Das Studentenleben vor 100 Jahren – zwischen Büchern, Anzug und Krieg

Beinahe das gesamte Freizeitleben war in Burschenschaften organisiert. – Quelle: Archiv und Bücherei der Deutschen Burschenschaft, Koblenz

Wie studierte man in einer Zeit, die geprägt war vom Ersten Weltkrieg? Wie lebten die wenigen Studierenden vor genau 100 Jahren? Welchen Sorgen bestimmten ihr Leben? Die Geschichte von Karl* erzählt beispielhaft, wie das Studentenleben im Jahr 1918 ausgesehen hat – und wie es sich angefühlt haben muss. 

Ein Sprung in den November 1918:

Karl ist 22 und studiert – damit ist er eine Ausnahme. Denn die vielen junge Männer in seinem Alter sind bereits tot. Sie waren 1914 als Soldaten in den Ersten Weltkrieg gezogen worden. Tausende Lebensgeschichten fanden dort dann ein jähes Ende. Nicht aber Karls.

Die Burschenschaften beim Schanzen an der Westfront. Der Alltag des Studenten spielte sich während des Krieges komplett an der Front ab. (Quelle: Archiv und Bücherei der Deutschen
Burschenschaft, Koblenz)

Karl wohnt in Münster. In einem möblierten Zimmer bei einer Hauswirtin hat er Platz für ein paar Habseligkeiten. Der junge Mann zieht sich gerne zurück – trotz seiner auffälligen Statur ist Karl ein Mensch, der lieber im Hintergrund bleibt. Vielleicht deshalb, weil eine schwierige Zeit hinter ihm liegt.

Fast zwei Jahre zuvor, Anfang 1916, ist Karl noch als Offizier an der Front. Dort muss er miterleben, wie zwei seiner Freunde bei einem Angriff der Artillerie sterben. Er selbst wird ebenfalls schwer verletzt, überlebt aber knapp und erwacht im Lazarett mit nur noch einem Bein. Nach zwei Monaten kehrt er auf Krücken in seine Heimatstadt Osnabrück zurück. Doch dort erwartet ihn nichts mehr.

Sein Vater und sein Bruder sind immer noch im Krieg, das Haus steht leer. Mit dem letzten Geld, das er besitzt, beschließt Karl, ein Jurastudium an der Universität in Münster zu beginnen, um seinem Vater wenigstens noch ein bisschen stolz machen zu können.

Karl kommt aus einem christlichen Haushalt. Sein Vater Helmut studierte das Vornehmste, was man studieren kann: Theologie – gleichzeitig auch das beliebteste unter den Studienfächern. Dass es so beliebt, liegt vor allem am Geld.

Das Aufsteigerfach für das Kleinbürgertum

Karls Familie kommt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen und ist arm. Sein Vater musste das studieren, was am günstigsten war, und wählte daher den Studiengang, für den die meisten Stipendien angeboten werden. Theologie ist das klassische Aufsteigerfach für das Kleinbürgertum.

Doch Karls Vater wünscht sich für seine Kinder etwas Besseres. Sie sollen etwas Höheres werden – am besten Juristen oder Mediziner. Alles andere wäre ein Zurücksinken hinter den Sozialstatus, den er bereits für seine Familie erkämpft hat.

Karl schlägt also einen anderen Weg ein. Er wählt das mit Abstand teuerste Studienfach: Jura. Wo er das studiert, ist schnell klar. In seiner Nähe gibt es nur eine Universität: die Westfälische Wilhelms-Universität Münster, die 1902 ihr Promotionsrecht erhalten hat.

Kontrolle über die Ausbildung
 Die Abnehmer der Universitäten, also der jeweilige Fürst, Landesherr oder die Stadt, waren sehr daran interessiert, das zu kontrollieren, was ihre Leute lernen. Das führte insbesondere im deutschsprachigen Raum zu der Ausbildung von Landesuniversitäten. Dabei baute fast jeder reiche Landesfirst seit dem 15. Jahrhundert seine eigene Universität, um ein eigenes Personal an Beamten, Klerikern und Juristen zu haben. 

Viele Kommilitonen hat Karl nicht. 1914, als er kurz davor war Abitur zu absolvieren, begann der Krieg – und mit ihm ging fast die gesamt Elite. So meldete sich der gesamte Abiturjahrgang der Stadt Osnabrück kriegsfreiwillig – wozu auch Karls Bruder Wilhelm gehört. Seine Familie ist darüber schockiert, Karl selbst nicht.

Er beneidet seinen großen Bruder. Er stellt sich vor, wie sein ohnehin beliebterer Bruder Trophäen mit nach Hause bringen wird und von dem Alltag an der Front berichten wird. Doch der Krieg, auf den Karl mit seinen Freunden hin gefiebert hat, ist in der Realität gar nicht so heldenhaft, wie er sich das vorgestellt hat.

Karl kann im August 1914 das sogenannte „Notabitur“ ohne Abiturprüfung machen. Er erhält damit einen Reifevermerk und kann ein Offizier in der Armee werden. Dieses Vorgehen gewährleistet, dass Armee und Marine über möglichst viele Kriegsanwärter verfügen können.

Das Gymnasium als Elitephänomen
 Damals haben höchstens zwei Prozent der Schüler eines Jahrgangs Abitur gemacht, heute machen im Schnitt über 40 Prozent das Abitur. Das Gymnasium war um 1914 nicht für die Masse ausgerichtet, sondern ein „Elitephänomen“. Auch das Lernpensum, das die Schüler erfüllen mussten, war deutlich höher. Die Schüler mussten Latein und Griechisch fließend sprechen können – und das bedeutete für die Schüler oft eine 60-Stunden-Woche.

