Wenn die Examensprüfung zu schwierig ist – Drei (Ex-)Studierende erzählen

Für viele junge Menschen ist das Jurastudium der Start einer großen Karriere. Für andere hingegen wird die Studienzeit zur Tortur: Nämlich für all diejenigen, die das Erste Staatsexamen nicht bestehen. Dieses ist Pflicht, wenn man zum Beispiel in eine Rechtsabteilung möchte. Wer vor Gericht arbeiten will, muss noch eine weitere Prüfung ablegen. Alle Studierenden haben pro Examensprüfung zwei Versuche. Bleiben sie in Regelstudienzeit, dürfen sie einen dritten Versuch absolvieren. Bundesweit haben 2018 fast ein Drittel aller Studierenden das Erste Staatsexamen nicht bestanden. Für knapp fünf Prozent war es der letzte Versuch. Drei Protagonist*innen berichten von ihren Erfahrungen.

So viele Prüflinge haben das Erste Staatsexamen 2018 erfolgreich bestanden
Unabhängig von Alter, Geschlecht und Versuch beträgt die Durchfallquote 29 Prozent.

Gute Noten in den Examensprüfungen sind selten
Unter 1.763 Prüflingen gab es im Jahr 2018 in NRW nur einmal die Bewertung „sehr gut“.

So lange studieren Menschen Jura in NRW
Die von vielen Universitäten angepeilte Regelstudienzeit von 8 Semestern haben nur 0,4 Prozent der Studierenden eingehalten. Die meisten studieren deutlich länger. Im Durchschnitt brauchen die Studierenden in NRW zwölf Semester bis zum Ersten Staatsexamen.

Marco, 32, Name geändert: Marco hat an einer großen Fakultät in NRW studiert. Sein Traum: Rechtsanwalt werden, genau wie sein Vater. Doch Anfang des Jahres kam für ihn der Schock: Es hat nicht gereicht. Marco muss umplanen.

„Ich habe in der Nacht vor der Ergebnisbekanntgabe kein Auge zugedrückt. Drei Monate habe ich auf dieses Ergebnis gewartet. Als ich dann auf der Liste der Nichtbestandenen meine Matrikelnummer las, stand ich komplett unter Schock. Unter den Studierenden nennt man sie auch Todesliste. Fünf Tage danach kam dann auch der Brief. Da stand dann schwarz auf weiß, dass ich denkbar knapp durchgerasselt bin.

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mich das nicht ziemlich getroffen hat. Danach habe ich erst einmal zwei Wochen Urlaub gemacht. Denn ich hatte ein Ass im Ärmel: Ich hatte mich vorher informiert, dass ich mir vieles aus dem Grundstudium anrechnen lassen kann. Die Fakultät informiert uns Studierende in dem Bereich praktisch gar nicht. Mein Vorteil war, dass ich alles außer der Examensprüfung bestanden hatte, so konnte ich mir die Module für einen anderen Studiengang anrechnen lassen: Wirtschaftsrecht. Damit kann ich später in einem Unternehmen in der Rechtsabteilung arbeiten. Ich schrieb mich also in den anderen Studiengang ein. Durch ein Wechselformular ging das weitestgehend unkompliziert. Der Vorteil: Meine bisherige Uni bietet diesen Studiengang auch an. So muss ich nicht umziehen. Ich muss jetzt ein paar Wirtschaftskurse nachholen, aber ich bin schon nächstes Jahr so weit, dass ich eine Bachelorarbeit schreiben kann.

„Ich habe mich abgehängt gefühlt, alle meine Freund*innen starten schon durch.“

Es wäre sicherlich schön gewesen, im letzten Versuch durchzukommen. Mein Vater ist Rechtsanwalt, diesen Berufswunsch hatte ich eigentlich auch. Doch mit Wirtschaftsrecht bin ich auch zufrieden. Die Spezialisierungschancen auf dem Arbeitsmarkt sind gut und die Verdienstmöglichkeiten vergleichbar. Ein unschönes Gefühl war es trotzdem.

