Wieso die Zeit im Escape Room so schnell vergeht

 

Escape Rooms sind momentan zu einem echten Trend geworden: Kaum eine Großstadt hat nicht mindestens einen, kaum jemand hat noch nicht von ihnen gehört. Doch was ist es, das Escape Rooms zu dem macht, was sie sind? Zwei Wissenschaftler analysieren eine Stunde lang eine Beispielgruppe und erklären, was es damit auf sich hat.

Mal wird ein Schrank aufgemacht, mal eine Schublade – nichts. Selbst die Blumen werden aus dem Topf gehoben – wieder nichts. Haben die Schriftzeichen hier etwas zu bedeuten? So oder ähnlich laufen viele Szenen in Escape Rooms ab. Auch im Think Square, einem Escape Room im Herzen Bochums. Dort spielen Gruppen seit drei Jahren im Wettlauf gegen die Zeit. Das Start-Up legt laut eigenen Angaben seinen Fokus dabei vor allem auf „echtes Teamwork in spielerischer Atmosphäre“.

Fünf Spieler, alle zwischen 22 und 24 Jahre, spielen als Kurt-Testgruppe einen Raum in dem Escape Room. Sie kennen sich seit der Schulzeit. Ob ihnen das aber zum Vorteil wird, werden die nächsten 60 Minuten zeigen. Denn bis jetzt war nur einer von ihnen schon vorher in einem Escape Room. Fabienne Aust und Marek Bartzik, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorand an der Fakultät für angewandte Psychologie der Ruhr-Universität Bochum, sitzen währenddessen hinter den Kulissen und können mit Bildschirmen und Kopfhörern die Gruppe beobachten. Sie schauen sich an, wie sich die Gruppe im Escape Room verhält.

Tipps für ein besseres Gruppenklima und weniger Frustration

Zu Beginn der Spielzeit kommt erst einmal die Findungsphase. „Alles ist total chaotisch, es ist noch nicht klar, wer welche Rolle hat“, sagt Fabienne Aust. Die erfahrungsgemäß größten Probleme seien am Anfang Angst und Unsicherheit. „Viele müssen sich erst einmal überwinden, Sachen auszuprobieren. Das kennt man aus dem Alltag so nicht“, erläutert Elena Hagner vom Team des Escape Rooms. Dennoch muss sie den ersten Tipp erst nach circa 15 Minuten gegeben. Nur die wenigsten Gruppen schaffen es ganz ohne Tipps durch einen Escape Room. Häufig muss der Gamemaster, also derjenige, der die Gruppe die ganze Zeit beobachtet und betreut, einen einleitenden Tipp geben, damit die Gruppe weiterkommt.

Fabienne Aust und Marek Bartzik beobachten die Gruppe hinter den Kulissen.

„Wir wollen ja, dass die Menschen ein Erfolgserlebnis haben“, betont Hagner. Enttäuschung tue einerseits dem Geschäft, andererseits dem Klima innerhalb der Gruppe nicht gut. Denn sonst komme sehr schnell die Frustration. „Deswegen geben wir auch Tipps, wenn wir meinen, die brauchen welche und nicht, wenn sie danach fragen. Manche sind da nämlich einfach zu eitel zu.“ Dabei gehe es nicht darum, das Rätsel für die Teilnehmer zu lösen, sondern nur einen Gedanken, der bereits gefallen ist, nochmals zu betonen.

Mittlerweile bilden sich einzelne Spielertypen deutlich heraus. „Es gibt die, die jetzt einfach wild drauflos probieren. Und es gibt welche, die sehr intensiv die Hinweise lesen und das Konzept hinter allem verstehe wollen“, erläutert Aust. Oft gebe es eine Person, die den übergeordneten Blick für alles hat. Das ist der Anführer. Er koordiniert und leitet die Gruppe und sagt, wo es lang geht. Doch bei dieser Testgruppe gibt es immer einen anderen Anführer. Nach fast jedem neuen Hinweis oder jeder neuen Lösung wechseln die Rollen. „Der andere hat vielleicht einen anderen Lösungsansatz und kann neue Ideen hineinbringen“, so Fabienne Aust. Manchmal verrenne man sich ja auch ein bisschen. Trotzdem sind beide Wissenschaftler darüber erstaunt.  „Es kann natürlich sein, dass die Rollen so oft wechseln, weil die fünf sich schon so lange kennen und wissen, wer wo seine Stärken hat“, sagt Bartzik.

