Die Tür zu einem neuen Leben

In einer eigenen Wohnung zu wohnen gilt als selbstverständlich. Für Menschen, die einmal obdachlos waren, ist das anders: Viele wissen nicht mehr, wie der Herd oder die Waschmaschine funktionieren. Wohntrainings sollen ihnen helfen – eine Begegnung in der Nordstadt.

Als Adnan Mehmeti in die Hochhauswohnung in der Dortmunder Nordstadt zog, besaß er nur eine Tüte mit Unterwäsche, ein paar Dokumente, eine Kaffeetasse und die Kleider, die er am Körper trug. „Das erste, was ich gemacht habe, war die Wanne schrubben und baden“, sagt er, während er durch den Flur Richtung Schlafzimmer geht. Adnan heißt in Wahrheit anders, möchte aber nicht, dass seine Familie von seiner Geschichte erfährt. Er schaut aus dem Fenster: auf der einen Seite ein bepflanzter Garten und eine hellgraue Häuserwand, auf der anderen eine breite Straße. Dunkelrote Gardinen hängen am Fensterrahmen. „Das ist mein Zimmer“, sagt Adnan und zeigt auf ein gemachtes Bett und ein paar Kommoden an der linken Wand. Der Fernseher läuft, die Frau auf dem Bildschirm lacht schrill ins Zimmer hinein.

Adnan erinnert sich an sein erstes Mittagessen in der eigenen Wohnung: Spaghetti, sein Leibgericht. „Ich kann kochen, wann ich will, waschen, wann ich will, und sogar schlafen gehen, wann ich will. Das ist ein tolles Gefühl“, sagt er. Er setzt sich an den Tisch, wenige Meter vom Heizkörper entfernt. Auf der Theke in der Ecke stehen aufgereiht verschiedene Gewürzdosen, links Muskatnuss, rechts Paprikapulver. Es klingelt an der Tür und Adnan steht auf. „Das ist bestimmt Frau Totzke“, sagt er und eilt in den Flur. Heike Totzke arbeitet für die Diakonie, den Wohlfahrtsverband der Evangelischen Kirche. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen bringen Obdachlosen das Wohnen bei. Zurzeit unterstützen die Fachkräfte elf Dortmunderinnen und Dortmunder bei Hausarbeiten wie Wäschewaschen und Kochen.

Einer der Teilnehmer ist Adnan Mehmeti. Noch vor sieben Monaten hatte er weder ein eigenes Bett, noch eine Dusche oder einen Herd. Nach einem Unfall vor etwa sechs Jahren konnte er keine schweren Lasten mehr tragen und nur wenig laufen. Kurz darauf verlor er seinen Job als Lagerarbeiter in Köln. „Ich bin wie ein Roboter, hab’ eine Betonplatte im Kopf“, sagt der 55-Jährige und fährt sich mit der Hand durch die kurzen dunkelgrauen Haare.

 

Wie ein fliegender Luftballon

Adnans Beziehung zerbrach. Er zog zurück nach Albanien zu seiner Mutter. Bleiben wollte er nicht, er sehnte sich zurück nach Deutschland. „Bei meiner Rückkehr am Düsseldorfer Flughafen stand ich da und überlegte, wo ich hinsoll“, sagt er. Seine Wohnung in Köln hatte er aufgegeben, die Miete war nach der Trennung für ihn allein zu hoch. In Düsseldorf gab es keine bezahlbaren Hotelzimmer. Adnan entschied, nach Dortmund zu fahren. „Ein totaler Zufall“, wie er sagt. Nach einigen Übernachtungen in Dortmunder Hotels bemerkte er, dass er kein Arbeitslosengeld erhalten hatte, das Konto war leer. Adnan zufolge war ein Fehler im Kündigungsschreiben daran schuld. Ein Hotelzimmer konnte er nicht länger bezahlen – und plötzlich war er wohnungslos. Etwa vier Jahre waren seit dem Unfall vergangen. An diese Zeit erinnert sich Adnan nur ungern. „Drei Monate habe ich in Männerübernachtungsstellen gewohnt, draußen war es nachts zu kalt“, erinnert er sich.

Claudia Dörholt, Beraterin beim Wohntraining der Diakonie, hat oft erlebt, wie schnell Menschen obdachlos werden. Sie unterstützt Betroffene bei der Wohnungssuche, der Haushaltsführung und bei Behördengängen. „Oft geht eine Beziehung in die Brüche, die Leute lassen sich hängen, bearbeiten keine Anträge mehr oder geraten sogar in eine Sucht“, sagt sie. Dann kämen die ersten Mahnungen und schließlich der Brief zur Räumung der Wohnung. Mit der Obdachlosigkeit beginne der Teufelskreis. Adnan kennt das: „Als wäre man ein Luftballon, der mal nach Norden, mal nach Osten fliegt, je nachdem, wie der Wind heute weht“.

