Neun Wochen statt neun Monate: Lea hat abgetrieben

Jährlich lassen 100 000 Frauen in Deutschland abtreiben. Sprechen tun nur wenige darüber. Lea ist eine von ihnen. Fünf Jahre später erzählt sie, wie es ist, wenn man sich gegen ein Kind entscheidet.

Eigentlich war für Lea immer klar, sie will früh Kinder kriegen. Aber als sie dann vor fünf Jahren ungeplant schwanger wurde, passte das nicht in ihren Plan. In der siebten Woche merkte sie es, nach einem Test. 25 Jahre war sie damals alt, seit einem Jahr mit ihrem Freund zusammen, kurz vor dem Bachelor-Abschluss. „Ich dachte immer, wenn man merkt, dass man schwanger ist, dann freuen sich alle. Man selbst freut sich, der Freund freut sich und alles ist toll.“ Bereits im ersten Moment, als sie das Testergebnis sah, war ihr klar: „Fuck, das ist jetzt nicht das, was ich will.“ Lea trieb ab.

Heute ist Lea 30, Filmemacherin, noch immer mit ihrem Freund zusammen. Die Abtreibung bereut sie nicht. „Ich hatte nie den Gedanken, du hast einen Fehler gemacht. Gott sei Dank“, sagt sie. Rückblickend. Einfach fiel ihr die Entscheidung damals nicht. Nach dem ersten Schock rief Lea ihre Mutter an. Am Telefon weinte sie. „Meine Mama hat als allererstes gesagt, ‘Du weißt ja, du musst es nicht kriegen.‘“ Das war beruhigend, sagt Lea. Andererseits kam dadurch zum ersten Mal die Frage auf: Und was ist, wenn ich es nun doch bekommen will? Gedanken-Wirrwarr, doch Unsicherheit. „Das war für mich so der erste Moment, in dem ich gemerkt habe, es gibt zwei extreme Richtungen in mir. Ich weiß es gar nicht und ich kann es nicht sagen: Ich will das Kind nicht und ich will es doch“, sagt sie. „Für mich ist es die schwierigste Entscheidung in meinem Leben gewesen und ich hätte mir gewünscht jemanden zu kennen, von der ich weiß: Die hat das auch erlebt.“
 Sie kannte niemanden.

Dabei ist Lea mit ihrer Situation alles andere als allein. Laut Statistischem Bundesamt entschieden sich 2017 rund 100 000 Frauen in Deutschland für eine Abtreibung. 2007 lag diese Zahl bei rund 116 000. Weltweit gibt es dem Guttmacher Institute zufolge 56 Millionen Abtreibungen im Jahr. In Deutschland sind Abtreibungen zwar laut Strafgesetzbuch verboten, doch unter bestimmten Auflagen gelten sie als straffrei.

Der Paragraph 219a bleibt, auch wenn die Reform kommt

Ärztinnen und Ärzte dürfen in Deutschland nicht öffentlich für Abtreibungen werben. Das heißt, sie dürfen auch nicht darüber informieren, dass sie selbst welche anbieten. So steht es im Strafgesetzbuch, Paragraph 219a. Seit Jahren wird über eine mögliche Abschaffung oder Änderung des Paragraphen diskutiert. Erst Mitte Dezember stellte die große Koalition aus CDU und SPD einen Vorschlag zur Reform des Paragraphen vor. Praxen und Krankenhäuser sollen in Zukunft darüber informieren dürfen, dass sie den Eingriff durchführen. Außerdem sollen die Bundesärztekammer und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung staatlich geprüfte Informationen zum Eingriff sowie Kontakte bereit stellen. Ärztinnen und Ärzten bleibt damit jedoch weiterhin verwehrt, öffentlich über medizinische Aspekte von Abtreibungen aufzuklären. Der Paragraph 219a bleibt also bestehen, auch wenn die Reform kommt – ebenso wie die strafrechtlichen Konsequenzen für Ärztinnen und Ärzte. Für Lea ist nach ihrer Erfahrung klar: 219a gehört ganz abgeschafft. „Es muss einfach erlaubt und klar sein. Es muss forciert werden, dass Frauen gut und richtig informiert werden.“

Sarah Diehl ist Aktivistin für reproduktive Rechte. Foto: Nane Diehl

Auch Sarah Diehl hält die Haltung des Gesetzes für verantwortungslos, weil Schwangere ihrer Meinung nach dadurch keine informierten Entscheidungen treffen können: „Es ist eine wahnsinnige, paternalistische Herangehensweise zu sagen, Frauen würde man damit schützen, indem man ihnen Informationen vorenthält und genau das passiert ja im deutschen Gesetz.“ Die 40-Jährige ist Aktivistin für reproduktive Rechte in Berlin. Mit ihrer Organisation Cocia Basia setzt sie sich dafür ein, polnischen Frauen einen Zugang zu Abtreibungen zu ermöglichen.

