Bedingungsloses Grundeinkommen: Gesellschaftliches Ideal oder Experiment mit unbekannten Folgen?

Das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens ist umstritten.

Ein Jahr lang jeden Monat Geld aufs Konto bekommen, ohne etwas dafür tun zu müssen. Die ehemalige TU-Dortmund Studentin Frauke Grützmacher hat während ihres Studiums ein Jahr lang ein Grundeinkommen bekommen. Doch es gibt auch Kritik an dem Konzept.

Es ist mitten in der Nacht – gegen zwei Uhr – als Frauke Grützmacher sich an ein Gewinnspiel erinnert, an dem sie vor einiger Zeit teilgenommen hat. Sie geht an ihren Computer und schaut nach. „Ich habe gedacht, das hat bestimmt eh nicht funktioniert“, erinnert sie sich. Aber sie hat gewonnen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen für ein Jahr. Mitten in ihrem Master-Studium Architektur und Städtebau an der TU Dortmund hat sie 1000 Euro pro Monat bekommen – als bedingungsloses Grundeinkommen.

Glauben konnte sie das erst einmal nicht. „Das hat sich auch konsequent noch zwei Wochen gehalten.“ Sie habe sich gefragt: „Kriege ich jetzt wirklich plötzlich zum Ersten des kommenden Monats Geld aufs Konto?“, erinnert sich die heute 27-Jährige. Als dann das erste Mal das bedingungslose Grundeinkommen bekam, wurde ihr klar: „Du hast das jetzt wirklich gewonnen und das bleibt jetzt auch. Du hast jetzt erstmal nicht wirklich Geldsorgen.“

Es war einfach surreal

Das Grundeinkommen, das Frauke gewonnen hat, wurde vom Verein „MeinGrundeinkommen“ verlost. Durch die Verlosung der Grundeinkommen wolle man den eher theoretischen Diskurs rund um das Grundeinkommen mit Erfahrungen aus der Praxis bereichern, so Maheba Goedeke Tort, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit bei dem Verein. „Es gab in Deutschland noch kein Pilotprojekt. Deshalb haben wir einfach angefangen, mit Crowdfunding Geld zu sammeln, das an Menschen zu verlosen und dann von deren Erfahrungen mit Grundeinkommen zu berichten“, so Goedeke Tort.

„So vielfältig, wie die Gewinnerinnen und Gewinner sind, so vielfältig sind auch die Erfahrungen“, berichtet sie. Es gebe Menschen, die sich weiterbilden, die sich etwas kaufen, wovon sie schon lange träumen, die reisen, sich von Hart IV abmelden oder durch das Grundeinkommen besser mit einer schweren Krankheit umgehen konnten.

Großzügiger im alltäglichen Leben

Frauke hat zwei Wochen nach ihrem Grundeinkommens-Gewinn einen Wochenendtrip gemacht. „Das war einfach mal dringend nötig. Mal wieder raus und wieder etwas von der Welt sehen“, sagt sie. Im alltäglichen Leben sei man großzügiger gewesen. „Das war ein sehr angenehmes Gefühl, Menschen am Straßenrand einfach ein, zwei Euro zu geben und zu sagen: Du brauchst es mehr als ich und ich kann darauf verzichten“, erinnert sie sich. Sie habe einfach gewusst, dass sie nicht am Monatsende dastehen würde und jeden Cent umdrehen müsste.

Sie fand es immer toll, dass Menschen sich mit einem Grundeinkommen ihren Traum verwirklichen oder ein eigenes Geschäft aufbauen können. „Das war jetzt aber alles nicht das, was ich gemacht habe, weil ich eben mitten im Studium war“, sagt sie. Deswegen habe sie manchmal das Gefühl, zu wenig mit dem gewonnenen Geld gemacht zu haben.

Das würden einige Gewinner berichten, so Maheba Goedeke Tort. Zum Teil würden die Gewinnerinnen und Gewinner einen gewissen Druck spüren, etwas besonders Außergewöhnliches mit ihrem Grundeinkommen anzustellen, sagt sie. Wenn alle ein Grundeinkommen bekämen, wäre der Umgang damit sicher noch entspannter, meint sie. Sie ist sicher, dass sich dann das kreative Potential der Menschen komplett entfalten könnte.

