„Er dirigierte nach rechts und ich wusste, das bedeutet den Tod“

Tamar Dreifuss ist Jüdin und wurde als Fünfjährige von den Nazis zum Tode verurteilt. Doch sie überlebte – dank dem außergewöhnlichen Mut ihrer Mutter. Für KURT erzählt sie ihre Geschichte von Deportation, Flucht und einer Kindheit in Angst.

Heute, am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, ist es genau 74 Jahre her, dass die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau befreite. Die Befreier fanden dort tonnenweise menschliches Haar, Millionen Kleidungsstücke, 45 Tausend paar Schuhe – und nur noch 7000 schwer kranke Überlebende.

Auschwitz ist heute ein Symbol für den Massenmord an sechs Millionen europäischen Juden. Der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers ist in Ländern auf der ganzen Welt ein offizieller Gedenktag. Besonders in Osteuropa ermordeten die Nazis einen Großteil der jüdischen Bevölkerung: In Litauen lebten 1939 noch 150 Tausend Juden. 145 Tausend von ihnen wurden ermordet – nur jeder 30.  jüdische Einwohner überlebte den Holocaust. Tamar Dreifuss ist eine der wenigen Überlebenden und erzählt uns ihre Geschichte.

Aus Tamar wurde Teresa

Tamar wuchs in Wilna (heute Vilnius) in Litauen auf, einer Stadt, in der damals zu einem Drittel Juden wohnten. Die Leute fühlten sich wohl dort und machten sich keine Sorgen, dass der Diktator in Deutschland irgendwann bis zu Ihnen vordringen könnte. Tamars Eltern, Jetta und Jascha Schapiro, gaben ihr sogar einen biblischen Namen.

Doch sie täuschten sich: Als Tamar drei Jahre alt war, kam die deutsche Armee nach Litauen und beendete das friedliche Leben in der Stadt. Ihre Eltern änderten aus Furcht ihre Namen: Aus Jascha wurde Josef, aus Jetta Jadwiga und aus Tamar Teresa.

Tamars Eltern brachten sie zu ihrer christlichen Tante, die das Kind  eineinhalb Jahre lang bei sich zuhause versteckte. Doch ihre Tante musste kurz darauf auch einen Nazi bei sich aufnehmen. Anfangs verstand er sich noch gut mit dem Kind, doch eines Tages, als er sich gerade rasierte, sagte Tamar zu ihm: „Weißt du, als mein Vater sich so rasierte, hieß er noch Jascha Schapiro.“ Damit verriet sie ihm den richtigen Namen ihrer Familie und flog auf. Ihre Mutter musste sie abholen und Tamar zog zu ihnen ins Ghetto von Wilna

Tamar Dreifuss überlebte als fünfjährige den Holocaust. Foto: Lena Heising
Tamar Dreifuss mit ihrem Cousin Samuel. Foto: Lena Heising

Leben im Ghetto: Todesstrafe für Essen

„Das war schlimm. Die Leute wohnten auf ganz engem Raum, die Hygiene war miserabel und Essen wurde auch knapp. Die Leute waren am verhungern, es war nicht genug da“, erinnert sich die heute 80-Jährige. Ihr Vater arbeitete außerhalb des Ghettos und schmuggelte abends immer Essen mit nach Hause. Das war alles andere als ungefährlich: Die Deutschen durchsuchten alle Bewohner, bevor sie zurück ins Ghetto kamen und auf Schmuggel stand die Todesstrafe. „Und trotzdem: Er hat auch Eier mitgebracht. Heute esse ich gerne Eier, denn ich denke dann daran, was für eine Courage er zeigte, indem er Eier mitgebracht hat“, erzählt Tamar Dreifuss.

Tamar und ihre Eltern lebten in dem größeren der beiden wilnaer Ghettos mit 30 Tausend Bewohnern. Ihre Großeltern wohnten dagegen in dem anderen, kleineren Ghetto, zusammen mit 10 Tausend anderen Juden. Deren Ghetto existierte nicht lange: „Mein Opa und meine Oma waren mit die ersten, die dann nach Ponar abgeführt und erschossen wurden. Das war sehr gravierend, denn es war an Jom Kippur – das ist der größte Feiertag bei uns. Man hat sie aus der Synagoge rausgeschleppt“.