Seit dem Jahr 2007 gibt es das Wohntraining. Das Sozialamt der Stadt Dortmund und die Diakonie organisieren es, um Frauen und Männer, die über lange Zeit in Übernachtungsstellen untergekommen sind, von der Straße zu holen und die Hilfsangebote zu entlasten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wohnen für etwa sechs Monate in Zweier-WGs in der Nordstadt. Die Wohnungen gehören der Diakonie und werden von der Stadt gemietet. Nach Ablauf der Zeit entscheiden die Betreuerinnen und Betreuer, welche Wohnform für die Klientinnen und Klienten in Frage kommt. „Manche können in eine eigene Wohnung ziehen, andere brauchen psychologische Beratung oder ambulante Hilfe“, sagt Dörholt.

Frau Totzke hilft beim Einkaufen

Heike Totzke ist seit sechs Jahren Mitarbeiterin im Hauswirtschaftsbereich und im Projekt „Wohntraining“ der Diakonie. Sie kramt in ihrer großen Tasche, holt Softdrinks raus, eine Kaffeekanne und eine Tüte Milch. „Frau Totzke“ besucht die Klientinnen und Klienten des Wohntrainings nach Bedarf. Manchen bringt sie das Kochen bei, anderen hilft sie bei der Körperhygiene, beim Putzen oder Wäschewaschen – jedoch nur auf Wunsch. „Ich kann mich ja nicht aufdrängen“, sagt sie, während sie ein Paket Zucker aus der Tasche kramt. Die 55-Jährige mit den kurzen blonden Haaren schaut Adnan durch die tiefsitzende Brille an. Bei ihm müsse sie seltener vorbeikommen. Sieben Monate wohnt er bereits in einer der sechs Hochhauswohnungen, die die Diakonie gemeinsam mit der Stadt führt. „Frau Totzke“ gibt Adnan Tipps, wie er Geld sparen und mit kleinem Budget einkaufen kann. „Herr Mehmeti ist ganz fit, es gibt auch Klienten, zu denen muss ich mehrmals in der Woche“, sagt sie. Adnan holt Tassen aus dem Wandregal, Heike Totzke gießt den Kaffee ein.

In Köln hat Adnan Familie. Eine Tochter, eine Schwester, Nichten und Neffen. „Aber die wissen nicht, dass ich obdachlos war, meine Tochter soll nicht enttäuscht von mir sein“, sagt er. Sie mache aktuell einen Auslandsaufenthalt. Der Rest der Familie denkt, Adnan schlafe bei Freunden. „Damals war meine Schwester einmal in der Gegend und ich habe mich nicht getraut, sie zu besuchen. Ich dachte: ‚Vielleicht rieche ich komisch und sie merkt etwas’“, sagt er. So gehe es laut Frau Totzke vielen, die auf der Straße leben. „Sie schämen sich, weil sie so tief gesunken sind und selbst nicht wissen, wie das passieren konnte“.

„Ich bin ein Frühaufsteher“

Auf der Straße sei für ihn jeder Tag gleich abgelaufen, sagt Adnan. Um Viertel vor acht mussten alle Wohnungslosen die Übernachtungsstelle bis zwölf Uhr verlassen. Nach einem Kaffee in der Obdachloseneinrichtung „Gast-Haus“ ging es weiter zur Diakonie. An die wandte sich der Teilnehmer auch, als er Dokumente für den Antrag beim Jobcenter vorbereitete. „Man musste postalisch erreichbar sein, eine Adresse angeben und die hatte ich nicht“, erzählt Adnan.

Von dort ging es spät abends wieder in die Übernachtungsstelle. Drogenabhängige und Alkoholkranke gehörten dort zu Adnans Bekanntenkreis. „Es gab auch viele, die psychisch krank waren“, sagt er. „Alle waren sehr hilfsbereit, aber das war nicht meine Welt, ich wollte da nicht sein.“ Viele Obdachlose würden lieber draußen schlafen, sagt Heike Totzke. Sie hätten Angst, in der Übernachtungsstelle beklaut zu werden. Wichtige Dokumente und Wertgegenstände tragen die Gäste deshalb nah am Körper. „Ich habe den anderen sofort gezeigt, wo meine Grenzen sind, mit mir hat sich niemand angelegt“, sagt Adnan. Außerdem sei er ohnehin ein Frühaufsteher.

