Geburten studieren

Hebammen müssen künftig an Hochschulen studieren. Der Beruf soll aufgewertet werden, aber die Verbände klagen über weitere Probleme. Doch eine Studentin aus Bochum lässt sich von ihrem Berufswunsch nicht abbringen.

Es war ein Zufall. Leonie sollte die schwangere Frau nur zur Toilette begleiten. Ein letzter Gang, bevor die Geburt beginnt. Als sie vor der Tür wartete, hörte sie Rufe. Das Kind kommt. Und Leonie, die ihren ersten Tag im Kreißsaal hatte, war überfordert. „Das war das hauptsächliche Gefühl“, sagt sie. Theoretisch kannte sie den Ablauf, aber praktisch hatte sie bisher nur ein Schülerpraktikum gemacht. Sie löste sich aus der Überforderung und holte eine Hebamme. Die gebärende Frau musste auf eine Yoga-Matte, in den Vier-Füßler-Stand  und ihr Kind vor der Toilette zur Welt bringen. „Es passieren sehr viele verrückte Sachen im Kreißsaal. Jede Geburt ist anders und es ist immer wieder spannend“, sagt Leonie.

Leonie studiert im dritten Semester den Bachelor-Studiengang Hebammenkunde.

Ihr Studium hat sie in diese Situation gebracht. Sie studiert im dritten Semester Hebammenkunde an der Hochschule für Gesundheit in Bochum, ein Modellstudiengang, dual, mit vielen Praxisanteilen und ab 2020 Pflicht für angehende Hebammen. Sie sollen an die Hochschulen, so will es die große Koalition, so wollen es Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und die Europäische Union. Doch Deutschland hinkt hinterher. Das stört auch Leonie: „Es ist eigentlich ein bisschen traurig, dass Deutschland das einzige Land in der EU ist, in dem Hebammen noch nicht studieren müssen. Es gibt schon seit Jahren diese Richtlinie und wir erfüllen einfach die internationalen Standards nicht. Wir sind schlechter qualifiziert, als unsere Nachbarlands-Hebammen. Das sollte nicht so sein, finde ich.“

Sie weiß, dass es kitschig klingt, aber Hebamme ist ein „wunderschöner Beruf, der ganz viel Erfüllung mit sich bringt“ für sie und eine Geburt, die „ist jedes Mal ein Wunder, das kann man nicht anders sagen.“ Dabei wollte Leonie eigentlich nicht in den Kreißsaal. Sie wollte Medizin studieren und Ärztin werden, das war schon in der Schule so. „Es war auch alles soweit okay, ich hatte die Bewerbungen gemacht.“ Doch sie machte noch ein Praktikum im Krankenhaus und landete auf der Entbindungsstation. „Da habe ich Geburten gesehen und auch das erste Mal, was Hebammen überhaupt machen“, sagt sie. Sie änderte ihre Pläne, bewarb sich erneut und landete in Bochum.

Hebammenkunde: Lernen mit Requisiten

Dass Hebammen nun studieren sollen, findet sie gut. Sie hatte sich bewusst für das Studium entschieden, obwohl eine Ausbildung auch möglich gewesen wäre. „Wir lernen viel vertiefter medizinische Hintergründe, wissenschaftlich zu arbeiten und Studien zu erheben. Damit man den Anforderungen, die der Hebammen-Beruf heutzutage mit sich bringt, gerechter werden kann“, erklärt sie. Ihr Studium dauert acht Semester, 4300 Stunden davon sind Theorie, 3000 Stunden Praxis. Es besteht aus zahlreichen Übungen, sogenannten Skills-Labs. Dort wird geschauspielert – auch mit Requisiten. Gebärhocker, künstliche Organe, eine Modell-Frau, die schreien und gebären kann und Bäuche zum Umbinden sind da. „Letztendlich können wir einen ganzen Krankenhaus-Kreißsaal in der Uni nachbauen,“ sagt Leonie. Auf ihrem Stundenplan stehen Seminare und Vorlesunge über biowissenschaftliche Grundlagen, Familien- und Kindergesundheit und wissenschaftliche Praxisprojekte.

