Manege frei für Elefant, Löwe und Co.?

Ein Zirkus ohne Tiere – der Zirkus Flic Flac arbeitet mit Artistinnen und Artisten aus der ganzen Welt und verspricht ein atemberaubendes Zirkuserlebnis ohne Tiere. Im Zirkus Krone dagegen sind Elefanten und Löwen die Hauptattraktion. Regelmäßig fordern Tierschützerinnen und Tierschützer ein Wildtier-Verbot für deutsche Zirkusse. Gehören Tiere in den Zirkus?

Wenn Artist Nikolai Kuntz am Trapez hoch oben am Zirkuszelt-Himmel hin und her schwingt, applaudiert das Publikum. Flic Flac begeistert mit seinen Shows regelmäßig seine Besucherinnen und Besucher. Auch Zirkus Roncalli wird sich ab kommendem Jahr mehr seiner Artistik widmen – er hat alle Nummern mit Tieren aus dem Programm gestrichen.

Zirkus-Löwen sind nicht gestresster als Löwen in der Serengeti 

Dabei spricht eigentlich nichts gegen Tiere im Zirkus, sagt Dr. Immanuel Birmelin, Verhaltensforscher für Tiere. „Es kommt immer auf die Bedingungen an, die Tieren geboten werden – das vergessen Tierrechtler oft“, sagt Birmelin. „Tiere wollen beschäftigt werden und die Möglichkeit haben, sich zu verwirklichen. Wenn das Gehirn nicht gefordert wird, werden Nervenzellen abgebaut.“ Birmelin reist seit rund 20 Jahren regelmäßig nach Afrika, führt dort Studien mit Tieren in der Natur durch und hat Dokumentarfilme gedreht.

Während einer Reise des Zirkus‘ Krone hat er eng mit dem Löwen-Dompteuren Martin Lacey zusammengearbeitet. Lacey hat Speichelproben entnommen, in denen Birmelin daraufhin den Cortisol-Wert gemessen hat. Das Fazit des Verhaltensforschers: Der Spiegel der Stresshormone von Tieren im Zoo und Tieren im Zirkus unterschied sich nicht – auch nicht von den Werten, die der amerikanische Kollege Craig Packer bei Löwen in der Serengeti-Savanne im Norden Tansanias gemessen hat. Gleichzeitig gibt Birmelin nach seinen Erfahrungen zu Bedenken, dass in der Diskussion mit Tierrechtlerinnen und Tierrechtlern oft die Beziehung zwischen Mensch und Tier vergessen werde. „Wenn Martin Lacey Löwenmütter streicheln kann, während diese ihre Babys an den Zitzen haben, ist das ein riesiges Vertrauen“, sagt Birmelin. Einige Tiere eignen sich laut Birmelin weniger als andere für den Zirkus. Schimpansen könne man beispielsweise kaum gerecht werden. Diese seien sehr explorativ und es koste viel Geld und Zeit, sie ausreichend zu beschäftigen. Anders sei da ein Löwe, der 20 Stunden am Tag schläft.

Wildtier-Verbot für Zirkusse in mehr als 20 Ländern Europas

Die Tierrechtsorganisation Peta dagegen fordert ein Wildtierverbot in Zirkussen deutschlandweit, besser noch ein Verbot für jegliche Art von Tieren. Andere Staaten in Europa sind dabei Vorreiter: In über 20 Ländern sind teilweise manche Wildtiere, teilweise sogar alle Tiere verboten. In Deutschland haben sich bereits viele Städte dazu entschieden, keine Zirkusse mit Wildtieren auf ihren Plätzen zu erlauben. In NRW sind das zum Beispiel Castrop-Rauxel, Köln und Paderborn. Der deutsche Bundesrat hat im März 2016 zum dritten Mal für ein Verbot abgestimmt, doch durch den Bundestag hat es solch ein Gesetz noch nie geschafft. Dr. Yvonne Würz, Biologin und Fachreferentin für Zoo und Zirkus bei Peta, erklärt warum: „Der große Haken ist die CDU/CSU, die vehement gegen ein Wildtierverbot ist. Das liegt vor allem an Einzelpersonen wie Volker Kauder, der als Ehrenfan von Zirkus Krone gezielt ein Verbot verhindert.“ Bisher gibt es lediglich unverbindliche Leitlinien für die Haltung, Ausbildung und Nutzung von Tieren in Zirkusbetrieben des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft.