Meinen Freund*innen und Kommiliton*innen gegenüber ist mir das wirklich unangenehm gewesen. Mit denen spreche ich nicht gern drüber. Ich habe mich abgehängt gefühlt, alle meine Freund*innen starten schon durch. Ich habe über einen Anwalt Einspruch gegen das Prüfungsergebnis eingelegt. Die Aussichten sind allerdings nicht besonders gut. Der Vorgang dauert noch mindestens ein halbes Jahr bis Jahr. Ich wünsche mir eine Reform im Jurastudium. Was ich gut fände, wäre, wenn ich mit dem Abschluss „Bachelor of laws“ automatisch bestanden hätte. Es kann doch nicht sein, dass manche Leute zwölf Stunden und mehr pro Tag lernen und am Ende durchfallen.

Ich bin froh, einen Ausweg gefunden zu haben. Ich freue mich, dass es wieder losgeht. Klar war es – auf gut Deutsch – ein ziemlicher Mist, aber kein Weltuntergang. Die Wirtschaftskurse machen mir Spaß.“

Katharina 39, Name geändert, studiert mit einigen Unterbrechungen seit vielen Jahren Jura. Sie hat Teile ihrer Studienzeit an einer Universität in einer nordrhein-westfälischen Großstadt verbracht:

„Zu Beginn war es mein Ding. Ich war relativ gut. Zwischenzeitlich habe ich das Studium pausiert und über ein halbes Jahrzehnt als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einer Großkanzlei gearbeitet. Auch habe ich in der Zeit ein Kind bekommen. Ich denke, meine Geschichte ist an der Universität schon eine Ausnahmesituation. Mit Säugling studieren ist etwas anderes. Eine chronische Erkrankung hat mich zusätzlich immer wieder außer Gefecht gesetzt. Mir geht es gut, aber abschließen konnte ich das Studium bisher nicht. Ich erinnere mich an eine Situation während der Examensprüfung: Ich habe mich mitten im Saal übergeben. Ein Krankenwagen musste sicherheitshalber kommen, weil ich die Prüfung hochschwanger geschrieben habe. Die Prüfung habe ich nicht bestanden. Davon konnte ich mich recht schnell erholen, schließlich hatte ich es geahnt. Weil es in Deutschland nichts geworden ist, habe ich mich für ein Studium an der Universität Linz in Österreich eingeschrieben. Ich konnte mir einige Kurse anrechnen lassen und der österreichische Abschluss ist auch in Deutschland anerkannt. Dort musste ich allerdings noch zwei Urlaubssemester beantragen, da ich keinen Kita-Platz für mein Kind bekommen hatte.

„Es ist auf Dauer eine seelische und finanzielle Belastung.“

Meine Studienzeit in Deutschland muss ich ehrlicherweise als eine Zeit mit viel Leid beschreiben. Es ist auf Dauer eine seelische und finanzielle Belastung. Im Umfeld Jura ist es gefühlt schlimmer, wenn man versagt. Ich glaube auch, man braucht ein gutes Elternhaus und eine Portion Glück. Es wäre schön, auch unter den Komiliton*innen ein kollegiales Verhältnis zu kultivieren. Das ist nicht immer der Fall.

Der Halt zu meinem Mann hat mir immer geholfen: Das Nichtbestehen hat unsere Lebensplanung nicht verändert. Das ist schonmal gut. Mein Mann verdient gut, er arbeitet in einer anderen Branche. Klar war es nicht so einfach für mich, die finanzielle Abhängigkeit zu ihm zu akzeptieren. Aber es mangelt unserer kleinen Familie an nichts.