Über Claudia Dörholt kam Adnan schließlich ins Projekt „Wohntraining“. „Manchmal muss ein Mensch zur Ruhe kommen und kann sich seinen Problemen erst dann stellen“, sagt sie, „Das geht nicht, wenn man mit einem Ohr und einem Auge wach schlafen muss, weil man sich unsicher fühlt.“

Heute trinkt Adnan seinen Kaffee nicht mehr im Gast-Haus, sondern zu Hause oder in einem italienischen Café in der Siedlung. Jeden Abend geht er in der Nordstadt spazieren, um fit zu bleiben.

Schulden können ein Problem sein

„Viele kommen mit Freudentränen in das Projekt, weil sie endlich in ihren eigenen vier Wänden wohnen können. Das sind Erfolgserlebnisse, dafür mach’ ich das“, sagt Heike Totzke. Einen ihrer Klienten habe sie kürzlich getroffen. „Er schrie mir über die Straße hinweg zu: ‚Ich hab‘ jetzt ne Tür!’“, erinnert sich Totzke und lächelt.

Trotz dieser positiven Erfahrungen läuft das Wohntraining manchmal anders als geplant. „Es gibt Menschen, die das Projekt nicht ernst nehmen“, sagt Dörholt. Diese würden die Wohnung tagelang leer stehen lassen oder dort ihren Drogenkonsum ausleben. Diese Klientinnen und Klienten müssen das Projekt nach mehrfacher Ermahnung verlassen. Von den 37 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im vergangenen Jahr beendeten 28 das Wohntraining. Auch in anderen Städten gibt es diese Unterstützung. Die Drogenhilfe in Köln bietet Hilfe für Abhängige an. In Paderborn können beim Kreisverband „Lebenshilfe“ Menschen mit geistiger Behinderung das selbstständige Wohnen erlernen.

Ein großes Problem auf dem Weg zurück in die Normalität sind für viele Obdachlose Schulden. Kaum haben sie einen festen Wohnsitz, melden sich die Gläubigerinnen und Gläubiger. Hat eine Klientin oder ein Klient zu viele Schulden, um nach dem Training eine Privatwohnung zu beziehen, bietet die Diakonie Schuldenberatung und Hilfe durch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter an. Die Privatinsolvenz ist für viele unausweichlich, um die Altlasten loszuwerden. Lehnen sie diese Angebote ab, landen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach dem Training womöglich wieder in den Übernachtungsstellen.

Nach Hause kommen

Adnan nimmt den letzten Schluck Kaffee aus der Tasse und zündet sich eine Zigarette an. Die Küchenmöbel sind nicht seine und auch der Stuhl, auf dem er sitzt, gehört ihm nicht. Trotzdem ist diese Wohnung für Adnan der erste Schritt, um „zurück ins Leben zu kommen“. Er geht zum Fenster in seinem Schlafzimmer. Es ist dunkel, in einigen Zimmern des gegenüberliegenden Hauses brennt noch Licht. „Da ziehe ich am Wochenende ein“, sagt Adnan und zeigt auf ein großes dunkles Fenster schräg gegenüber. Er kann eine eigene Wohnung beziehen und erhält das Sozialgeld, das ihm zusteht. Mit Claudia Dörholt war Adnan Möbel kaufen. Ein graues Sofa und einen Teppich, hellgraue Gardinen, ein weißes Sideboard. „Herr Mehmeti ist stilsicher, bei ihm muss das Laken auch zur Bettwäsche passen“, sagt Dörholt.

Die neue Wohnung sei noch schöner als die, in der er die vergangenen sieben Monate verbracht hat, sagt Adnan. Wenn er nachts nicht schlafen kann, erstellt er Listen mit Dingen, die er für die neue Wohnung erledigen muss, oder sucht im Internet nach bezahlbaren Möbelstücken. Adnan holt eine Liste heraus, auf der „Badezimmer“ steht. Aufgeführt ist ein Duschvorhang für 9,99 Euro und eine Deckenlampe für den gleichen Preis. Kisten stehen trotz des geplanten Umzugs nicht in der Wohnung. „Alle meine Sachen sind noch in Köln, jetzt kann ich sie endlich holen“, sagt Adnan. Auch seine Familie kann er einladen: Seine Tochter, seine Schwester, Nichten und Neffen, die nichts von seiner Vergangenheit wissen. „Und das werden sie auch nie“, sagt Adnan. Die Zeit als Obdachloser wolle er hinter sich lassen.

Der Diakonie zufolge schafften in den letzten fünf Jahren 60 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die das Training beendeten, den Schritt in eine eigene Wohnung. Manchmal mit ambulanter Unterstützung – wie bei Adnan. Heike Totzke verabschiedet sich. Sie packt die Kaffeekanne und den Zucker zurück in die Tasche. „Soll ich Ihnen die Milch da lassen?“, fragt sie Adnan. Adnan überlegt. „Nein danke, hab meine eigene.“

 

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