EU-Check: In Deutschland sind die wenigsten Jugendlichen arbeitslos

 

In Deutschland geht es uns schon ziemlich gut. Kein Wunder: Wir leben ja auch in dem Land mit der geringsten Arbeitslosenquote in der EU. Doch warum ist das so?

Daten zur Arbeitslosigkeit in der Europäischen Union werden vom europäischen Statistikamt (Eurostat) und von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) für die Öffentlichkeit bereitgestellt. Eurostat erhebt selbst Daten mittels Umfragen, die OECD verwendet offizielle Daten der Mitgliedsländer.

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Dr. Edgar Preugschat ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre der TU Dortmund. Warum sind in Deutschland vergleichsweise so wenig Jugendliche arbeitslos?

Aktuell ist die Jugendarbeitslosenquote relativ zur allgemeinen Arbeitslosenquote in Deutschland sogar höher als in der Vergangenheit. Es ist jedoch richtig, dass das Niveau der Jugendarbeitslosigkeit niedrig ist, vor allem im Vergleich zu anderen Ländern in Europa. Dies war auch schon vor der Beschleunigung des demographischen Wandels der Fall. Ökonomen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung sehen wichtige Gründe für die vergleichsweise gute Situation in Deutschland in der dualen Berufsausbildung, die es so in anderen EU-Ländern kaum gibt und in den so genannten Jugendberufsagenturen, die gezielt bei der Vermittlung junger Arbeitskräfte helfen.

Im Alter von 15-24 Jahren befinden sich viele Jugendlichen in der Ausbildung oder im Studium. Sollten diese nicht besser von der Arbeitslosenquote abgezogen werden?

Das ist ein wichtiger Punkt. In der Tat ist ein großer Teil dieser Altersgruppe gar nicht oder nur zum Teil am Arbeitsmarkt aktiv. Durch die geringe Erwerbsbeteiligung dieser Gruppe fällt die Arbeitslosenquote zumeist deutlich höher aus. Aus diesem Grund wird von Eurostat auch der Anteil der jugendlichen Arbeitslosen an der gesamten Altersgruppe berichtet. Zum Beispiel ergibt sich für Spanien im Jahr 2017 ein Anteil von 13% Arbeitslosen gegenüber der gesamten Altersgruppe, wohingegen die Arbeitslosenquote im selben Jahr bei 39% liegt.

Sollte dann in der öffentlichen Debatte nicht viel öfter ein EU-weiter Vergleich stattfinden?

Eine stärkere öffentliche Wahrnehmung des Problems der Jugendarbeitslosigkeit, vor allem in Südeuropa, fände ich wünschenswert. Überhaupt wäre es sinnvoll, wenn in den Medien ein detaillierteres Bild der Wirtschaft von anderen europäischen Ländern vermittelt werden würde und dies nicht nur in Krisenzeiten. Die (Arbeits-)Märkte (Anm. d. Red.) in Europa sind immer stärker voneinander abhängig.

Inwiefern unterscheidet sich das deutsche Arbeitssystem von anderen?

Es gibt sicherlich viele Unterschiede. Eine Besonderheit des deutschen Arbeitsmarktes sind die relativ zentralisierten Lohnverhandlungen der Gewerkschaften. Diese haben in der Vergangenheit ein stärkeres Gewicht auf Beschäftigungssicherung  als auf Lohnsteigerungen gelegt. Gerade in den letzten Jahren hat das dazu geführt, dass Arbeit sich – ausgehend von einem hohen Niveau –  relativ zum Ausland verbilligt hat.

Auch in den allgemeinen Arbeitslosenzahlen hat Deutschland die geringste Arbeitslosenquote der EU. Wie erklären Sie sich das?

Wenn man einen Blick  in die Vergangenheit wirft, sieht man, dass Mitte der 2000er Jahre Deutschland die höchste Arbeitslosenquote in Westeuropa hatte und dass die Rate seit Mitte der 1970er stufenweise angestiegen war. Die aktuelle positive Entwicklung hat zum einen damit zu tun, dass Deutschland von der Finanzkrise und der Eurokrise weitaus weniger getroffen wurde als etwa Griechenland und Spanien. Aber auch andere Entwicklungen sind wichtig. Die Forschung von Professor Philip Jung, der den Lehrstuhl Makroökonomie an der TU Dortmund leitet, zeigt auf, dass die Hartz Reformen in der ersten Hälfte der 2000er Jahre einen wichtigen Beitrag zum Abbau der Arbeitslosigkeit geleistet haben. Interessanterweise geht der Effekt der Reform nicht so sehr auf eine Reduktion der Langzeitarbeitslosen,  sondern auf eine Leistungskürzung für ältere Beschäftigte in stabilen Arbeitsverhältnissen zurück. Diese Gruppe hatte nach der Reform stärkere Anreize, Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Die Verbesserung des Arbeitsmarktes im Zuge der Hartz-Reformen hatte auch den Preis, dass nicht alle von ihnen profitiert haben, was teilweise den Protest gegen die Reformen erklären kann.

 Wie hat sich die Arbeitslosigkeit in der EU entwickelt?

Nach einem langen Anstieg seit den 70er Jahren innerhalb vieler EU-Länder gab es eine Verbesserung um die Jahrtausendwende. Mit der Finanzkrise und der nachfolgenden Eurokrise ab 2010 sind die Raten jedoch teilweise förmlich explodiert, vor allem in Südeuropa, aber auch in Ländern wie Irland. In den letzten Jahren ist die durchschnittliche Rate deutlich zurückgegangen. Zugleich ist die Heterogenität zwischen den Ländern groß: Während in vielen Ländern des nördlichen und östlichen Europas die Raten nun sehr niedrig sind, haben Länder in Südeuropa, vor allem Griechenland und Spanien, immer noch sehr hohe Raten.

Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Die Arbeitsmärkte der EU unterscheiden sich stark und ich glaube nicht, dass es Rezepte gibt, die auf alle Länder gleichermaßen passen. Aber einem Teil der Arbeitslosigkeit und vor allem auch der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa ließe sich sicherlich mit gezielten Arbeitsmarktreformen begegnen, die ein Stück weit auch schon angegangen wurden.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Beitragsbild: Europäisches Parlament

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