Querfeldein den Berg hinunter – ein Selbstversuch

Downhill ist die extremste Form des Radfahrens, gemessen an Geschwindigkeit und Streckenbeschaffenheit. Waghalsige Abfahrten mit meterhohen Sprüngen gehören dazu. Unser Autor blickt in die Szene des Ruhrgebiets und wagt den Selbstversuch.

Mit einem Klicken geht der Helm zu, dann schwinge ich mich auf das Mountainbike. An den Seiten des Weges wachsen Büsche, dazwischen scheinen Sonnenstrahlen hindurch. Kurz bevor es losgeht, schleicht sich ein unsicheres Gefühl bei mir ein. Der Pfad vor mir ist schmal, an manchen Stellen keinen Meter breit. Etwas holprig wage ich die erste Abfahrt, lehne mich nach vorn, stoße mich mit beiden Beinen ab. Ein paar Meter weit geht das gut. Dann eine Linkskurve, zuerst sehe ich nicht, was dahinter kommt. Auf einmal eröffnet sich vor mir ein langer, steiler Abhang. Kurz überlege ich, einfach runterzufahren. Doch dann siegt die Angst. Ich drücke beide Bremsen voll durch, Staub wirbelt auf. Komme ich rechtzeitig zum Stehen?

Dortmunder Downhill-Mountainbike-Fahrer Fabian Weiß macht einen Trick auf einem Trail in der Nähe der Ruine Hohensyburg. Foto: Kurt/Simon Jost

Hierher, in den Dortmunder Süden, hat mich Fabian Weiß gebracht. Rund um die Ruine der historischen Hohensyburg schlängeln sich dort Wege durch bewaldete Landschaften. Die steilen Wälder sind ein ideales Terrain für Mountainbike-Fahrer*innen. Fabian ist einer von ihnen. Er ist 23 Jahre alt und hat gerade seinen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften an der TU Dortmund gemacht. Sein Hobby: Geschwindigkeit, am liebsten Downhill. “Dabei geht es einfach darum, möglichst schnell mit dem Fahrrad einen Berg runter zu fahren”, sagt der etwa 1,90 Meter große Student, der zu seinen langen braunen Haaren Skater-Klamotten trägt. Downhill ist nur eine Disziplin des Mountainbikings – alles, was in den Wettbewerben zählt, ist die gefahrene Zeit. Wenn er privat unterwegs ist, baut Fabian auch schon mal den einen oder anderen Trick in seine Sprünge ein.

Für den Sport unabdingbar sind Berge. Im benachbarten Sauerland gibt es viele Downhill-Strecken. Nun ist das Ruhrgebiet nicht gerade für seine Gebirge bekannt. “Doch auch hier wird der Sport beliebter”, sagt Fabian. Das sehe man an den ganzen Strecken, die gerade im Pott entstünden. Teilweise lernten Leute den Sport im Urlaub kennen und schauen sich dann auch im flachen Ruhrgebiet nach geeigneten Orten um. Denn für Downhill sind nicht allein die Höhe der Berge, sondern vielmehr die Beschaffenheit kürzerer Anstiege entscheidend – und solche finden sich auch in der Ruhr-Region.

“Der Nervenkitzel reizt mich schon”

Im Bikepark in Witten und an den zahlreichen Halden im Ruhrgebiet gibt es mehrere Trails, wie die Strecken genannt werden. “Bei meinen Fahrradtouren durch das Ruhrgebiet entdecke ich öfter kleinere Strecken, die sich die Bike-Szene selbst gebaut hat”, erzählt Fabian. Die Strecken rund um die Ruine Hohensyburg seien eher für fortgeschrittene Fahrer, erklärt er. Der Student kommt aus dem naheliegenden Stadtteil Hombruch und ist entsprechend häufig im Dortmunder Süden unterwegs.

“What comes up goes down again” – dass er das Bike auch wieder den Berg hochtragen muss, nimmt Fabian gelassen. Foto: Kurt/Simon Jost

Auch eine seiner Lieblingsstrecken ist hier. An beiden Seiten des Weges wächst dichter Farn, in unregelmäßigen Abständen stehen Bäume. Mitten auf der Strecke lehnt er sich nach hinten, sodass er nur auf dem Hinterrad weiterfährt. Die Rad-Speichen sirren dabei laut, er balanciert das Fahrrad ein paar Meter und setzt wieder auf. “Der Nervenkitzel dabei reizt mich schon. Mir gefällt aber auch das entspannte Fahren bei guter Aussicht,” erzählt Fabian später. Nach einer Abfahrt muss der Fahrer sein Rad den Berg wieder hinauftragen. Das gehöre leider dazu, sei aber halb so wild, meint der Student. Unter Downhill-Fahrer*innen würde man sagen: “What comes up, goes down again.”

