„Transbekannt e.V.“: Ein Weg zu mehr Akzeptanz von Transgender

Wer im falschen Körper geboren wurde, hat es nicht leicht. Die Identitätsfindung, das Ausleben davon, bis hin zum Kampf um die gesellschaftliche Akzeptanz. Erst am Montag (15.04.2019) wurde in Dallas eine Transgender-Frau auf offener Straße verprügelt. Und das ist kein Einzelfall. Das Bundesministerium registrierte 2017 über 300 homophobe oder transphobe Straftaten. Bei „Transbekannt e.V.“, einem gemeinnützigen Verein in Dortmund, sollen sich Transsexuelle frei fühlen und austauschen können.

Mandy hat Transbekannt e.V. gegründet, nachdem sie selbst von einem Mann zu einer Frau wurde. Viele Jahre hat Mandy als Mann gelebt, obwohl sie schon mit fünf gemerkt hat, dass sie anders ist. Öffentlich als Frau zu leben, hat sie sich lange nicht getraut. Nur abends mal Zuhause hat sie sich als Frau zurechtgemacht und ausgelebt, was eigentlich ihr Herzenswunsch war. Aber wenn es an der Tür geklingelt hat, hat sie sich schnell wieder umgezogen. Irgendwann war der Leidensdruck zu groß, die gefühlte Identität zu verstecken. 2005 kam der Zusammenbruch. „Es ging einfach nicht mehr, ich konnte so nicht mehr leben“, erzählt Mandy. Sie ist zu einer Selbsthilfegruppe in Herne gegangen. Das war der Anfang – der Anfang vom neuen Leben als Frau. Sie nennt sich transident – ein anderer Ausdruck für transsexuell. Für sie steckt in dem Wort aber zu viel Sex: „Es geht mir nicht um Sex, es geht mir um Identitäten“. Mit zwei weiteren Transidenten gründete Mandy 2007 die Selbsthilfegruppe Transbekannt, die jetzt als gemeinnütziger Verein eingetragen ist. Dort hat sie nach der Arbeit ihre ganze Energie reingesteckt. Es begann mit einem Notfalltelefon und regelmäßigen Treffen.

„Transbekannt e.V. ist mein Kind.“

Ihre Transidentität lebte Mandy lange nur privat aus. Auf der Arbeit erschien sie weiterhin als Mann. Als Mandy den Bescheid der Behörden bekam, dass sie jetzt als Frau eingetragen ist, hat sie mit ihrem Chef gesprochen. Für sie wirkte alles so, als wäre es für keinen ein Problem: „Angst hatte ich nicht, ist ja meine Sache. Aber ich hatte schon Bedenken, wie meine Arbeitskollegen reagieren.“ Wie sie reagieren, merkte sie dann deutlich. Das Mobbing begann. Sie dürfe nicht die Frauentoilette benutzen. Ihre Aktenordner, die sie bearbeitete, verschwanden. Irgendwann war es für sie so schlimm, dass sie dort nicht mehr arbeiten gehen wollte. Worüber sie sich heute ärgert, ist, dass sie nicht wusste, dass man solche Diskriminierungen anzeigen kann. Informationen, die sie jetzt bei Transbekannt e.V. weitergeben möchte. Bis zu 2000 Anrufe sind auf dem Notfalltelefon bei Transbekannt e.V. mittlerweile eingegangen. Heute ist das Telefon auch rund um die Uhr besetzt. „Es rufen ganz unterschiedliche Menschen an. Betroffene, Angehörige, aber auch Menschen, die sich einfach dafür interessieren“, so Mandy. Zwei bis dreimal die Woche bietet Transbekannt e.V. auch eine persönliche Beratung an. „Im Moment haben wir auch viele Jugendliche, die das Angebot nutzen.“

„Die neue Generation an Transidenten ist viel mutiger.“

Letztes Jahr beim Stadtfest „DORTBUNT“ hatte Mandy auch einen Stand für Transbekannt e.V. Da wären viele junge Transidenten zu ihr gekommen. Und auch im Moment kämen viele Jugendliche zu ihren Treffen. Vor allem seit 2014 habe sich einiges getan. „Transident zu sein, ist nicht mehr so ein Tabuthema, wie es mal war“. Auch wenn es immer noch eine Grauzone ist, wird das Thema besprochen. Akzeptiert sei man aber nur zu Teilen.“ Übergriffe, Anfeindungen und Diskriminierung gehören immer noch ab und an zu unserem Leben“. Mandy wurde selbst Opfer von Gewalt: An einer Bushaltestelle wäre sie auch schon mal angegangen worden. Trotzdem: „Es tut sich endlich was in NRW.“ Für ganz Deutschland würde sie nicht sprechen. Es müsste mehr Unterstützung für Vereine geben und „man dürfe einfach nicht so tun, als würde es uns nicht geben.“ Gesicherte Zahlen dazu, wie viele Menschen transident oder transsexuell sind, gibt es nicht. Doch laut der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität sind 0,25 Prozent aller geborenen Kinder trans*.

„Es geht doch um den Menschen, nicht um die Kleidung, die er trägt.“

Die ersten Schritte in die richtige Richtung seien laut Mandy gemacht – unter anderem durch öffentliche Veranstaltungen und der Thematisierung in den Medien. Seit dem letzten Jahr gelten Transgender-Menschen auch in der neuen Krankheitsklassifikation der Weltgesundheitsbehörde (WHO) nicht länger als krank: Transsexualität wird jetzt unter dem Überbegriff „sexueller Gesundheitszustand“ („sexual health condition“) geführt und als „Geschlechtsinkongruenz“ bezeichnet. Zugrunde liegt nun nicht mehr ein einfaches Zweigeschlechter-Modell, in dem ein Mensch eindeutig weiblich oder männlich sein muss. Die Autoren hatten deshalb dafür plädiert, Transsexualität aus der International Classification of Diseases (ICD) der WHO zu streichen. In Ländern wie Dänemark oder Frankreich gelten Transsexuelle schon seit längerem nicht mehr als psychisch krank. Aber Mandy sagt auch, dass ihnen diese Änderung nicht so viel bringen würden. Alles sei ein für und wieder. Denn Transidentitäten haben häufig einen großen Leidensdruck und damit eingehende psychische Erkrankungen. Die Hilfen von der Krankenkassen seien auch noch überarbeitungsbedürfitg. Gerade auch für Transidenten, die keinen Therapieplatz bekommen, soll „Transbekannt e.V.“ eine Anlaufstelle sein.

 

Beitragsbild: unsplash/Peter Hershey

Foto: privat

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