Karls Freund und Kommilitone heißt Heinz. Es war im Gegensatz zu Karl nie an der Front – wegen einer Sehschwäche wurde er nicht eingezogen.

Gemeinsam ärgern sich die beiden Studenten nun über die osteuropäischen Studenten an der Universität. Weil einige Universitäten im Osten zerstört wurden, strömen die polnischen und russischen Studenten nun in den Westen. Karl und Heinz nehmen sie als Konkurrenz wahr. Denn sie nehmen die Plätze ihrer Freunde ein, die gerade noch an der Front sind.

Im Anzug in die Uni

Karl und Heinz gehören als Studenten im Deutschen Reich zur Oberschicht. Und die Oberschicht trägt Anzug. In die Uni geht Karl also mit Hemd und Krawatte. Auch der Umgangston ist dementsprechend höflich: Nicht nur die Dozenten gesiezt. Auch die Studenten siezen sich untereinander.

Karl gehört – wie zwei Drittel aller Studenten – auch einer Verbindung an. Für jede Facette des Freizeitlebens gibt es eine Verbindung oder Burschenschaft. Karl kommt wie Heinz und auch die meisten anderen Studenten aus dem Bürgertum und ist deswegen politisch stark rechts orientiert. Mit Sorge verfolgt er die Nachrichten von der Front und sieht von außen zu, wie sein Traum von der preußischen Einheit den Bach runtergeht.

Aber auch das Studium bereitet Karl Sorgen. Er fürchtet sich vor seinem Staatsexamen. Die Durchfallquoten für Juristen liegen bei 70 bis 80 Prozent. Und wenn er nach den Prüfungen nicht promovieren darf, platzt sein Traum vom Regierungsreferendar. Ein Ziel, das für ihn aber sowieso fast unerreichbar ist. Denn Regierungsreferendare kommen in Preußen meistens aus Familien, die der Krone schon seit Generationen dienen.

Feierlustige Studenten

Dass Karl nun in Münster hockt, macht ihn nicht sehr glücklich. Denn anders als zum Beispiel die Universität in Göttingen gehört die Münsteraner Uni nicht zu den sogenannten „Sommerfrischen“ – den Universitäten, die dafür berühmt sind, besonders viele feierlustige Studenten zu haben.

Freunde haben Karl erzählt, dass die Studenten aus den reichen Familien dort gerne mal über die Stränge schlagen und es ausnutzen, das erste Mal ohne die strenge elterliche Kontrolle zu sein. Um die Folge dieses Lebensstils beneidet Karl sie dagegen nicht. Denn der häufigste Grund, warum die Studenten in der Uni fehlen, sind Geschlechtskrankheiten.

Viele Hürden für Frauen
Im Deutschen Reich ist Baden der erste Staat, der Frauen in den 1880er Jahren zum Studium zulässt. Zwischen 1890 und 1908 lassen die meisten Universitäten und Technischen Hochschulen Frauen zum Studium zu. Von da an durften sie studieren – das bedeutete aber nicht, dass viele Dozenten ihnen auch erlaubten, an den Vorlesungen teilzunehmen. Um als Frau ein Studium beginnen zu können, waren viele Hürden zu überwinden.

  •  Zum einen musste die Frau das Abitur bestehen. Das war nicht leicht, weil es keine gemischten Klassen auf den Gymnasien gab. Mädchen mussten auf eines der wenigen Mädchengymnasien außerhalb gehen – und dafür mussten die Eltern sehr reich sein.
  • Gleichzeitig musste die Familie verhältnismäßig liberal sein, also nicht darauf drängen, dass die junge Frau heiraten soll, sondern ihr erlauben, erst einmal etwas zu lernen.

Doch am Ende ist es eine ganz andere Nachricht, die Karl erschüttert, als er in seinem kleinen möblierten Zimmer sitzt: Preußen hat den Krieg verloren. Das heißt, dass nun nach und nach die Männer von der Front zurückehren werden – auch Karls Bruder und Karls Vater. Alle jungen Männer, die sich während des Kriegs mit ihrem Reichsvermerk immatrikuliert hatten, können jetzt studieren gehen. Innerhalb der nächsten Wochen wird die Zahl von Karls Kommilitonen explodieren. Zu Beginn 1919 wird es statt 30 000 Studenten auf einmal 120.000 in Preußen.

Karl wird trotzdem an seinen Träumen festhalten und ein anerkannter Jurist werden. Das gelingt ihm unter anderem, weil er sich in eine Familie eingeheiratet hat, die dem Königshaus nahe steht. Nur einen wird er nie wieder sehen: seinen Bruder Wilhelm. Wilhelm geriet während des Krieges in Gefangenschaft und wurde danach nie wieder aufgefunden.

*Anmerkung: Die Person Karl ist fiktiv. Seine Geschichte hat es zwar so, wie sie hier erzählt wird, vor 100 Jahren nicht gegeben, sie beruht aber auf historischen Überlieferungen . Die Beschreibungen, Rahmenbedingungen und Fakten, die genannt werden, beruhen auf Recherchen von Priv.-Doz. Dr. iur. Dr. phil. habil. Harald Lönnecker von der Technische Universität Chemnitz.

 

 

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