Vor sieben Jahren hat Fabian mit dem Mountainbike-Fahren angefangen. Seine ersten Abfahrten hat der Dortmunder an der Halde Hoppenbruch in Herten gemacht. Ein Schulfreund hatte ihn damals mitgenommen, Fabian war direkt angefixt: “Vor allem die Geschwindigkeit und die Nähe zur Natur haben mir schon damals gefallen.”

Mittlerweile ist er mehrfach die Woche mit dem Mountainbike an den Hängen im Ruhrgebiet unterwegs. Dafür brauche man schon ein gutes Mountainbike, erklärt Fabian: “Mit einem Supermarkt-Fahrrad Berge runterzufahren, macht keinen Spaß und ist außerdem gefährlich.” Richtige Downhillbikes sind schwer, haben große Räder und sowohl vorne als auch hinten eine Federung eingebaut. Mountainbikes mit dieser Doppel-Federung nennen Expert*innen Fullys. Diese sind allerdings teuer und kosten schnell mal 1500 Euro. Gebrauchte Räder bekomme man schon deutlich günstiger, sagt Fabian. Außerdem würden die Fahrräder vielseitiger. Es gebe immer mehr leichte Mountainbikes, die sowohl für lange Touren als auch für Downhill geeignet seien. Auch daher wachse die Downhill-Szene im Ruhrgebiet.

Der Sport ist weltweit beliebt. Fabian ist schon bei Wettbewerben in Neuseeland mitgefahren. “Bei einem Contest mitzufahren, ist ein geiles Gefühl. Man hört die Kulisse gar nicht mehr und ist voll im Tunnel”, sagt er. Von solchen Wettbewerben gibt es auch Videos auf Youtube. Zum Beispiel eins von der britischen Profi-Downhillfahrerin Rachel Atherton beim UCI Mountain Bike World Cup.

Zwei Jahre, nachdem Fabian mit Downhill angefangen hatte, konnte er seinen ersten Trick: den Whip. Dabei legt er das Rad in der Luft einmal quer in die Waagerechte und bringt es erst kurz vor der Landung wieder in die richtige Position. “Um sich im Downhill-Fahren zu verbessern, muss man ständig an seine Grenzen gehen. Man darf aber auch nicht übertreiben, sonst kommt es zu Verletzungen”, sagt Fabian.

Fabian Weiß lehnt sich in die Kurve. Foto: Kurt/Simon Jost

Mut und ein Stück weit Wahnwitz

Dieses Risiko sei deutlich höher als zum Beispiel beim Fußball, meint er. Schürfwunden und Stauchungen gehörten einfach zum Sport dazu. Auch schlimmere Verletzungen blieben nicht aus. “Meine schlimmste Verletzung beim Downhill war ein Oberschenkelbruch.” Ganz schützen könne man sich vor Verletzungen nie, wenn man darauf aus sei, schneller zu werden. Doch Erfahrung würde Sicherheit bringen.

Kurt-Reporter Juri Bürgin bei seiner ersten Abfahrt. Foto: Kurt/Simon Jost

Das hilft mir allerdings nur bedingt, als ich es zum ersten Mal selbst mit dem Downhill-Fahren probiere. Der Spaß ist schnell da, als ich den schmalen Pfad gemeistert habe. Doch dann kommt der bereits erwähnte steile Abhang. Mit voller Kraft ziehe ich an beiden Bremshebeln an meinem Mountainbike-Lenker. Ich schlittere Richtung Abhang. Es geht alles gut, ich komme kurz vor der Kante zum Stehen.

Mit schwitzigen Händen und einem flauen Gefühl im Magen schaue ich den steilen Abhang hinunter. Auch aus dem Stand dort herunterzufahren, behagt mir nicht besonders. Nie hätte ich mir vorstellen können, einen so steilen Abschnitt mit dem Fahrrad zu fahren.

Meine Devise: Nur überleben

Plötzlich hält ein vorbeifahrender Radler in bunten Klamotten und mit Schnauzbart neben mir. “Vertrau’ dem Fahrrad, lehne dich nach hinten und bremse auf keinen Fall mit der Vorderradbremse”, rät er und fährt weiter. Diesen Zuspruch habe ich offenbar gebraucht: Ich stoße mich wieder vom Boden ab, rolle los in den Abhang hinein. Jetzt geht alles ganz schnell – zumindest in meinem Kopf. Denn meine Devise ist: nur überleben. Entsprechend wenig Downhill-artig rolle ich eher gemächlich mit beiden Händen stets an der Bremse den Abhang hinunter und komme so sicher unten an.

Trotzdem: Meine erste Downhill-Erfahrung hat Spaß gemacht – auch, wenn sie mich gleichzeitig das Fürchten gelehrt hat. Downhill-Fahrer*innen brauchen Mut und freilich auch ein Stück weit Wahnwitz. Sicherheit ist wichtig, aber nie die oberste Devise. Für mich war es eine spannende Erfahrung, bei der ich es belassen werde.

Beitragsbild: Kurt/Simon Jost

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