Mit ihren Vorwürfen stütze sich Peta unter anderem auf Videomaterial, dass der Tierrechtsorganisation meistens von Whistle-Blowern bekomme. Das sind beispielsweise Anwohnerinnen und Anwohner, die neben einem Zirkus-Gelände wohnen. Peta hat nicht die Kapazität, um jedem Zirkus hinterherzufahren und Situationen zu prüfen. Würz hat bisher keine Studien mit Tieren im Zirkus durchführt und besucht selbst keinen Zirkus.

Es handele sich um ein systembedingtes Problem: Eine artgerechte Haltung von Tieren sei in mobilen Zirkussen nicht möglich, so Würz. Folge von mangelnder Beschäftigung und Bewegung seien Verhaltensstörungen wie das „Weben“ bei Elefanten. Das bedeutet, dass die Tiere rhythmisch Kopf und Körper hin und her schaukeln.  Es sei ein Zeichen für seelisches Leid der Tiere.

Die Tiere werden zur Dressur gezwungen, da kann nicht von artgerechter Beschäftigung die Rede sein.

Dr. Yvonne Würz (Peta)

Sie sagt weiter: „Und dass man mit Vertrauen Elefanten zum Kopfstand bringen kann, möchte ich bezweifeln.“ Stattdessen werde der sogenannte Elefantenhaken genutzt. Ein Stock mit spitzem Haken an einem Ende würde damit dem Tier in die Haut gerammt. Und selbst, wenn es nicht genutzt werde, diene es beim Mitführen zur Einschüchterung.

Gute Tierhaltung ist messbar

Daniel Burow vom Aktionsbündnis „Tiere gehören zum Circus“ relativiert diese Kritik. Wenn ein Elefant in freier Wildbahn lebe, fänden ähnliche Bewegungsabläufe statt. So stütze sich der Elefant beispielsweise auch auf Kopf und Rüssel, um Wasser zu trinken, oder strecke sich zu einem Baum hoch. „Tiger, die durch Feuerringe springen und Schimpansen, die Motorrad fahren, sind schon lange nicht mehr Realität“, sagt Burow. Auch den Elefantenhaken sollte man sich laut Burow genauer anschauen: Er sei vorne stumpf und der Tierlehrer könne damit Impulse für die Richtung geben. „Ein kleiner stumpfer Haken im Vergleich zu einem riesigen Elefanten. Das ist, wie wenn man bei einem Hund ein wenig an der Leine zieht“, sagt Burow. Nichtsdestotrotz werde die Elefanten-Haltung laut Burow in Zirkussen seltener und bald verschwinden. Denn zurecht würden keine Wildfänge mehr importiert.

Ähnlich wie der Verhaltensforscher Birmelin argumentiert auch Burow. Die Frage sei nicht, wo Tiere gehalten werden –  ob im Zirkus oder Zoo. Die Frage sei, ob es Tieren an messbaren Kriterien gut gehe. Und darauf seien Tierlehrerinnen und Tierlehrer bedacht. Als Beispiel nennt Burow eine Show-Premiere des Zirkus‘ Krone vor einigen Jahren. Vor versammeltem Publikum und nach Ankündigung des Nashorns sei die Durchsage gekommen: „Unser Nashorn möchte heute nicht auftreten.“ Tiere könne man nicht zwingen – und darauf stelle sich ein guter Tierlehrer auch ein, so Burow.

Ein Zirkusbesuch mit oder ohne Tiere – das muss jeder für sich selbst entscheiden. In Dortmund gastiert über die Ferien neben Flic Flac auch der Dortmunder Weihnachtszirkus, nach eigenen Angaben mit mehr als 50 artgerecht gehaltenen Tieren.

Beitragsbild: Flickr.com/DirkJan Ranzijn lizenziert durch CC BY-ND 2.0
Foto: Flickr.com/MathiasAppel lizensiert durch CC0 1.0

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1 Comment

  • Sicher fehlt den Bundestagsabgeordneten/innen , die ein solches „Wildtierverbot schon zwei Mal gefordert hatten, das Hintergrundwissen. Wozu soll den ein Wildtierverbot dienen, wenn bereits in wenigen Jahren kein „Wildtier“ aus den Ursprungsländern in einem Zirkus mitreist. Bereits 1976 hatte Deutschland dem Artenschutzabkommen zugestimmt. Somit tickt die biologische Uhr der ältern Tiere. Einige Zirkusunternehmen haben eigene Tierparks (Berolina, Carl Busch oder der Reiterhof vom Circus Krone ), auch der Elefantenhof im Elefantendorf Platschow gehört dazu, wo die älteren Tiere eingestellt sind. Kein Tierrechtler muss sich Gedanken machen über die alten Tiere bei einem guten Zirkus.

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