Ihre Zukunft sieht Leonie jedoch nicht im Krankenhaus. Langfristig möchte sie in die Freiberuflichkeit, ob als Hausgeburtenhilfe, in einem Geburtshaus oder als Hebamme bei Beleggeburten, die die Frauen von der Vorbereitung bis zur Nachbereitung begleiten, weiß sie noch nicht. „Auf jeden Fall nicht als angestellte Hebamme im Kreißsaal, das macht man nicht lange mit“, sagt sie. In Krankenhäusern seien die Gehälter teils unterirdisch. Das Bruttoeinstiegsgehalt einer angestellten Klinik-Hebamme beträgt 2.796,54 Euro, laut dem Deutschen Hebammanverband. Dazu kommen Versicherungsbeiträge, die in den letzten 30 Jahren utopisch in die Höhe geschossen sind.

Einige Probleme bleiben

Auch die Personalschlüssel sind dünn. Eine Hebamme müsse häufig im Alleingang bis zu vier Frauen betreuen. „Man ist dazu gezwungen, von Frau zu Frau hin- und herzuspringen,“ sagt Leonie. Manche Geburten endeten unnötigerweise in einem Kaiserschnitt, weil das Personal nicht reiche. „Das ist natürlich frustrierend, wenn man einen Beruf hat, in dem man etwas für Frauen tun möchte, aber es einfach nicht kann, weil die Zeit und Kapazitäten fehlen.“ Und dann kommt noch die mangelnde Anerkennung dazu. „Man wird oft belächelt, als diejenige, die dann Geburtsvorbereitungskurse macht und mit den Frauen atmet, aber eigentlich keine medizinische Ahnung hat“, sagt sie. Dabei seien es die Ärzte, die eine Hebamme zu einer Geburt hinzuziehen müssten, weil ihnen die entsprechende Ausbildung fehle. Die Akademisierung der Ausbildung soll daher auch das Ansehen von Hebammen verbessern.

Barbara Blomeier ist die erste Vorsitzende des Hebammen Verbands NRW.

Für Barbara Blomeier, erste Vorsitzende des Landesverbands der Hebammen NRW, ist die Umstellung längst überfällig. „Deutschland hat sich enorm viel Zeit gelassen. Die EU-Richtlinie ist von 2013. Es ist jetzt schon fünf vor Zwölf. Das wird nicht funktionieren innerhalb dieser kurzen Zeit, es so auf die Beine zu stellen, dass wir komplett umstellen können. Es wird lange Übergangszeiten geben müssen“, sagt sie. Doch trotz der Neuerung bleiben die alten Probleme. „Die Akademisierung ist das eine. Akut haben wir einfach die Not, dass zu wenig Hebammen bereit sind zu arbeiten – besonders in den Kliniken. Da müssen sofort die Arbeitsbedingungen geändert werden. Damit die Hebammen bereit sind, in die Kreißsäle zurückzukommen“, sagt sie.

Ein Grund für die schlechten Arbeitsbedingungen sind auch Aufgaben, die im Endeffekt nichts mit der Geburtshilfe zu tun haben: beispielsweise dem Chefarzt bei Untersuchungen assistieren, den Kreißsaal putzen oder Telefonsprechstunden anbieten. Ein Großteil der Hebammen weigere sich mittlerweile, in solchen Kliniken zu arbeiten. „Die Kliniken, die das kapiert haben und ordentlich investieren in eine vernünftige Geburtshilfe, haben auch keine Probleme,“ sagt Blomeier. Aktuell fordert der Hebammenverband die Aufnahme von Hebammen ins Pflegepersonalstärkungsgesetz, das helfen würde, Geburtshelfer anders zu finanzieren und Kliniken einen Anreiz geben könnte, mehr Geld zu investieren. Leonie, die auch Reformbedarf sieht, will sich ihre Zukunft nicht schlecht reden lassen. „Wenn das Kind dann erst einmal da ist, ist es wunderschön“, sagt sie, trotz des Kitsches – selbst wenn es eine Geburt vor der Toilette ist.

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