Jusos und Junge Union: Sind Minijobs ein Problem?

In Berlin streitet die Groko um Entscheidungen, die bestimmen, wie wir in Zukunft leben werden. Was sagen die jungen Mitglieder der Parteien zu den Streitthemen? KURT hat zwei junge Dortmunder Politikerinnen an einen Tisch voller Themen gesetzt.

Von Minijob zu Minijob zu Minijob, das ist für viele Menschen Realität. Über sieben Millionen 450-Euro-Beschäftigungsverhältnisse gibt es in Deutschland. Damit hat sich das Niveau nach der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns kaum gesenkt – anders als erhofft.

Laut der Bundesarbeitsagentur sind 2,8 Millionen Menschen (Stand Juni 2018) auch noch zusätzlich zu ihrem sozialversicherungspflichtigen Job in einem anderen Minijob tätig. Diese Zahl hat sich im Vergleich zu 2003 (980.000) fast verdreifacht.

Minijobber verdienen aber nicht nur wenig, sie zahlen außerdem keine Sozialversicherungsabgaben – das wirkt sich später auf die Rente aus. Studierenden bieten Minijobs Vorteile: Viele nutzen die Zeit nach den Vorlesungen oder das Wochenende und Kellnern, verteilen Flyer, geben Nachhilfe, sitzen an der Kasse oder arbeiten als studentische Hilfskraft. Dafür bekommen sie genauso viel Netto- wie Brutto-Lohn.

Seht ihr Minijobs als Chance oder Problem?

Indra: Es ist beides. Also in meinem Studium war es so, dass ich mich gefreut habe, einen Minijob machen zu können. Das hat mir die Möglichkeit eröffnet, gleichzeitig zu studieren und meinen Lebensunterhalt in größten Teilen selbst zu finanzieren. Was ich problematisch finde, ist, wenn Menschen in ihrem Vollzeitjob so wenig verdienen, dass sie gezwungen sind noch einen Minijob anzunehmen. Dann muss man darüber sprechen, was ist mit den Vollzeitarbeitsverhältnissen, die dahinterstehen? Warum sind die so schlecht bezahlt, dass man da offensichtlich nicht mit über die Runden kommt?

Sarah: Ich habe auch einen Minijob, aber hoffe eben, dass das nicht immer so bleibt. Es gibt Phasen im Leben, da ist das gut, wenn man keine Steuern zahlen muss und so. Aber das ist eben kein sozialversicherungspflichtiger Job und das birgt ganz große Probleme für die Rente später. Deswegen kann natürlich nicht das Ziel sein, dass sich Menschen nur durch Minijobs über Wasser halten. Es gibt ja auch einige, die haben mehrere Minijobs nebeneinander. Das darf kein Dauerzustand sein, aber man kann es auch nicht verbieten.

Sarah Beckhoff

  • Kreisvorsitzende der Jungen Union Dortmund
  • 24 Jahre alt
  • studiert VWL
  • Seit 10 Jahren bei der JU
Indra Paas

  • Kreisvorsitzende der Jusos Dortmund
  • 26 Jahre alt
  • Sozialarbeiterin
  • Seit 10 Jahren bei den Jusos

Was kann man dann dagegen tun?

Sarah: Da sind wir wieder bei der Frage Qualifizierung. Also: Wie kriege ich es hin, aus dieser prekären Situation herauszukommen und Vollzeitstellen zu finden? Nichtsdestotrotz muss man auch anerkennen, wenn Menschen mehrere Minijobs haben. Da kommt wahrscheinlich nicht viel mehr bei rum, als würden sie Hartz IV beziehen – nicht unbedingt am Ende des Monats, aber beim Thema Rente.

Indra: Ich finde es einfach super schwierig, wenn es Arbeitgeber*innen gibt, die ihre gesamte Arbeitnehmer*innenschaft nur aus Minijobs speisen. Einfach nur um zu umgehen, dass man da Sozialversicherungsabgaben zahlen muss. Ich glaube, dass wir dagegenwirken müssen. Das wirkt sich nämlich auf das Arbeitsklima und letztendlich auf die Qualität der Arbeit aus. Ich kenne das aus der Pflege. Wenn Menschen dort nur einmal in der Woche arbeiten, ist es super schwierig, eine Beziehung zu den Betreuten aufzubauen. Und es kennt sich nicht mal das ganze Team. Das muss man auf jeden Fall eingrenzen.

Wie wird ein Minijob versichert?
  • Arbeitgeber zahlt: Krankenversicherung, Rentenversicherung, Unfallversicherung
  • Arbeitnehmer zahlt: Rentenversicherung, kann sich aber auf Antrag auch befreien lassen.
  • Keine Arbeitslosen- und Pflegeversicherung

Kurzfristige Beschäftigungen (unter drei Monaten/ 70 Tagen im Jahr) zählen nicht als ein solcher 450-Euro-Job. Hier müssen bis auf die Unfallversicherung keine Beiträge zur Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung gezahlt werden.

Wie kann so eine Eingrenzung aussehen?

Indra: Zum Beispiel könnte ich mir vorstellen, dass man es über eine Prozentzahl macht. Dass man zum Beispiel in der stationären Pflege ein Team hat, in dem 20 Leute Vollzeit angestellt sind. Nur der Rest darf dann im Minijob angestellt sein. Dann kann man über Regelungen sprechen, dass Minijobber vor allem im Nachtdienst kommen oder so.

Würdest du so eine Idee auch unterstützen, Sarah?

Sarah: Prinzipiell glaube ich eigentlich, dass der Arbeitgeber das ganz gut selber weiß, was gut für sein Unternehmen ist und was nicht. Auch, weil sich solche Sachen wie Arbeitsklima, Motivation und so weiter auf die Qualität der Arbeit auswirken und es  auch für ihn mehr Sinn ergeben müsste, wenn er nicht alles komplett aus Minijobbern meistert. Das ist aber komplett abhängig von der Branche: Ob ich jetzt ein Pflegeheim, eine Eisdiele, eine Zeitungszustellung oder einen DAX-Konzern leite. Da wird man schon Unterschiede sehen, wo es Sinn macht, Minijobber einzustellen oder nicht. Nur es darf eben nicht als Instrument missbraucht werden. Als Arbeitgeber habe ich ja auch Kostendruck auf der einen Seite und da denke ich nicht, dass der Arbeitgeber das nicht sieht oder schätzt, was Menschen in Vollzeit-Beschäftigung leisten. Die meisten Arbeitgeber sind da, glaube ich, auf einen guten Mix bedacht, aus Eigeninteresse heraus.

Beitragsbilder: Pia Stenner

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