„Vermissen gehört zum Erwachsenwerden dazu“

Unibeginn, Ausziehen von Zuhause – für viele von uns ist das der erste große Bruch. So sehr wir uns das auch gewünscht haben, schon bald merken die meisten: Zu Hause war es doch ganz schön. Drei Studentinnen erzählen, was sie gerade vermissen und ein Psychologe erklärt, was man gegen die Sehnsucht tun kann.

Laura denkt gerne an die Zeit in Großbritannien zurück. Foto: Daniela Arndt

Laura Böwing, 20 Jahre
Literatur- und Kulturwissenschaften

Was vermisst du?
„Ich war mit meiner Schwester Hannah für ein Au-Pair-Jahr in London, bevor es für uns mit dem Studium losging. Wir haben in unterschiedlichen Familien gelebt. Es war Zufall, dass wir beide in derselben Stadt gelandet sind. Während unserer Zeit in Großbritannien haben wir uns jeden Samstag getroffen, um gemeinsam essen zu gehen. Das Chicken Katsu Curry der Restaurantkette Wagamamas wurde zum wöchentlichen Ritual. Jetzt, da wir beide einen geregelten Arbeits- und Unialltag haben, vermisse ich diesen schwesterlichen Brauch sehr.“

Wann vermisst du am meisten?
„Meistens vermisse ich das, wenn ich im Stress bin. Dann denke ich an die Leichtigkeit, die ich in London erleben durfte. Diese Zeit hat mich sehr geprägt und wird meine Schwester und mich, unsere Beziehung, für immer begleiten. Ich hatte kein Heimweh, weil ein Stück von zu Hause bei mir war. Ab und zu versuchen wir, unser Ritual fortzuführen – wir kochen gemeinsam, erzählen uns von unseren Erlebnissen und schwelgen in Erinnerungen an unser Abenteuer.“

Edinburgh ist Janas absoluter Lieblingsort. Foto: Judith Wiesrecker

Jana Stormanns, 21 Jahre
Lehramt für Englisch und sonderpädagogische Förderschwerpunkte

Was vermisst du?
„Ich fahre von Zeit zu Zeit mit meiner Mutter in den Urlaub. Wir waren jetzt schon drei Mal in Edinburgh und ich könnte immer wieder dorthin. Zu jeder Jahreszeit, unter jedem Umstand, allein
oder in Begleitung. Ich vermisse diesen Ort, der mir jedes Mal aufs Neue ein Abenteuer bietet und mit dem ich mittlerweile so vieles verbinde.“

Wann vermisst du am meisten?
„Ich glaube, das ist ein konstantes Vermissen, so eine Art Fernweh. Am liebsten würde ich meine Taschen packen und auf der Stelle an meinen Lieblingsort fahren. In dieser Hinsicht fehlt mir meine kindliche Weltsicht. Dieses angstfreie Sein und die Fähigkeit, nicht alles zu überdenken, wäre heute großartig.“

Das wünscht sich Michelle: Einfach mal entspannt ein Buch lesen. Foto: Jessica Eberle

Michelle Grengel, 23 Jahre
Lehramt für sonderpädagogische Förderung

Was vermisst du?
„Das mag zwar sehr banal klingen, aber ich vermisse einfach eine stressfreie Zeit und Entspannung. Derzeit geht bei mir alles drunter und drüber. Manchmal weiß ich gar nicht, wo mir der Kopf steht.“

Wann vermisst du am meisten?
„In der Prüfungsphase fühle ich eine ständige Unruhe, etwas für die Uni tun zu müssen. Das kommt meistens dann, wenn ich abends im Bett liege und einen Roman lesen will. Dann habe ich immer das Gefühl, etwas vergessen oder nicht genug gelernt zu haben.“

Das hilft, wenn’s wehtut

Was passiert eigentlich mit uns, wenn wir vermissen? Die Hormone sind an allem Schuld, sagt Diplom-Psychologe Laszlo Andreas Pota. Er erklärt, was uns helfen kann, wenn uns etwas oder jemand fehlt.

Was passiert mit uns, wenn wir etwas vermissen?
„Im Grunde genommen bedeutet Vermissen, dass irgendetwas oder irgendjemand fehlt. Eine Person, ein Zuhause, die Heimat oder Freunde. Oft kann sich das sogar schmerzhaft anfühlen. Wer vermisst, fühlt sich eingeengt, schwer und bedrückt. Es ist völlig normal, auch körperlich darauf zu reagieren. Magenschmerzen, Hals- und Gelenkschmerzen, Kopfschmerzen – das sind Schmerzbereiche, die etwas damit zu tun haben, ob man sich wohlfühlt oder nicht.“
Wie sieht Sehnsucht aus?
„Jeder Mensch drückt seine Gefühle individuell aus. Das hat damit zu tun, welche Erfahrungen wir in der Kindheit gemacht haben. Erwachsene, die in ihrer Kindheit sehr viel Fürsorge und Geborgenheit erfahren haben, vermissen oft sehr intensiv.“
Wie entsteht dieses Gefühl?
„Das Gefühl des Vermissens entsteht letztendlich durch Gespräche, Gedanken und Gefühle, die in bestimmten Situationen in uns hervortreten. Fühlen wir uns geborgen und sicher, schüttet das Gehirn Endorphine aus – Botenstoffe, die für unser Glücksgefühl und Wohlbefinden zuständig sind. Es geht um all das, was im sogenannten Lebenszentrum in unserem Gehirn passiert. Es ist ständig aktiv, dort verbinden wir unsere Gefühle und Emotionen mit unseren Lebenserfahrungen. Wir vermissen also meist Erfahrungen und Erinnerungen, die uns in der Vergangenheit glücklich gestimmt haben.“
Was hilft gegen das Vermissen?
„Es ist wichtig, diesem Gefühl keine Macht zu geben und sich abzulenken. Hierbei spielt vor allem die Tagesstruktur eine wichtige Rolle. Man sollte sich nicht hängen lassen und den ganzen Tag auf dem Sofa liegen bleiben, sondern ausgehen, sich mit dem Umfeld vertraut machen. Das bedeutet nicht nur, zu wissen, wo der nächste Supermarkt oder Hörsaal ist. Es geht vielmehr darum, Kommilitoninnen und Kommilitonen kennenzulernen und sich auf eine Bindung einzulassen, die über den klassischen Small-Talk hinausgeht. Ich rate dazu, neue Freundschaften zu schließen oder in einen Sportverein zu gehen.“
Uns fehlt an der Uni manchmal unsere kindliche Unbeschwertheit. Wieso?
„Diese Leichtigkeit entsteht, wenn wir uns in unserem Elternhaus gut eingebunden fühlen, wenn Eltern, Freunde und Geschwister da sind und man weiß: Egal, was ich tue oder nicht, das hat keine schwerwiegende Konsequenz, weil diese Menschen hinter mir stehen. Voraussetzung für die Persönlichkeitsentwicklung ist sowohl eine ausreichende emotionale Sicherheit als auch eine zuverlässige Versorgung in der Kindheit. Mit steigender Lebenserfahrung weiß man dann, dass man in der Lage ist, Dinge zu bewältigen und mit schwierigen Situationen umzugehen. Die Geborgenheit aus der Kindheit hilft uns dabei. Vermissen gehört also zum Erwachsenwerden dazu.

Beitrags- und Teaserbild: Daniela Arndt

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