„Die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft betrifft alle Frauen“

Sarah Diehl findet es problematisch, dass Abtreibungen in Deutschland in der Medizin wie in der Gesellschaft noch immer ein Tabuthema sind – obwohl so viele Frauen in ihrem Leben damit konfrontiert werden. „Weil niemand darüber spricht, ist den Leuten auch gar nicht klar, dass die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft eigentlich alle Frauen betrifft“, sagt sie. „Ich glaube, Leute unterschätzen wie sehr eine ungewollte Schwangerschaft Frauen belastet. Frauen sind ihrer Gebärfähigkeit ausgesetzt. Wir haben uns das ja nicht ausgesucht, wir können das eben.“

Für Diehl ist das gesellschaftliche Frauenbild ein zentraler Punkt in der Abtreibungsdebatte. „Ich glaube, dass alles um das Reproduktionsthema – Sexualität, Gebären, Abtreiben – dafür ausgelegt wird, das Selbstbewusstsein von Frauen anzuknacksen“, sagt sie. „Es kann nicht selbstbestimmt und selbstbewusst damit umgegangen werden, weil immer alles zugeplastert wird mit diesem Schuld-, Scham- und Schande-Diskurs. Frauen müssen sich immer schuldig fühlen für alles, was sie da tun.“

Auch Lea hatte nach ihrer Abtreibung mit irrationalen Ängsten und Schuldgefühlen zu kämpfen – obwohl sie wusste, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. „Ich glaube ja nicht mal an Gott. Trotzdem dachte ich, dass mich irgendwer bestrafen wird“, sagt die Filmemacherin. Zuerst hatte sie Angst, keine Kinder mehr bekommen zu können. Danach befürchtete sie, dass, wenn sie ein Kind bekommen würde, das mit Sicherheit behindert wäre. Medizinische Hinweise darauf gab es keine. Nur diese irrationale Sorge, dass sie irgendwie büßen würde müssen. Lea ist davon überzeugt, dass solche Ängste von Menschen gemacht sind. „Es kommt ja nicht von irgendwoher, dass Frauen sich diese Sorgen machen“, sagt sie. „Die absurden Sachen, die man sich da einredet, wären nicht so, wenn er Umgang mit dem Thema in der Gesellschaft anders wäre.“

Lea ist es wichtig, über ihre Abtreibung zu reden

Schon vor fünf Jahren Lea hatte das Gefühl, dass ihre Abtreibung ein Tabu ist. Selbst als sie mit ihren besten Freundinnen über die ungewollte Schwangerschaft sprach, hatte sie Angst vor deren Antwort – obwohl sie eigentlich wusste, dass sie gut reagieren würden. Inzwischen spricht die 30-Jährige offen über ihre Abtreibung. Aber sie macht sich auch Sorgen, wie andere reagieren: „Bin ich jetzt noch die Gleiche oder bin ich eine Mörderin?“, fragt sie sich. Trotzdem spricht Lea mit vielen Leuten über die Abtreibung. Andere Frauen sollen sich nicht so alleine fühlen wie sie – das ist Leas Motivation für ihre Offenheit. „Wenn irgendeiner Frau in meinem Umfeld dasselbe passiert, dann will ich, dass irgendwer mal gehört hat ‚Ach, Lea hat doch so etwas erlebt. Ich verbinde euch mal.‘ Ich glaube, mich hätte das damals beruhigt und mir die Angst genommen.“

Hier gibt es Beratung und Hilfe bei Schwangerschaftskonflikten

In Dortmund bietet das psychosoziale Adressbuch einen Überblick über Beratungsangebote für Frauen im Schwangerschaftskonflikt. Dort werden unter anderem der christliche Verein Donum Vitae als auch das Soziale Zentrum Dortmund e. V. und die Arbeiterwohlfahrt (AWO) aufgelistet. Auf der Website der AWO Dortmund findet man Informationen über gynäkologische Praxen in der Stadt, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Zudem gibt es an der TU Dortmund jeden Dienstag eine Frauenberatung vom AStA, bei der auch Fragen zum Studium während der Schwangerschaft und mit Kind beantwortet werden.

