Holocaust-Zeitzeuge: Im Land der Täter

Harry Dreifuss floh als Kind vor dem Nazi-Regime aus Europa. Trotz der Schrecken, die seinen Glaubensgenossen widerfuhren, kehrte er als junger Mann nach Deutschland zurück. Dort musste er feststellen, dass der Nationalsozialismus keinesfalls mit Hitler gestorben war. Anlässlich des Holocaustgedenktages erzählte er KURT seine Geschichte.

„Eigentlich war alles in Ordnung – bis der Hitler kam“, sagt Harry Dreifuss heute. Er wurde 1935 als Kind einer jüdischen Unternehmerfamilie in Mannheim geboren. Kurz nach seiner Geburt bekamen seine Eltern einen Tipp von Bekannten: Sie sollten Deutschland verlassen – wenigstens vorrübergehend. Ansonsten drohe ihnen das Lager.

Seine Familie befolgte den Rat, sie zogen in die Schweiz. Dort wollten sie warten, bis Hitler wieder weg sei. Doch die Zeiten wurden schlechter, ihnen wurde klar: Hitler würde nicht so bald verschwinden. Eine dauerhafte Lösung musste her, denn in der Schweiz durften die Dreifuss‘ nur ein Jahr bleiben. Als Harry Dreifuss ein Jahr alt war, verließ seine Familie schließlich Europa und machte sich auf die Reise nach Palästina.

Neuanfang in Palästina

Harry Dreifuss blieb damit das Schicksal Millionen anderer europäischer Juden erspart.  Während seine spätere Frau im Ghetto von Wilna lebte und ins Lager verschleppt wurde, erlebte er in Palästina eine relativ glückliche Kindheit. Seine Eltern mussten dagegen in einem fremden Land, dessen Sprache sie nicht kannten, einen Neuanfang wagen: „Von heute auf morgen haben sie alles verloren“, sagt Harry Dreifuss.

Kindheit in Palästina. Foto: Lena Heising
Kindheit in Palästina. Foto: Lena Heising

Totalen Frieden fand die Familie in Palästina trotzdem nicht. Der zweite Weltkrieg machte sich allerdings auch dort bemerkbar. Denn Italien schloss sich mit Deutschland zusammen und bombardierte Tel Aviv bei Nacht. Zweimal die Woche, gegen drei Uhr morgens, musste die Familie Dreifuss in den unteren Stockwerken ihres Wohnhauses Schutz suchen.

Juden in Palästina: „Geht zurück nach Deutschland!“

Knapp 3000 Kilometer Luftlinie ist Palästina von Deutschland entfernt, doch die Angst vor der deutschen Armee wuchs auch dort. Harry Dreifuss erinnert sich noch gut an die Karte, die im Hausflur hing:“In der einen Wohnung unten, wo wir immer bei Alarm waren, hat die Familie auch immer die neueste Nadel gesteckt wo, wie weit Rommel und die anderen gekommen sind“, erinnert sich Dreifuss.

Obwohl er später sogar die israelische Staatsbürgerschaft annahm, hatte Harry Dreifuss in seiner Kindheit Probleme mit einigen sehr fromm-jüdischen Nachbarskindern. Er konnte schließlich kaum hebräisch und war damit für sie ein Deutscher. „Geht zurück nach Deutschland, da gehört ihr hin“, sagten sie zu ihm und seinen europäischen Freunden. Und: „Ihr seid Nazis!“ Einmal bekam er von ihnen auch einen Stein an dern Kopf. „Am Anfang waren wir erschrocken“, erzählt Harry Dreifuss. Doch irgendwann ignorierten seine Freunde und er solche Sprüche.

Zurück in Deutschland: „Sehen Sie mal, ich war bei den Truppen!“

Nach zweieinhalb Jahren in der israelischen Armee verließ Harry Dreifuss Israel, gemeinsam mit seiner Frau, Tamar Dreifuss. Ihr Ziel war Deutschland – dort wollte Harry Dreifuss Fotografie studieren. Doch von nun an lebte er im Land der Täter. „Ich habe mir immer alle Leute angeschaut, Männer im Alter von 40, 50. Denn die haben massiv mitgemacht“, berichtet Dreifuss. Zwar waren die meisten Deutschen in seinen Augen längst keine Nazis mehr, doch manche machten keinen Hehl aus ihrer Vergangenheit.

