Die Dortmunder Weihnachtsstadt: Made in Niedriglohnländern

Weihnachtsmärkte vermitteln oft den Eindruck, originelle und regional hergestellte Produkte anzubieten. So auch in Dortmund. Der Schein trügt: Ein Großteil der Waren wird in Niedriglohnländern produziert. Das muss sich ändern, findet unsere Autorin.

Der heiße Glühwein und die funkelnden Lichter sollen den Besucher*innen ein Gefühl von Gemütlichkeit vermitteln. Hier haben sie noch die Chance, sich zu besinnen. Dazu tragen auch die Holzhütten bei, in denen Einzelhändler*innen ihre Waren anbieten. Sie vermitteln einen Eindruck von Regionalität, den die Produkte oftmals aber gar nicht halten können. Ein Großteil der Waren auf dem Weihnachtsmarkt kommt nicht aus der Region, sondern wird in Niedriglohnländern auf der anderen Seite der Erde produziert. Die Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes macht also auch vor den Weihnachtsmärkten nicht Halt.

Die Dortmunder Weihnachtsstadt ist dafür beispielhaft. Zwar stammen nach Angaben des Schaustellervereins „Rote Erde“ etwa 60 Prozent der Händler*innen aus Dortmund und der Region, das trifft aber nur auf 15 Prozent der Waren zu, die sie dort verkaufen. So werden etwa die Papiersterne, die Besucher*innen an einem Stand erwerben können, keineswegs in Dortmund hergestellt. Und auch nicht in Oldenburg, wie ein Schild am Stand vermuten lässt. Aus Oldenburg kommt nur das Unternehmen „Sterne vom Himmel“, das die Dekoartikel einkauft und auf 22 Weihnachtsmärkten in ganz Deutschland vertreibt. Produziert werden die Sterne in Indien, wie das Unternehmen auf Nachfrage angibt. Etwa 200 Arbeiter*innen stellen dort in zwei Fabriken jeden einzelnen Stern in Handarbeit her. Eine Vorgehensweise, die „platztechnisch und finanziell in Deutschland nicht lohnenswert“ sei, heißt es vom Unternehmen.

Holzlöffel aus Tunesien und Bambusschalen aus Vietnam

Und das betrifft nicht nur die Sterne. Gespräche mit anderen Händler*innen auf dem Dortmunder Weihnachtsmarkt vermitteln den Eindruck, dass die Waren von überall herkommen – nur nicht aus Dortmund. Da gibt es Holzlöffel aus Tunesien, Bambusschalen aus Vietnam und kleine Koboldfiguren, die als „liebevoll handbemalt“ angepriesen werden. Ob das stimmt, ist schwer nachzuprüfen. Hergestellt wurden die Figuren nämlich auf den Philippinen.

Warum die Sterne, Holzlöffel, Bambusschalen und Weihnachtsfigürchen nicht in Deutschland gefertigt werden, zeigt der Blick auf die Herkunftsstaaten. Die Weltbank, eine Organisation der UN, stuft alle vier Staaten als Länder mit niedrigem mittlerem Einkommen ein. Das kaufkraftbereinigte Bruttonationaleinkommen war 2020 in Deutschland pro Kopf etwa fünf bis zehn Mal so hoch wie in den Herstellerländern. Der Preis für Handarbeit aus Deutschland wäre für die Händler*innen also schlicht unbezahlbar. Im Umkehrschluss wären aber sicherlich auch die wenigsten Besucher*innen der Dortmunder Weihnachtsstadt dazu bereit, die höheren Preise für deutsche Handarbeit zu zahlen.

Wenn die Waren auf dem Weihnachtsmarkt dem gleichen Kommerzialisierungszwang unterworfen sind wie die Angebote in den Kaufhäusern, wo ist da noch Raum für originelle und regional hergestellte Produkte? Nirgendwo.

Regionale Stände sollten gefördert werden

Der Schaustellerverein „Rote Erde“ will das ändern und startet dazu einen ersten Versuch. Er will für das kommende Jahr einige Stände mit Produkten von Dortmunder Studierenden und der Dortmunder Kreativszene unter die übrigen Buden mischen. Das ist zwar ein guter Ansatz, reicht aber nicht aus. Denn im Wirrwarr der Holzbuden drohen die regionalen Waren zwischen denjenigen unterzugehen, die unter dem Deckmantel des Etiketts „handgemacht“ in Niedriglohnländern produziert werden. Das liegt auch daran, dass die Besucher*innen oft gar nicht unterscheiden können zwischen den Produkten, die in der Region hergestellt, und denen, die aus Niedriglohnländern importiert wurden. Genau deshalb braucht es eine klare Kennzeichnung der regionalen Stände in der Dortmunder Weihnachtsstadt.

Gleichzeitig sollte es mehr Anreize für die Händler*innen geben, auf regionale Waren zu setzen. Das kann wiederum nur mit staatlicher Hilfe geschehen. Die Bundesländer sollten die regionalen Waren auf dem Weihnachtsmarkt subventionieren – damit diese eben nicht dem Profitzwang unterliegen. Dann könnte sich der Weihnachtsmarkt auch zurecht als „Dortmunder Weihnachtsstadt“ bezeichnen.

Beitragsbild: Patricia Böcking

 

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