Wer ein Beratungsangebot in einer anderen Stadt sucht, kann oft online auf den Webseiten von weit verbreiteten Organisationen wie der AWO oder pro familia fündig werden. Diese geben dort einen Übersicht über einzelne Standorte. Außerdem verfügt Familienplanung, das Informationsportal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA), über eine ähnliche Suchfunktion. Dort können Schwangere spezifisch nach Beratungsstellen suchen, die den für eine Abtreibung benötigten Beratungsschein ausstellen.

Negative Reaktionen bekommt Lea wegen ihrer Abtreibungen selten, aber ein Erlebnis hat sich ihr besonders eingeprägt. Sie erzählt es so: Im Studium stellte sie gemeinsam mit einer Kommilitonin einem Dozenten ein Projekt vor. Das sollte eine Abtreibung thematisieren. Der Dozent sah Lea an und sagte: „An unserer Schule machen wir keine Werbung für Mord.“ Ihr fehlten die Worte. Sie sah noch zu Boden und sagte sich: Jetzt nicht heulen, jetzt fang bloß nicht an, zu heulen. „Ich dachte mir, wir sind eine freie Hochschule, ein kreatives und aufgeklärtes Umfeld“, erzählt sie. „Und dann sagt einem der oberste Entscheider so etwas.“

Wegen ihres Berufs als Filmemacherin tritt Lea in diesem Artikel auch unter einem Pseudonym auf. Sie fürchtet, dass sie und ihre Arbeit sonst immer zuerst mit ihrer Abtreibung in Verbindung gebracht werden. „Der erste Google-Treffer soll nicht gleich sein ‚Das war doch die mit der Abtreibung‘“, sagt sie. „Obwohl ich es natürlich am besten finden würde, wenn das gar kein Problem wäre.“

Das Herz des Kindes schlug schon

Mit sechs Wochen beginnt das Herz eines Embryos zu schlagen. Als Lea zum ersten Mal bei der Frauenärztin war, war sie in der siebten Woche schwanger. Sie konnte die Herztöne des Kindes in ihrem Bauch hören. „Das ist sehr verrückt. Sofort war bei mir der Schalter umgelegt von Mensch zu Mutter, aber man ist ja noch keine Mutter, denn es gibt ja noch kein Kind.“ So erzählt sie es fünf Jahre später.

Bis zur neunten Woche ihrer Schwangerschaft brauchte Lea, um sich zu entscheiden – bis zur zwölften Woche nach der Befruchtung ist eine Abtreibung in Deutschland straffrei. Sie sah sich mehrmals täglich das Ultraschallbild ihres Embryos an, sie sprach mit dem Kind, war sich sicher, dass es ein Junge werden würde. „Ich hatte das Gefühl, ich musste mich so konkret damit auseinander setzen – fast wie bestrafen. Ich konnte das nicht leichtfertig machen“, erklärt sie. Anders als für sie war für Leas Freund sofort klar, dass er dieses Kind nicht wollte. Mit der Zeit wurde ihr deutlich, dass sie es sich generell vorstellen konnte, das Kind zu bekommen. Aber nicht in der Situation, in der sie sich gerade befand: „Mir ist immer wieder dieser Gedanke kommen: Das ist so nicht richtig. Ich will, dass beide sich freuen, dass man ein Zuhause hat, was schön ist, wo nicht beide vier Jobs haben müssen, um das alles hinzukriegen.“

Am Abend vor der Abtreibung nahm Lea sich Zeit, um sich zu verabschieden von dem Kind, das für neun Wochen in ihr wachsen durfte. Sie saß auf dem Bett, streichelte den Bauch und sprach in das leere Zimmer. „Jetzt wenn ich darüber nachdenke, ist es fast ein bisschen kitschig, aber für mich war das wichtig, weil ich sagen konnte: ‘Es liegt nicht an dir und ich liebe dich so wie du bist. Bitte geh und komm wieder. Ich will dich nicht wegschicken, aber ich kann nicht das sein, was ich für dich sein will.‘“ Am nächsten Tag fuhr ihr Freund sie zur Klinik. Lea weinte bis die Narkose einsetzte. „Ich hatte keine Angst, dass es die falsche Entscheidung war, aber ich hatte Angst, weil das so schlimm war“, sagt sie rückblickend. Nachdem sie aus der Narkose aufwachte, wusste sie: „Es ist okay so. Es ist richtig gewesen.“

Beitragsbild: „rawpixel“ auf unsplash.com

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