Selbstexperiment: Können sich Studenten den Bio-Lifestyle leisten?

Foto: Lisa Brinkmann

An Bus- und Bahnhaltestellen, in jedem Prospekt: Bio-Werbung. Ein Bauer der auf einem Feld steht, ein Korb mit saftigen roten Tomaten in den Händen. KURT-Reporterin Lisa Brinkmann macht den Selbstversuch und kauft eine Woche nur Bio-Produkte. Wie stark belastet das den studentischen Geldbeutel?

Bio. Das Wort mit dem großen ökologischen Versprechen. Kühe auf weiten Feldern, Schweine die sich entspannt im Dreck wühlen, Obst und Gemüse so gesund, so unbehandelt. Das sind die idyllischen Vorstellungen, die der Begriff mit sich bringt. Wie wichtig ist mir der ökologische Faktor, wenn am Ende des Monats das Geld knapp wird?

Ich bin Studentin im dritten Semester, bekomme kein Bafög und arbeite neben dem Studium. Das Monatsbudget erlaubt nicht immer einen Restaurantbesuch und jeder Cent zu viel kann schmerzen. Die Realität des teuren Wocheneinkaufs kam schnell, nachdem ich in meine erste eigene Wohnung gezogen bin. Da kauft man lieber mal Produkte im Angebot. Aber vor Bio-Produkten bin ich bislang zurückgeschreckt: 30 Prozent mehr bezahlen, weil es angeblich besser schmeckt,  nachhaltiger und gesünder ist? Das wollte ich ausprobieren.

Der Wochenplan
Montag: Salat
Dienstag: Salat
Mittwoch: Vollkorn Nudeln mit Gemüse Sauce
Donnerstag: Vollkorn Nudeln mit Gemüse Sauce
Freitag: Reis-Hackpfanne
Samstag: Reis-Hackpfanne
Sonntag: Fertiggericht (Curry)

In meinem Wochenplan stehen Gerichte, die ich häufiger mache. Um sicher zu gehen, dass alles Bio ist, musste ich Mensa und Restaurants ausschließen. Meistens koche ich nur zwei Mal pro Woche frisch und dann reicht es für zwei Tage. Das soll sich in dieser Woche ändern.

Einkaufen werde ich in meinem lokalen Supermarkt und im Bio-Supermarkt, den ich noch nie betreten habe. Als persönliches Ziel will ich noch so viel wie möglich auf Verpackungen verzichten. Wenn nachhaltig, dann richtig. Ich nehme Tupperdosen mit und mache mich auf den Weg.

Der erste Einkauf

Im normalen Supermarkt gibt nur wenig Bio-Produkte, alle verpackt in Plastik. Das war es schonmal mit der Nachhaltigkeit in Sachen Verpackung. Ich wechsle schnell zum Bio-Supermarkt. Er ist größer als gedacht und es gibt eine riesige Auswahl an Lebensmitteln. Schnell habe ich alles für den Salat zusammen und auf Schildern sehe ich die verschiedensten Bio-Siegel. Ich habe keine Ahnung worin der Unterschied besteht. Was aber direkt auffällt, ist die kleine Auswahl an Produkten aus Deutschland. Warum kaufe ich teure Bio-Lebensmittel, wenn meine Paprika trotzdem aus Spanien kommt? Das ist ja wohl nicht mein Bauer von nebenan aus der Werbung.

Zum Vergleich: Links der Nicht-Bio-Salat, rechts der Salat mit Bio-Produkten.

An der Kasse guckt mich der junge Kassierer mitleidig an, als ich die Produkte auf das Band lege. Weiß er was, dass ich nicht weiß? Wahrscheinlich fühlt er sich bestätigt, denn als er mir den Preis sagt, fällt meine Kinnlade runter. Über 20 Euro bezahle ich für Salat-Zutaten und ein paar grundlegende Lebensmittel wie Milch und Eier. In der Drogerie kaufe ich noch ein Fertig-Curry-Gericht zum Aufwärmen und bei meinem lokalen Bäcker bekomme ich frisches Brot für mein Frühstück. Hier lohnt sich der Griff zur großen Tupperdose. Die Bäckerin spart die Verpackung und lobt mich für mein Mitdenken.

Die Zeit spielt nicht mit

Am Mittwoch gehe ich nach der Arbeit einkaufen für das Nudelgericht. In einem Dortmunder Feinkostladen finde ich Nudeln und Reis zum Selbstabfüllen. Wieder Verpackungen gespart und günstigere Bio-Lebensmittel gefunden als das Angebot im Bio-Supermarkt. 0,29 Cent für 100g Vollkornnudeln. „Das Publikum ist bunt gemischt. Es gibt aber vier Gruppen die gerne kommen: Designer und Architekten, Informatiker, junge Familien und Menschen mit sozialen Berufen“, sagt Yasmin Braun, die Teilzeit im Laden arbeitet. Leider liegt das Geschäft nicht gerade in meiner Nähe und bis ich Zuhause bin und gekocht habe, ist es fast 16 Uhr.