„Da habe ich meinen Vater zum letzten Mal gesehen“

Etwa ein halbes Jahr, nachdem Tamar im Ghetto ankam, umzingelten die Deutschen plötzlich auch die Bewohner ihres Getthos. Alle Männer mussten raus, sie sollten Abschied nehmen. „Die Männer wurden dann – hieß es – zur Arbeit abgeholt. Da habe ich meinen Vater zum letzten Mal gesehen.“ Jascha Schapiro starb im Konzentrationslager Stutthoff.

Anschließend hieß es, die Frauen könnten zu den Männern nachkommen. Tamars Mutter dachte nicht lange darüber nach, sie nahm ihre Tochter bei der Hand und marschierte los zu den Wagons.

Die Fahrt dauerte 10 Tage – und Jetta Schapiro begriff, dass es nicht zu den Männern ging. „Sie hat realisiert, dass wir in den Tod fahren. Und dann hat sie beschlossen, alles zu tun, um sich zu retten. Egal, ob sie auf der Flucht erschossen wird – sie wollte nicht so hilflos zum Schlachthof geführt werden.“

Nicht alle überlebten die Deportation

Jetta Schapiro unternahm drei Fluchtversuche, immer, wenn der Zug Station machte. Das erste mal versuchte sie noch, neben ihrer Tochter einen elternlosen Jungen mitzunehmen. Das zweite Mal nur noch Tamar. Sie scheiterte, bekam Peitschenschläge und einen Schlag auf dem Kopf, der so hart war, dass sie die nächsten Tage nichts mehr hörte.

Alleine die Deportation forderte viele Todesopfer. Das wenige Essen, das sie hatten, gab man den Kindern. Tamar Dreifuss erinnert sich noch gut daran: „Ich lag auf dem Boden, meine Mutter stand über mir, weil es da sehr, sehr eng war. Immer, wenn jemand gestorben ist, waren wir froh, dass wir mehr Platz hatten.“

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Schließlich, bei der vorletzten Station, holten die Deutschen alle aus den Wagons heraus stellten sie der Reihe nach auf. Vorne stand ein Mann und dirigierte immer wieder nach rechts und nach links. Die Arbeitsfähigen schickte er nach links, die anderen nach rechts. „Er hat zu meiner Mama gesagt: ‚Lass das Kind los. Du bist jung, du kannst arbeiten.‘ Sie hat mich auf den Arm genommen und gesagt: ‚Über meine Leiche – Ich lass mein Kind nicht los.‘ Da dirigierte er sie nach rechts und ich wusste, das bedeutet der Tod.“

Flucht aus dem Konzentrationslager

Die nach rechts Sortierten wurden nun weiter zur Endstation, dem  Lager Tauroggen transportiert. Dort führte man sie zum duschen – in eine ganz normale Dusche. Jetta Schapiro begann dort, entschlossen zwischen den Kleidern zu wühlen – sie suchte sich selbst und Tamar Kleidung heraus. Sogar ein Band fand sie, das sie Tamar in die Haare steckte. „Dann hat sie mich bei der Hand genommen, sie hat den Judenstern abgemacht und wir sind gegangen. Wenn ich heute daran denke, ist das ein Wunder.“ Tamar und ihre Mutter gingen einfach an den essenden Soldaten vorbei in Richtung Tor. Die Soldaten sahen sie, aber machen nichts. Die fünfjährige Tamar fragte ihre Mutter: „Mama, sind die blind? Sehen die uns nicht?“ Auch mit fünf Jahren wusste sie schon, worum es hier ging, doch bis heute weiß Tamar Dreifuss nicht, wieso sie niemand aufhielt.

Wir waren die einzigen, die wirklich am Leben geblieben sind. Die anderen in den Wagons waren zum Tode verurteilt.