Jeder Teilnehmer hat sein Expertenwissen 

Doch die Spielertypen der anderen bleiben in der Regel immer gleich. „Da sieht man, dass jeder seine Rolle hat – sein Expertenwissen und sein individuelles Einfühlungsvermögen“, weiß Bartzik. Da ist der Zeitmanager, der die anderen erinnert, wenn es mit der Zeit langsam knapp wird: „Leute, wir haben nur noch 15 Minuten, wir müssen uns ranhalten“, sind einige seiner Kommentare. Wenn es um das Zeitgefühl geht, hat er den Gesamtüberblick. Währenddessen bewahrt der Beziehungsmanager das Teamklima, klopft den anderen ermutigend auf die Schulter. Damit hält er nicht nur alle zusammen, sondern motiviert gleichzeitig die gesamte Gruppe. Der Explorer wiederum ist eher praktisch veranlagt und fasst viel an. Während andere überlegen, muss er alles einfach ausprobieren: Ein Zahlenschloss mit vier Zahlen knacken, wovon nur drei bekannt sind? Er versucht es trotzdem. Der Beobachter wiederum ist das genaue Gegenteil. Er nimmt alles genau in Augenschein und zieht aus seinen Beobachtungen erst einmal für sich selbst Schlussfolgerungen.

So sieht es für Gamemaster aus, wenn sie die Gruppe hinter den Kulissen beobachten.

Aber was das vorangehende Gefühl von Adrenalin und Nervenkitzel im Escape Room wirklich ausmacht, ist der sogenannte „Team Flow“. Dieses Flow-Erleben ist nämlich „das Aufgehen in einer herausfordernden Tätigkeit, das durch Stress und Zeitdruck nochmals verstärkt wird“, so erklären es die beiden Wissenschaftler der RUB. Und auch beim Team-Flow haben alle ein gemeinsames Ziel, jede Aufgabe hängt von der anderen ab und jedes Teammitglied findet seinen eigenen Platz in dieser Aufgabe.

Dass die Gruppe sich immer wieder neu sortiert, kann sie aus dem Flow bringen. Kann – muss aber nicht, meint Bartzik: „Was zählt, ist allein das, was die Person selbst erlebt, mehr nicht.“ Oft sagen Probanden von Flow-Experimenten anschließend, dass die Zeit wie im Fluge vergangen ist, sie gar nichts anderes in ihrer Umgebung mehr mitbekommen haben. Kurz nach dem Flow sprechen Probanden von Erfolgserlebnissen, Glücksgefühlen und Adrenalin.

Flow kann nur erfragt und nicht gemessen werden

 „Flow kann man als Außenstehender nicht sehen, dafür gibt es leider noch keine Indikatoren“, erläutert Aust. Es gibt keine festen Werte wie Herzfrequenz, an denen man das festmachen kann. Das erforschen Wissenschaftler aktuell noch. Bis jetzt wird das Flow-Erleben immer erfragt. Ist die Zeit schneller vergangen? Hatten die Personen die Situation im Griff? Nach dem Flow fühle man sich wohler und entspannt, auch nach einer stressigen Situation. Denn das zeichne das Flow-Erleben schließlich aus: positiver Stress.

Immer wieder kommen die Teilnehmer der Testgruppe zusammen und stecken wortwörtliche ihre Köpfe zusammen und überlegen. „Dadurch, dass die Gruppe jetzt in der Endphase zusammensteht, entsteht auch erst ein größeres Mindset“, sagt Bartzik. Mindset – Das ist die Art und Weise, wie die jeweiligen Personen kombinieren und denken. Doch vor allem am Ende merkt man: Die Kommunikation innerhalb der Gruppe wird wilder, alle rennen durcheinander, reden lauter und hektischer. „Da ist jetzt nichts mehr geordnet, jetzt fängt der Stressmoment so wirklich an“, so Bartzik. Für ihn ist das nicht verwunderlich. Für Hagner schon. „Ich habe schon viele Gruppen an dieser Stelle gesehen, die meisten sind noch hektischer. Da sind die noch verhältnismäßig ruhig.“

 

Tim, Andi, Philipp, Julius und Mark haben es geschafft: Innerhalb von 56 Minuten konnten sie alle Rätsel im Escape Room lösen.

Die Rätsel im Escape Room vom Think Square sind nach gut 56 Minuten alle gelöst. An vielen Stellen hat die Testgruppe anders gearbeitet, als die meisten anderen Gruppen. Aber das macht Escape Rooms und den Flow aus. Immer passieren unerwartete Dinge, Rollen verändern sich, werden umgeschmissen, um neue Ideen zu entwickeln. Die Antworten der Gruppe kurz nach dem Erlebnis deuten darauf hin, dass die Gruppe wirklich im Team Flow war. Und wer weiß, womöglich ist die Forschung bald so weit, dass Forscher auch von außen sehen können, ob Menschen im Flow sind oder nicht. Beispielsweise an Herzfrequenzen, an Atmung oder Adrenalinpegel. Doch bis dahin müssen Wissenschaftler sich auf die Aussagen der Gruppen verlassen.

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