Am Freitag muss ich eine Hausarbeit fertig schreiben. Ich habe viel zu tun und komme völlig aus dem Schreibfluss, als ich erstmal eine Stunde koche, esse und wieder abspüle. Ganz zu schweigen vom Bio-Hackfleisch, das beim Gedanken an den Preis einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt. Schließlich gebe ich Samstag nach, ich habe ein Blockseminar. Ich bin müde und erschöpft und obwohl ich die Reste von der Hack-Reispfanne habe, greife ich zu einem Muffin im Café am Campus. Dazu kommt als Abendessen eine kleine Tüte Popcorn bei einem Kinobesuch. Sonntag mache ich dann noch das Fertig-Curry. Es sieht aus wie Erbrochenes und schmeckt in Ordnung. Aber danach habe ich mich so sehr auf eine Pizza aus der Food Fakultät gefreut, wie seit langem nicht mehr.

Bio und der Etikettenwahn

Ich wollte es wissen: Während der Woche habe ich recherchiert. Meine erste Frage war, was Bio und Öko überhaupt heißt. Beide Begriffe sind seit 1993 durch die Bedingungen der EG-Öko-Kennzeichenverordnung geschützt. Diese besagt, dass die Tiere artgerecht gehalten werden müssen, keine chemischen Pflanzenschutz- und Düngemittel verwendet werden dürfen. Gentechnik ist generell verboten. Allerdings müssen nur 95 Prozent der Produktzutaten vollkommen ökologisch hergestellt werden.

Das sind also quasi die Mindestbedingungen, die Bio-Lebensmittel ausmachen. Wenn man genauer hinguckt, findet man allerdings immer wieder Fakten und Daten, die wütend machen können. Ein Bio-Schwein hat nur 0,8 Quadratmeter für sich, ein nicht Bio-Schwein hat 0,5 Quadratmeter. Dafür bezahlt man am Ende 30 Prozent mehr im Supermarkt.

Übersicht der verschiedenen Biosiegel vom BUND.

Diese Mindestbedingungen sind gekennzeichnet durch das Bio-Siegel der Europäischen Union und das deutsche Bio-Siegel. Diese Siegel habe ich auch am häufigsten auf den Etiketten meiner gekauften Produkte.

Wer mehr erwartet, muss auf Siegel wie „Bioland“ und „demeter“ achten. Diese werden von den deutschen Anbauverbänden unterstützt und haben höhere Standards, nach denen zum Beispiel der ganze Betrieb ökologisch arbeiten muss und nur ökologische Futtermittel erlaubt sind. Nachlesen lohnt sich also. Die strengeren Siegel, habe ich aber fast ausschließlich im teureren Bio-Supermarkt gefunden.

Nachhaltigkeit geht über Lebensmittel hinaus

Das Experiment drehte sich für mich nicht nur um Bio-Lebensmittel. Seit meinem Urlaub in den USA habe ich eine Art Lebensmittelverschwendungs-Trauma. Die großen Portionen, die einem serviert werden, sind nicht zu schaffen und Essen wird daher in Massen weggeschmissen.

Auch in Europa werden pro Jahr 90 Millionen Tonnen Essen weggeworfen.  Ich habe versucht, weniger Müll zu hinterlassen und das mit einem Bio-Lifestyle zu vereinbaren. In einer Woche habe ich meinen Müll, von zwei Müllbeuteln auf einen reduziert. Einfach nur, weil ich darauf geachtet habe und außer Schalen keine Lebensmittel dran glauben mussten.

Kassensturz

Insgesamt habe ich nur für Lebensmittel 50,88 Euro ausgegeben. Ohne Hygieneartikel oder Haushaltsmittel, die so anfallen. Dazu kommt natürlich, dass ich keine Getränke kaufen musste, da ich Thermoflaschen mit Wasser fülle. Wenn ich alles überschlage, bleiben mir im Monat nach den Ausgaben für Bio-Lebensmittel, noch circa 100 Euro zum Leben.

Mit dem Rundfunkbeitrag alle drei Monate wären es sogar knapp unter 50 Euro. Wenn unerwartete Kosten anfallen, wäre ich wohl bei null, im schlimmsten Fall im Minus Bereich.