„Der Weg ist demoralisierend.“

Ehrlich gesagt, ist das Jurastudium in Deutschland aus meiner Sicht nicht studierendenfreundlich. Es sollte dringend reformiert werden. Der Weg ist demoralisierend und die Prüfungen unfair. Dazu all die Masse an Stoff. Ich musste mir immer einen privaten Repetitor organisieren, der mir das Fach nähergebracht hat. Ich habe mir hauptsächlich als Ziel gesetzt, das Erste Staatsexamen zu bestehen, um einen Endpunkt zu haben: Das reicht mir. Mit dem Modulplan in Linz bräuchte ich dafür aktuell noch mindestens zwei Jahre. Aber bis zum Schluss durchziehen, also auch das Zweite Staatsexamen zu bestehen, um als Anwältin vor Gericht zu gehen, da sehe ich mich ehrlich gesagt nicht mehr.“

Philipp Mollenhauer (38) kennt die Hürden des Jurastudiums bestens. Er hat von 2003 bis 2009 Jura studiert. Sein beruflicher Weg bringt ihn heute immer wieder mit seiner Studienzeit in Kontakt.

„Ich kenne das Gefühl, nicht bestanden zu haben. Ursprünglich wollte ich Medizin studieren, habe mich im letzten Moment dann doch für Jura entschieden. Im Winter 2003 habe ich begonnen. 2009 bin ich samt Freiversuch durchgefallen. Trotzdem kann ich über das Fach und die Studienzeit wirklich viel Positives sagen. Alle Vorlesungen bis zu den Zwischenprüfungen im vierten Semester waren kein großes Problem. Die Zwischenprüfungen sind das erste große Hindernis. Ich glaube, viele Universitäten wollen hier durch schwere Prüfungen die hohe Studierendenzahl etwas ausdünnen. Hier zeigt sich, wer wirklich durchhalten möchte.

„Man wird in der Vorbereitung total allein gelassen.“

Im Studium herrscht ein hoher Konkurrenzkampf. Oftmals gab es bei den Hausarbeiten nicht genug Bücher für alle Studierenden gleichzeitig, so galt in der Bibliothek: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Im Jahrgang waren wir etwa 600 Leute. Das Studium ändert sich, sobald es auf das Examen zugeht. Das Wissen, wie man so ein Examen schreibt, hat man nur vom Hörensagen. Man wird in der Vorbereitung total allein gelassen. Nicht umsonst investieren heute noch viele Studierende in teure Repetitorien, um den Stoff zu verstehen.

Viele aus älteren Generationen von Jurist*innen sagen, dass das Studium früher leichter war. Heute wollen viel mehr Menschen studieren als früher, deshalb steigen vermutlich auch die Anforderungen. Bei Jura kommt noch hinzu, dass das Modell uralt ist. Die Notenskala in der heutigen Form stammt noch aus dem damaligen Preußen. Man hört ja immer, man muss sich durch ein hartes Jura-Studium kämpfen, um später viel Geld zu verdienen. In meinen Augen ist das der falsche Ansatz: Da die Absolvierendenzahlen ja zurückgehen, sollte man eher den Weg dahin bessern, anstatt später mit hohen Gehältern zu lockern.

„Viel auf Verständnis gelernt habe ich nicht.“

Zu einem gewissen Teil ist es meine Schuld gewesen. Klar, vieles in dem Studienmodell ist nicht optimal. Aber hätte ich mehr versucht, den Stoff wirklich zu verstehen, anstatt nur die Repetitorien zu besuchen, hätte ich bessere Chancen gehabt. Viel auf Verständnis gelernt habe ich nicht. Ich hätte also besser lernen und stressresistenter sein müssen.

Immerhin haben mir meine Erfahrungen für mein jetziges Leben geholfen: Ich leite heute meine eigene Beratungsfirma, in der ich Menschen mit dem gleichen Schicksal betreue. Die Firma heißt „Staatsexamen Plan B“ und richtet sich an alle, die wie ich durchgefallen sind. Darüber beraten die Unis bis heute sehr dünn. Ich helfe den Studierenden, ihre bestandenen Leistungen anderweitig anrechnen zu lassen und beispielsweise im Ausland den Abschluss nachzuholen. Scheitern ist im Jurastudium bis heute ein absolutes Tabu. Das möchte ich ändern, danach ist nämlich noch nicht alles verloren.“

Beitragsbild: Pixabay/jessica45

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