Tüfteln aus Leidenschaft – die Maker Faire Ruhr

Selbstgebaute Roboter, Hand-Prothesen aus dem 3D-Drucker, sonnenbetriebene Autos – auf der Maker Faire Ruhr stellen Hobbytüftler ihre Arbeit aus. KURT nimmt euch mit zu den spannendsten Erfindungen.

Knatternd und qualmend bewegt sich ein riesiges, vier Meter hohes Zahnrad durch die große Halle, schlängelt sich zwischen den staunenden Menschen hindurch. Mittig sitzt ein fast vollständig in Leder gekleideter Mann, das Gesicht rußverschmiert, auf dem Kopf eine Pilotenmütze, wie man sie vor einem Jahrhundert getragen hätte. Ein Rattern erklingt und sein Sitz beginnt, sich nach vorne zu klappen und eine vollständige Umdrehung zu vollführen. Es ist ein verrücktes Bild: Der Mann fährt kopfüber in einem Zahnrad durch die Menschenmenge.

Er ist Anhänger der sogenannten Steampunk-Szene, Anhänger eines Designs, das an alte Dampfmaschinen und die Bücher Jules Vernes erinnert. „Es ist der Spaß an der Frage: Was wäre, wenn es im viktorianischen Zeitalter bereits Computer, unsere heutige Technik gegeben hätte?“, erklärt Jochen Enderlein alias Horatius Steam die Grundidee des Steampunks. Dabei deutet er auf einen Computerbildschirm, der aussieht wie ein museumsreifer Bilderrahmen, aber einwandfrei funktioniert. Einige seiner anderen Erfindungen erinnern an Szenen aus den Harry-Potter-Filmen: „Ab einem bestimmten Grad ist Technologie nicht mehr von Magie zu unterscheiden,“ sagt der Hobbytüftler zu seiner Technik-Begeisterung.

Steampunk
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Die Maker Faire Ruhr soll die Begeisterung für Technik wecken

Horatious Steam ist hier also genau richtig, auf der Maker Faire Ruhr in der DASA in Dortmund, dem Museum für Arbeitsschutz. Am Wochenende, 10./11. März, stellen hier über 150 Freizeittüftler an 60 Ständen ihre Arbeit vor. Es wird gebastelt und recycelt, geforscht und programmiert. Dazwischen sind viele Familien mit Kindern unterwegs. Marcus Starzinger, Leiter für die Bereiche Bildung und Vermittlung an der DASA, freut das: „Wir wollen auch den Nachwuchs für Technik begeistern. Denn Deutschland ist nicht nur das Land der Dichter und Denker, sondern auch das der Erfinder.“ Die Maker zeichnet aus, dass sie mit Wissbegierigkeit und Kreativität selber etwas schaffen wollen. Das Spektrum ist dabei weit: Vom Basteltisch mit Pappe, Holz und Kleber über Foodsharing bis zum Chaos Computer Club ist alles dabei.

Das Video zur Maker Faire Ruhr im vergangenen Jahr 2017

Star-Wars-Roboter in Originalgröße

Während die einen rostige Dampfmaschinen als Gefährte benutzen, lassen die Mitglieder des R2-D2 Builders Clubs große Roboter herumfahren. Vorbild sind die Roboter aus den Star-Wars-Filmen – in Originalgröße, inklusive Sound- und Lichteffekten. Der bekannteste Vertreter seiner Art, R2-D2, ist gleich mehrfach vertreten. „Von null auf hundert kann das schon zwei Jahre dauern, so einen Roboter zu bauen,“ erklärt Anja Strugholz, während sie an frisch aus dem 3D-Drucker gekommenen Teilen für ein neues Modell herumfeilt. Inzwischen könne sie selbst das deutlich schneller. Die Baupläne für die per Fernbedienung lenkbaren Roboter stellt sie kostenlos auf der Website des Clubs zur Verfügung.