Ich könnte mir vorstellen, dass sich gerade die mentale Gesundheit verbessern würde

Sie glaubt, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen vor allem Sicherheit bietet. „Ich könnte mir vorstellen, dass sich gerade die mentale Gesundheit verbessern würde“, sagt sie. Dadurch, dass die Menschen weniger Stress und Existenzängste hätten, könnten Krankheiten wie Burnout und Depressionen abnehmen. Außerdem sei es spannend zu sehen, welche Berufe die Menschen ausüben, wenn sie nicht mehr gezwungen sind, jeden Job anzunehmen.

Frauke Grützmacher findet ein bedingungsloses Grundeinkommen gerade im Studium besonders hilfreich. Nicht immer hätte man die Möglichkeit, in dem Beruf zu arbeiten, für den man auch studiert. Mit einem Grundeinkommen könne man in einem Beruf arbeiten, in dem man auch etwas dazu lerne. Oder man könne sich eben auch entscheiden, sich voll und ganz auf das Studium zu konzentrieren, so die 27-Jährige.

Kritikpunkt: Bedingungslosigkeit

Kritiker des Grundeinkommens bemängeln vor allem die fehlenden Bedingungen. „So etwas wie Bedingungslosigkeit gibt es eigentlich nicht“, sagt Prof. Dr. Dominik Enste, Wirtschaftsethiker und Verhaltensökonom am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. „Wenn man in Experimenten schaut, wann Menschen bereit sind, einem anderen etwas zu geben, dann ist das immer, wenn derjenige auch eine Gegenleistung erbringt“, sagt er. Das könne Bedürftigkeit sein oder eine Leistung, die anderen zugutekommt. Er bezweifelt aber, dass die Menschen bereit wären, Unbekannten ohne jede Bedingung etwas von ihrem eigenen erwirtschafteten Geld abzugeben.

Die Menschen könnten sich irgendwann daran gewöhnen, dass der Staat sie jetzt vollständig unterstützt

Aber würden die Menschen auch mit einem gesicherten Grundeinkommen arbeiten gehen? Prof. Dr. Enste sieht die Gefahr, dass mit einem Grundeinkommen die Arbeitsmoral verloren gehen könnte. „Die Menschen könnten sich irgendwann daran gewöhnen, dass der Staat sie jetzt vollständig unterstützt“, gibt er zu bedenken.

In Ländern mit einer anderen Arbeitsmoral seien Menschen ohne Job zufriedener. In Deutschland seien diese Menschen wesentlich unzufriedener mit ihrem Leben. „Ich sehe tatsächlich die Gefahr, dass es am Anfang noch funktioniert, aber in späteren Generationen der Wunsch nach Arbeit wegfällt und die Menschen dadurch auch nicht zufriedener werden“, so Enste. Den Menschen würde dann ein Sinn fehlen, denn auch die Strukturierung des Alltags durch Arbeit falle weg. Diese Struktur vermittle den Menschen auch Sicherheit und eine Bedeutung für die Gesellschaft.

Eine Diskussion, wie die aktuelle Debatte um das Grundeinkommen, komme meistens auf, wenn es das Gefühl gebe, man hätte besonders viel zu verteilen, so der Verhaltensökonom. Auch die Digitalisierung und die Angst, dass Jobs verloren gehen könnten befeuere diese Debatte.

Wie soll das Grundeinkommen finanziert werden?

Um ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle zu finanzieren, bräuchte es eine komplexe Veränderung des Steuersystems. Dort gebe es verschiedene Möglichkeiten, so Enste: Steuern könnten anstatt als Einkommenssteuer als Konsumsteuer erhoben werden, man würde also nur dann Steuern zahlen, wenn man Güter und Dienstleistungen konsumiert. Die Einkommenssteuer könnte auf bis zu 60 Prozent erhöht werden. Es könnte eine Digitalsteuer geben, die von Robotern bezahlt werden soll. Kapital und Vermögen könnte höher besteuert werden, es könnte eine Finanztransaktionssteuer geben.