Mit Ende zwanzig arbeitete Dreifuss für ein Jahr bei Bavaria Films in München. Eines Nachmittags, als er gegen fünf Uhr das Haus verließ, kam ein anderer Mitarbeiter im selben Moment raus. Er war circa 45 Jahre alt und die beiden Männer gingen ein paar Schritte zusammen. „Dann – das werde ich nie vergessen – sagte er: ‚Ach, ich muss Ihnen was zeigen.“ Der Mann krempelte den Ärmel hoch und präsentierte stolz eine Eingravierung am Oberarm. Es war das Blutgruppentattoo, das nur Mitglieder der Waffen-SS tragen durften. „Sehen Sie mal, ich war bei den Truppen“, sagte er stolz. Dass Dreifuss Jude ist, wusste der Mann. Harry Dreifuss sagte daraufhin: „Dann wäre es doch ideal für Sie, mal nach Israel zu gehen und zu sehen, wie die Juden, die hier verjagt worden sind, da leben“. „Ha“, sagte der Ex-Soldat. „Da bringen die mich ja gleich um.“

Ex-Waffen-SS Mitglied: „Hier ist doch niemand aus Israel?“

Das war nicht das einzige Mal, dass Ex-Mitglieder der Waffen-SS vor Dreifuss mit ihrer militärischen Karriere prahlten.

Ein anderes Mal war er als Kameramann mit einem Team in einem Bergwerk der Preussag unterwegs. Zum Abendessen war der gesamte Vorstand eingeladen. Schließlich, in der Gesprächsrunde, passierte das Gleiche wie bei Bavaria Films: Einer aus dem Vorstand präsentierte stolz sein SS-Blutgruppentattoo auf dem Oberarm. Dabei rief er in die Runde: „Hier ist doch niemand aus Israel?“ Harry Dreifuss hob die Hand und erklärte, er sei aus Israel. Außerdem sei er Jude und habe die Eingravierung klar gesehen. „Da war der Abend kaputt für die, aber da kann ich nichts für“, sagt Dreifuss.

Ein Zeitzeuge berichtet über den Holocaust. Foto: Lena Heising
Als junger Mann kam Harry Dreifuss nach Deutschland und wurde dort mit der NS-Vergangenheit seines Geburtslandes konfrontiert. Foto: Lena Heising

Entlarvung eines NS-Verbrechers

1971 begegnete ihm die deutsche NS-Vergangenheit erneut: Er begleitete als Kameramann das Ehepaar Klarsfeld, dass versuchte, den ehemaligen Chef der nationalsozialistischen Geheimpolizei (GeStaPo) von Köln, Kurt Lischka, ausfindig zu machen. Lischka leitete unter Hitler das EL-DE-Haus in Köln – Ein Gestapo-Haus, in dem Juden und Gegner der Nazis systematisch gefoltert und ermordet wurden. Er war es auch, der die Unterschrift auf das Dokument setzte, das Serge Klarsfeld Vater zum Tod in Auschwitz verurteilte. Das Ehepaar Klarsfeld vermutete lange, dass Lischka nach dem Krieg in die DDR zog, aber nach langen Recherchen zeigte sich: Er lebte noch immer in Köln. Genauer gesagt: Er lebte genau gegenüber von seinem alten Arbeitsplatz, dem EL-DE-Haus. Dort war der Ex-Gestapo-Chef nun Chef einer Getreidefirma. Dreifuss war mit der Kamera dabei, als das Ehepaar Klarsfeld den NS-Verbrecher zum

Doch erst lange später, 1979, wurde Lischka vor Gericht gestellt und zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. „Der Lischka hat in Köln gewohnt, er war dort gemeldet, hat da gearbeitet, gegenüber von seinem alten Arbeitsplatz gelebt – das da keiner was gesagt hat. Er war dort verantwortlich für alles.“, sagt Harry Dreifuss. Er kann es bis heute nicht nachvollziehen.

Harry Dreifuss war daran beteiligt, den NS-Verbrecher Kurt Lischka zu entlarven. Foto: Harry Dreifuss

Nach dem Zweiten Weltkrieg schien es ihm so, als wollten die meisten Deutschen mit dem Nationalsozialismus nichts mehr zu tun haben. „Sie sagten: Lassen Sie uns, davon wollen wir nichts mehr wissen“. Für Harry Dreifuss, der sich dafür einsetzt, dass der Genozid an rund sechs Millionen Juden nicht vergessen wird, ist das nicht die richtige Antwort.

 

Beitragsbild: Unsplash, Giulia Gasperini

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