dass zwischen der Conference-Round und dem großen Endspiel noch der ProBowl, ein All-Star-Game der besten Footballer der Liga, stattfindet. Damit haben die Teilnehmer eine Woche mehr Zeit für Anreise und Vorbereitung.

Spätestens dadurch wird aber klar, dass Mannschaften aus dem Norden wie Green Bay, Buffalo oder eben Seattle durchaus große Nachteile haben müssten, da sie weit über 3000 Kilometer bis zum Ort der Partie reisen müssen und auch völlig ungewohnte Temperaturen vorfinden. Schließlich wird der Super Bowl oft eher in warmen Städten ausgetragen statt im eisigen Norden der USA. Dass es mögliche Anpassungsprobleme geben könnte, zeigt sich in den Daten deutlich.

Genau wie in den Play-Offs gewinnen auch im Super Bowl oft die Teams mit der kürzeren Anreise. Daten: luftlinie.org

Tatsächlich gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen der Weite der Anreise und dem Ausgang der Partie. In 13 von 19 Super Bowls zwischen 2002 und 2020 gewann die Mannschaft, die den kürzeren Weg bis zum Endspiel hatte. Unterschied sich die Länge der Anreise sogar um mehr als 1400 Kilometer gewann das Team, das näher am Ort des Finals zuhause war, in sechs von neun Duellen. Ganz deutlich wurde dieses Phänomen im Super Bowl 2006.

Tampa Bay und Los Angeles gewinnen Super Bowl im eigenen Stadion

Während die Seattle Seahawks mehr als 3000 Kilometer Luftlinie bis nach Detroit fliegen mussten, hatten die Pittsburgh Steelers nur etwas mehr als 300 Kilometer zurückzulegen und gewannen ungefährdet mit 21:10. Ein Zusammenhang wäre hier denkbar. Ähnlich große Nutznießer waren beispielsweise die Denver Broncos 2016 mit einer 2166 Kilometer kürzeren Anreise. Nur die Tampa Bay Buccaneers schafften es im Super Bowl 2003 die Oakland Raiders zu besiegen, obwohl sie über 2500 Kilometer weiter fliegen mussten als ihre Gegner, die auf dem Weg nach San Diego nicht mal den Bundesstaat wechseln mussten.

Bei den jüngsten beiden Super Bowls zeigte sich einmal mehr, wie stark sich ein Heimvorteil im Endspiel auswirken kann. Mit den Tampa Bay Buccaneers spielte 2021 erstmals eine Mannschaft ein Finale im eigenen Stadion und gewann gegen den Favoriten aus Kansas City. Ein Jahr später waren es die Los Angeles Rams, die „zuhause“ die Cincinnati Bengals schlugen.

Natürlich ist klar, dass die Länge der Anreise nicht der einzige Grund dafür sein kann, dass eine Mannschaft ein Play-Off-Spiel oder einen Super Bowl verliert. Dennoch zeigen die Daten deutlich: Ein Zusammenhang ist erkennbar. Wer also möglichst viele Duelle für sich entscheiden möchte, sollte darauf achten, am besten Duell im eigenen Stadion zu haben. Was natürlich nicht mal eben zu beeinflussen ist.

Beitragsbild: Pexels/Pixabay

Ein Beitrag von
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