Der Fokus liegt meistens auf den Grundeinkommens-Empfängern, nicht auf denen, die das Grundeinkommen finanzieren

„Problematischer als die Finanzierung ist für mich, dass man eine Operation vornimmt, deren Auswirkungen man noch nicht absehen kann – und das in einer Situation, in der es den Menschen in Deutschland und auch der Schweiz so gut geht wie nie zuvor“, sagt Enste. Bei Experimenten sei die Finanzierung eine andere. Der Fokus liege meistens auf den Grundeinkommens-Empfängern, nicht auf denen, die das Grundeinkommen finanzieren. Eine freiwillige Spendenfinanzierung sei kein Problem. Schwieriger werde es bei „Zwangssteuern, die das vermeintlich entspannte Leben eines anderen finanzieren“, so Enste.

Bedingungsloses Grundeinkommen: Eine Lösung für die Entwicklungspolitik?

Ein bedingungsloses Grundeinkommen in Deutschland hält Prof. Dr. Enste für unwahrscheinlich und auch nicht für wünschenswert. Für ihn ist es sinnvoller, das bewährte System schrittweise weiterzuentwickeln, als ein komplett neues aufzubauen.

Stattdessen könnte er sich das Konzept als neuen Weg in der Entwicklungspolitik für sehr arme Länder beispielsweise in Afrika vorstellen. So müsste man nicht mehr mit möglicherweise korrupten Herrschern zusammenarbeiten und könnte sichergehen, dass das Geld auch bei den Menschen vor Ort ankomme, beispielsweise durch eine Auszahlung auf das Smartphone.

Ein entspannteres Leben

Einfach so Geld zu bekommen, daran hat sich Frauke in dem einen Jahr mit Grundeinkommen nie ganz gewöhnt. „Es war einfach surreal“, sagt sie. Selbst nach zehn Monaten sei sie noch immer unruhig geworden, wenn das Geld einmal erst am dritten Tag des Monats kam. „Ich dachte dann immer: Kommt das jetzt noch oder doch nicht mehr?“, erinnert sie sich.

Ihr persönliches Fazit: Das Grundeinkommen hat ihr Leben entspannter gemacht – auch zwischenmenschlich. „Das hat mit unglaublich gutgetan, weil ein Stressfaktor plötzlich aus meinem Leben rausgefallen ist.“

Der Verein MeinGrundeinkommen

Der Verein Mein Grundeinkommen setzt sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein und sammelt per Crowdfunding Geld. Immer, wenn 12.000 Euro zusammenkommen, bekommt eine Person ein Grundeinkommen für ein Jahr.

Das macht der Verein inzwischen seit einigen Jahren und hat so inzwischen mehr als 250 Grundeinkommen finanziert. Der Verein hat nach eigenen Angaben rund 85.000 Dauerspender, die jeden Monat Geld für ein bedingungsloses Grundeinkommen spenden. Der Verein selbst erprobt neue Formen von Arbeit. So gibt es beispielsweise keine Chefs/Chefinnen und die MitarbeiterInnen arbeiten selbstorganisiert. Außerdem wird in dem Verein das Gehaltsmodell des Bedarfsprinzips praktiziert. Das bedeutet, dass „jeder so viel Geld im Monat bekommt, dass man den Kopf frei hat“, so Maheba Goedeke Tort. So könnten zum Beispiel Menschen mit Kindern einen höheren Bedarf haben als Menschen ohne Kind – und erhalten dann dementsprechend mehr Geld. Auch kann im Grunde genommen jeder „so viel Urlaub nehmen, wie er oder sie braucht“, so Goedeke Tort. Außerdem bedeutet „Vollzeit“ bei MeinGrundeinkommen eine 4-Tage-Woche.

 

Einen Kommentar der Autorin zum Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen“ lest ihr hier.

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