Hand-Prothesen aus dem 3D-Drucker

Nicht nur beim spielerischen Roboterbau, sondern in der gesamten Maker-Szene spielt der 3D-Druck inzwischen eine zentrale Rolle. Denn so lassen sich sehr einfach Bauteile in allen möglichen Formen herstellen. Auch komplexe und praktische Dinge können gedruckt werden. So hat der Verein e-NABLE eine Handprothese für Kinder und Erwachsene entwickelt, die Menschen ohne Hand oder Unterarm das Zugreifen ermöglicht. Abgesehen von ein paar Schrauben können alle Einzelteile gedruckt werden.
Die fertigen Prothesen sollen auch an Bedürftige weitergegeben werden. Allerdings dürfe der Verein die Prothesen nicht einfach verschenken, meint der Vorstandvorsitzende Lars Thalmann. Während die Prothesen fast überall sonst als zulassungsfreies Spielzeug gelten, würden sie nach europäischem Recht als medizinisches Produkt eingestuft, allein die aufwändige Genehmigung würde pro Prothese über tausend Euro kosten. Um das zu umgehen, werden Bedürftige einfach selber zu Makern gemacht. In einem Workshop lernen sie, wie sie eine Handprothese bauen können und dürfen die Einzelteile anschließend bei einem Freiwilligen aus dem Verein privat ausdrucken. In Deutschland haben Menschen ohne Gliedmaßen zwar alle sieben Jahre Anspruch auf eine Prothese, „gerade Eltern wollen ihre Kinder aber oft nicht mit den teuren Teilen im Sand oder Matsch spielen lassen,“ erklärt Thalmann den Bedarf auch in Deutschland.

Verpackungsmaterial aus Pilzen

Während im 3D-Druck überwiegend mit Plastik gearbeitet wird, beschäftigt sich Lina Vieres von der offenen Werkstatt Dezentrale Dortmund mit Materialien, die Plastik ersetzen können. Sie züchtet auf Stroh- und Holzresten einen Pilz, der eine sehr dichte und leichte Struktur schafft. „Das Holz wird dabei durch die Pilze verbunden,“ erklärt sie. Das getrocknete Material ähnelt in seiner Beschaffenheit Styropor, ist also durchaus stabil und sogar wasserabweisend. „Ich hoffe, dass es als Ersatz für Verpackungsmaterial dienen wird. Und es ist sicherlich auch für die Baubranche interessant.“ Immerhin habe das Pilzgewebe eine sehr gute Dämmfähigkeit. Allerdings braucht der Pilz einen Monat, um eine ganze Tüte mit Sägespänen zu durchsetzen. Im richtigen industriellen Prozess sei das aber schneller möglich, gibt sich Vieres optimistisch.

Im Solar-Auto um die ganze Welt

Einen Schritt weiter mit ihrem Projekt sind die Tüftler von der Fachhochschule in Bochum. Sie haben ein SolarCar gebaut, das einzig durch Sonnenenergie betrieben wird. Damit dürfen sie nicht nur im ganz normalen Straßenverkehr herumfahren, in den Jahren 2011 und 2012 haben sie damit sogar den gesamten Globus umrundet. „Solche Touren sind möglich,“ erklärt Matthias Drossel. „Aber man kann sich nicht einfach in das Auto setzen und losfahren.“ An richtig sonnigen Tagen könne man zwar bei Höchstgeschwindigkeiten von 100 Kilometern pro Stunde bis zu 400 Kilometer weit fahren, an einem bewölkten Wintertag käme man aber gerade einmal 30 Kilometer weit. Er ist begeistert von dem SolarCar, aber auch etwas frustriert angesichts der mangelnden Unterstützung in Deutschland. Mit einem Team an der Universität in Aachen gebe es nur einen einzigen weiteren Standort in Deutschland, an dem an einem Solar-Auto gebastelt würde. „Ansonsten tut sich in Deutschland wenig, es gibt auch kein Interesse der Autobauer.“ Auf der Maker Faire Ruhr hingegen ist das Interesse an dem sonnengelben Auto mit den Solarzellen auf dem Dach groß.

Solar-Auto der Fachhochschule Bochum

Übrigens: Jeder kann ein Maker werden. Gerade im Ruhrgebiet gibt es etliche Möglichkeiten, sich selber einmal auszuprobieren. Anlaufpunkte mit vielen Geräten, die von allen genutzt werden dürfen, sind beispielsweise die Dezentrale Dortmund (dienstags, 14 bis 19 Uhr und mittwochs, 15 bis 20 Uhr) oder 42 nibbles an der Fachhochschule Dortmund (dienstags, ab 16.30 Uhr).

Maskottchen Makey

Alle Bilder inklusive Beitrags- und Teaserbild: Sören Müller-Hansen

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