Kommentar: Weg mit den Idealen – wir brauchen ein realistisches Körperbild

Die neue Staffel von Germany’s Next Topmodel startet – und damit auch das Streben junger Mädels nach der perfekten Figur. Sowohl in der Fernsehsendung als auch auf Social-Media-Kanälen lauten die Schönheitsideale inzwischen: entweder schlank mit Größe 32 oder „curvy“ mit Größe 42. Doch was ist mit den Frauen, die irgendwie in der Mitte sind? Dürfen sie nicht mehr stolz sein? Ein Kommentar.

Im Trailer zur neuen Staffel fällt Julia auf. Die 23- Jährige hebt sich von den anderen ab. Sie trägt mal keine Größe 34, sondern hat normale Kurven. Cool, denkt man da zuerst. Dennoch bleibt die Frage: Hat die Jury sie nur ausgewählt, um der öffentlichen Kritik aus dem Weg zu gehen? Schließlich hat bereits eine Studie angeprangert, dass die ausgewählten Kandidatinnen als der Normalfall dargestellt werden, wie ein Mädchen heute auszusehen hat.

Als in der letzten Staffel zwei „Curvy-Kandidatinnen“ in der Show zu sehen waren, wurde das als revolutionär vom Fernsehsender ProSieben dargestellt. Als wollten uns die Produzenten damit sagen: „Hey, schaut mal: Bei uns können jetzt auch kurvige Frauen teilnehmen. Wir akzeptieren nämlich jede Figur“.

Natürlich finde ich es gut, dass jetzt auch Frauen mit Größe 38 teilnehmen dürfen. Trotzdem erschreckt es mich, dass so etwas inzwischen schon etwas Besonderes ist und gefeiert wird. Bedeutet das nicht letztendlich, dass in unserer Gesellschaft ein realistisches Körperbild gar nicht mehr als „normal“ erachtet wird?

Es gibt unendlich viele verschiedene Figur-Typen. Manche junge Frauen sind von Natur aus groß und schlank, essen trotzdem genug. Andere sind das wiederum nicht und das ist auch gar nicht schlimm. Aber wenn Castingshows wie Germany’s Next Topmodel, und zum Beispiel auch die Werbeindustrie, immer nur nach einem bestimmten Ideal suchen und die Durchschnitts-Frau mit Größe 38 wie ein Alien behandelt wird, läuft etwas falsch.

Zu dick und zu dünn 

Auf Plattformen wie Instagram braucht keiner Heidis Segen. Dank Social Media ist man nicht mehr auf Castingshows angewiesen, um sich zu präsentieren und Bestätigung zu bekommen. Jeder darf ein Foto hochladen, es gibt keine Kriterien. Oder doch? Zumindest kann keiner von Ungerechtigkeit sprechen. Alle sind gleich – denn alle werden gleich kritisiert. Egal welche Figur, irgendwer hat immer etwas zu meckern.

Selbst unter Bildern von Frauen, bei denen man denkt, sie hätte eine „perfekte“ Figur, stehen Kommentare wie „Du bist viel zu dünn“. Oder „Nimm mal zu“. Wer definiert eigentlich diese perfekte Figur? Wer darf darüber urteilen, wer etwas an seiner Figur ändern sollte und wer nicht? Richtig, niemand.

Das Erschreckende dabei ist, dass viele Hasskommentare hauptsächlich von Frauen geschrieben werden. Gerade in Zeiten der #metoo-Bewegung sollten Frauen doch mehr zusammenhalten. Im Internet wird dies immer angepriesen, wirklich umsetzen tun es nur die wenigsten.

Jeder darf sich auch mal unwohl fühlen

Wir sollten nicht vergessen, dass einige Frauen nichts an ihrer Figur ändern können – und das ist auch überhaupt nicht schlimm. Die einen würden gerne zunehmen, können es aber nicht. Andere haben von Natur aus ein breiteres Becken, ändern können sie daran aber auch nichts.

Es gibt niemals einen Grund, warum sich Frauen sich für ihre Figuren schämen sollten. Jeder kennt die Tage, an den man sich einfach unwohl in seinem Körper fühlt und das ist vollkommen in Ordnung. Man muss seinen Körper nicht jeden Tag lieben. Doch gerade dann ist es wichtig, sich nicht mit anderen vergleichen zu müssen.

Instagram: Body Positivitiy oder Bodyshaming?

Das Internet hat genug von der ständigen Kritik am Körperbild und möchte nun Body Positivity verbreiten – also ein positiveres Bild vom eigenen Körper. Es ist inzwischen Trend, Bilder unbearbeitet ins Netz zu stellen, ohne dabei Unreinheiten oder Fältchen zu retuschieren. Zurzeit kursiert unter Bikinibildern zudem der Begriff #tigerstripes. So werden nun Hautrisse, die zwar völlig natürlich sind, aber jahrelang verpönt waren, mit einem eigenen Hashtag gefeiert – gut und schön, auch ich habe welche, aber warum muss ich die nun unbedingt allen zeigen?

Der Bodypositivity-Trend hat für mich einen bitteren Nachgeschmack. Denn dadurch werden Frauen – und das, was sie ausmacht –  nur weiter auf ihren Körper reduziert. Wenn ein Victoria’s-Secret-Model dafür gefeiert wird, dass sie fülligere Oberschenkel hat als die anderen Models, ist es fraglich, ob sich dadurch etwas am Frauenbild ändert.

Die Modewelt und auch die Sozialen Medien halten also an ihren Idealen fest. Daher ist es unsere Aufgabe, Schluss mit zu dick, zu dünn, zu klein, zu groß zu machen und uns Frauen gegenseitig zu stärken. Wir sollten normale Dinge wie Hautrisse oder Cellulite nicht verstecken, sie aber auch nicht anpreisen. Niemand muss seine Hautrisse schön finden – jeder darf es aber.

Wir sollten uns in unserem Körper wohlfühlen dürfen, ohne darüber nachdenken zu müssen, was normal ist und was nicht. Erst dann haben wir wieder ein realistisches Körperbild erreicht.

Beitragsbild: Rawpixel via Unsplash

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