– Tamar Dreifuss, Holocaust-Überlebende

Versteck: Die Hundehütte

Mutter und Tochter versteckten sich von nun an auf Bauernhöfen, die Jetta Schapiro für Essen und Unterkunft bei sich arbeiten ließen. Doch auch dort war es nicht sicher: Amletzten Hof, an dem sie waren, kamen litauische Partisanen vorbei – auch sie waren gegen Juden und vermuteten schon, dass Tamar und ihre Mutter jüdisch sind. Zum Glück für die Beiden hatte der Besitzer des Hofes einen Hund – Tigris, gedrillt, auf Menschen loszugehen. Jetta Schapiro, die ein großes Herz für Hunde hatte, fütterte ihn stets und freundete sich mit der Zeit mit ihm an. Als sie das Getuschel der Partisanen mitbekam, schnappte sie Tamar und versteckte sich mir ihr in der Hundehütte. „Zwei Tage waren wir bei Tigris. Keiner wagte sich näher dran.“ Der Hund teilte sich sogar seine Mahlzeit mit seinen neuen Hüttengenossen. „Er hat gewartet, bis wir uns was genommen haben und erst dann hat er gefressen.“ So blieben Jetta und Tamar Schapiro bei dem Hund, bis die Partisanen den Hof verließen.

Jugend in Israel

1944, ein Jahr nach der Flucht aus dem Lager von Tauroggen, befreite die Rote Armee Litauen. Tamar und ihre Mutter kehrten nach Wilna zurück, doch die Stadt war nur noch Schutt und Asche. Ein paar Familienangehörige überlebten ebenfalls – die Tante, die Tamar als kleines Kind versteckte, Tamars Cousin Samuel und die anderen Geschwister ihrer Mutter. Samuels Vater, Tamars Großeltern und viele weitere Familienangehörigen waren allerdings tot.

Jetta Schapiro heiratete erneut und zog samt ihrem Mann und Tochter Tamar nach Israel. Dort lernte Tamar als Jugendliche ihren späteren Mann, Harry Dreifuss, kennenund zog mit ihm schließlich zurück nach Deutschland.

Tamar Dreifuss überlebte als fünfjährige den Holocaust. Foto: Lena Heising
Als Jugendliche lernte Tamar Dreifuss ihren späteren Mann, Harry Dreifuss, kennen. Foto: Lena Heising

Rückkehr nach Deutschland

Hier, im Land der Täter wurde sie auf Schritt und Tritt mit der Sicht vieler Deutschen auf den Holocaust konfrontiert.  „Wie kann man sagen, man wusste nichts. Jeder wusste das“, widerspricht sie noch heute wütend. „Was haben sie  gedacht, als die Leute abgeführt wurden? Sind sie etwa in einen Kurort gefahren? Man hat doch die Häuser direkt versteigert, man hat das Gut direkt versteigert.“ Hätte ihr jemand gesagt: „Okay, ich wusste davon, aber ich hatte Angst“, hättesie das vielleicht verstanden, so Tamar -. Angst hatten die Leute, die sie damals versteckt haben, schließlich auch. „Aber sie sollten nicht sagen, sie wussten von nichts“, entrüstet Tamar.

Heute setzt sich die 80-Jährige gegen das Vergessen ein. Sie spricht vor Schülern, veranstaltet Lesungen und schrieb ein Kinderbuch über ihre Flucht.

Die Jugend kann nichts dafür. Ihr muss nur bewusst sein, was passiert ist. Und sie muss dafür kämpfen, dass es nicht nochmal passiert. 

– Tamar Dreifuss, Holocaust-Überlebende

Solange die Demokratie bestehe, so Dreifuss, sei auch Hoffnung da. Sie glaube nicht, dass „irgendwann wieder ein Verrückter kommt wie der Hitler und alle heben die Hand. Ich sage immer, das, was ich mache, ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber viele Tropfen bringen den Stein zum schmelzen. Und wir hoffen auf viele Tropfen.“

Beitragsbild: DzidekLasek, pixabay – lizenziert nach Creative Commons

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