Produkte Bio-Produkt Reguläres Produkt
Brot 2,95 1,29
Käse 1,47 1,09
Wurst 1,46 0,99
Milch 1,29 0,72
Eier 2,34 (6 Stück) 1,29 (10 Stück)
Apfel (Stück 1) 0,66 0,41
Nudeln 1,10 (382g) 1,49 (350g)
Fertig-Curry 2,25 1,29
Salat 2,49 0,79
Tomaten 3,79 (0,57 kg); 1,49 2,25 (2x)
Gurke 1,49 0,49
Paprika 3,10 (3 Stück) 1,25 (3 Stück)
Frischkäse 2,39 (150g) 0,99 (300g)
Möhren 0,71 (0,222kg) 0,15 (0,2kg)
Zucchini 1,68 (0,3kg) 0,70 (0,31kg)
Nuss-Nougat Aufstrich 2,95 (400g) 2,79 (450g)
Hackfleisch 6,49 (400g) 1,30 (500g)
Reis 0,42 (100g) 0,49 (125g)
Schokolade 1,29 (100g) 0,59 (100g)
Muffin 1,65  „
Popcorn 4,00  „
Backwaren 3,42  „
Endergebnis = 50,88 €
= 33,32 €

 

Geschmack

Ich habe es nicht erwartet. Der Salat war frischer, knackiger und hat besser geschmeckt. Die Bio-Gurke und die Bio-Tomaten waren besser. Aber ob ich deshalb konvertiere? Nein. Das galt nämlich nur für Obst und Gemüse. Das Fertig-Curry schmeckt wie anderes Fertigessen auch. Und so ganz glaube ich nicht an den Mehrwert von fertigem Bio-Essen. Die Nudelsauce war sehr lecker. Alles andere hat normal geschmeckt. Kein Unterschied, bis auf dass ich alles selbst gekocht habe. Und das schmeckt halt immer noch am besten.

Zeitaufwand

Wegen des Kochens habe ich nicht selten in der Woche jede Art von Mittagszeit verpasst. Zwischen Arbeit und Uni blieb kaum Zeit um einzukaufen und frisch zu kochen, aber ich habe es geschafft. Nicht ohne den ein oder anderen Schweißtropfen.

Ich bewundere Leute die „Meal Prep“ machen und alles vorher planen. Aber ich bin eine eher spontane Köchin und esse gern auch mal einfach in der Uni um Zeit zu sparen. Gerichte vorauszuplanen und die längeren Wege zu den Bio-Supermärkten und Fachgeschäften auf mich zu nehmen (obwohl der normale Supermarkt fast vor meiner Tür ist), das lässt sich einfach nicht mit meinem Alltag vereinen. Vor allem nicht in der Klausurenphase.

Meine Tipps

1. Informier dich
Frag deine Freunde, die Vegetarier und Veganer sind. Klingt blöd, oftmals haben die sich aber schon mit ihrem Einkauf auseinandergesetzt. Du nicht. Eine Freundin empfahl mir zum Beispiel die App „TooGoodToGo“. Dort bieten lokale Geschäfte und Supermärkte Essen günstiger an, das sie sonst wegschmeißen würden.
2. Plane deinen Einkauf
Wenn du den Bio-Lifestyle willst, dann stell dich darauf ein, Wochenpläne und Einkaufslisten zu schreiben.
3. Fleisch oder Fisch?
Ich koche bereits selten mit Fleisch, aber um ehrlich zu sein, würde ich in puncto Bio lieber darauf verzichten oder mich an frischen Aufschnitt halten. Fleisch ist das teuerste Bio-Produkt.
4. Nimm Beutel und Dosen mit
Wenn du, wie ich, Nachhaltigkeit nicht auf Essen beschränken willst, dann hab immer „Transportmaterial“ dabei und keine Angst Obst und Gemüse lose aufs Band zu legen. Du brauchst keine Plastiktüten, damit sie die Produkte wiegen können. Angebrochene oder angeschnittene Lebensmittel halten sich super in einer Dose im Kühlschrank.
5. Finde deine Balance
Beobachte dein Einkaufsverhalten. Kaufst du nur das Günstigste? Wie viel wirfst du weg und warum? Sich selbst und seinen Lebensstil wahrzunehmen ist relevant und wird dir dabei helfen, einen Mittelweg zu finden. Worauf legst du wert? Beurteile, recherchiere und passe an.
Finde eine Balance die deinem Budget und deinem Alltag entspricht.

Fazit

Ergebnis meines Checks: Nein, ich steige nicht vollkommen auf Bio-Lebensmittel um. Aber ich werde weiter daran arbeiten, bewusster einzukaufen. Bio ist längst Massenproduktion, aber noch lange nicht passend für den studentischen Geldbeutel. Ab und zu könnte man den Bio-Apfel nehmen – für den Geschmack. Würde ich aber nur Bio kaufen wollen, käme ich mit meinem Gehalt nicht aus. Und Sparen für einen Erasmus-Aufenthalt wäre bei diesen Kosten nicht drin.

Bio ist sinnvoll, wenn man wert darauf legt und die finanziellen Mittel hat. Aber: Man sollte genau hinsehen, was man da gerade kauft. Ich habe nicht genug Geld um die 100 Prozent Bio-Qualität in meinen Alltag einzubringen. Aber ich werde mich weiter bemühen Nachhaltigkeit anders umzusetzen. Informiert euch. Fragt nach. Und vor allem guckt hin. Lebensmittel sind nur ein Teil auf dem Weg zu einem bewussten Umgang mit Rohstoffen.

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