Kommentar: Frauen dürfen jüngere Männer lieben – Akzeptiert das endlich!

Selten wurde eine Liebe in den Medien so zerrissen wie die von Heidi Klum und Tom Kaulitz. In einer Zeit, in der schwule und lesbische Paare heiraten dürfen, ist die Beziehung zwischen einer Frau und einem deutlich jüngeren Mann immer noch ein Skandal. Warum ist unsere Gesellschaft in diesem Punkt so altmodisch? Ein Kommentar. 

Heidi Klum wird heiraten. Zum dritten Mal. Und vier Kinder hat sie auch schon. Mit 45 Jahren ist sie eine der prominentesten und vielleicht auch gestandensten Frauen im Showbusiness. Jetzt scheint sie mit ihrem Verlobten Tom Kaulitz ein weiteres Mal auch ihr Glück auf privater Ebene gefunden zu haben – doch die frische Klum’sche Liebe polarisiert. Das Problem: Ihr zukünftiger Ehemann ist nicht etwa ein Mann in ihrem Alter. Tom Kaulitz ist 29 Jahre alt und damit 16 Jahre jünger als das Model. Die ZEIT nennt ihn „Bubi“, die GALA einen „kaum erwachsenen Lover“. Als Klum und Kaulitz im März 2018 ihre Liebe öffentlich machten, beschrieb der STERN ihre Beziehung mit „Als er zur Schule ging, modelte sie in Dessous“. Das Verhältnis sei „kurios“. Doch nicht nur die Medien behandelten die Thematik einseitig. Auch in den Kommentaren häuften sich Kritik und herablassende Sprüche.

Sie nutze den Kaulitz doch nur aus, um im Gespräch zu bleiben. Verzweifelt müsse sie sein, wenn sie sich auf solch junge, unerfahrene Männer einlässt. Der Modegeschmack ihres Jung-Lovers färbe auf Heidi ab – peinlich, wie sie versuche, zwanghaft jugendlich zu wirken. Das sei sicherlich nur ein PR-Gag, so etwas habe doch keine Zukunft. Und vor allem: Wie kann sie das ihren Kindern antun? Wobei – jetzt hätten die nun mal ein fünftes Geschwisterchen. 

Als er zur Schule ging, modelte sie in Dessous“ (über Heidi Klum und Tom Kaulitz, 16 Jahre Altersunterschied)

Natürlich wird diese Debatte durch Klums prominenten Status zusätzlich angefeuert. Kaum eine Facette ihres Privatlebens wird nicht inflationär in den deutschen Klatschspalten ausgeschlachtet. Doch der mediale Umgang mit ihrer Beziehungssituation ist auch eine Blaupause einer gesellschaftlichen Doppelmoral. Er zeigt die Alltagsrealität für viele Partner mit einem ähnlich großen Altersunterschied. Das Problem ist größer als die Klatschspalten. 

Liebt eine Frau einen jüngeren Mann, gehören fast immer Drama und massenhaft Gesprächsstoff dazu. Warum eigentlich? In meinem eigenen Freundeskreis war es immer der Normalfall und keineswegs der Rede wert, dass Männer jüngere Frauen lieben. Doch sobald eine Frau nur ein Jahr älter als ihr Freund war, stand im Raum, wie es dazu nur kommen konnte, ob sie denn niemanden „in ihrem Alter“ fände und was sie an einem jüngeren Mann bitte reizen könnte. Schon mehrmals bin ich Zeugin davon geworden, wie Freunde überrascht reagierten, wenn sie von einem geringen Altersunterschied oder einem jüngeren männlichen Partner erfuhren. „Was? Er ist jünger als sie? Das wusste ich ja gar nicht! Wie komisch…“ Umgekehrt wäre es das natürlich nicht.

Für diese Sichtweise gibt es auch unter Klums Glamour-Kollegen, in der Promi-Welt, zahlreiche „Vorzeigebeispiele“. George und Amal Clooney trennen 17 Jahre. Der 38-jährige Matthias Schweighöfer turtelt mit der 23-jährigen Ruby O. Fee. Von Leo DiCaprio, der sämtliche „Victoria’s Secret“-Nachkömmlinge abklappert, möchte ich gar nicht erst anfangen. Bei einem älteren Mann kommt es erst dann zu Diskussionen, wenn es sich um einen wesentlichen Altersunterschied handelt, so wie es bei dem 46-jährigen Michael Wendler und seiner 18 Jahre alten Freundin der Fall ist. 

„Erste Worte: So süß schwärmt Ruby O. Fee von Matthias!“ (über Matthias Schweighöfer und Ruby O. Fee, 14 Jahre Altersunterschied)

Ich will all diese Beziehungen nicht schlecht reden, ganz im Gegenteil. Ich verstehe allerdings nicht, weshalb die Akzeptanz und das Verständnis für Beziehungen mit großem Altersunterschied so eingeschlechtlich ausfallen – sowohl in den Medien, als auch im gesellschaftlichen Alltag. Schon in der Schulzeit bekam ich als junges Mädchen häufig zu hören, dass gleichaltrige Jungen weniger erwachsen seien und ein etwas älterer Partner besser zu meiner geistigen Reife passen würde. Das klischeehafte Familienbild mit dem Vater als Familienältestem, jüngerer Mutter und ein paar Kindern, scheint aktueller zu sein, als es sollte. 

Dabei sollten diese uralten Rollenbilder doch längst überholt sein. Klar, entscheidet sich ein Paar dafür, eine „klassische“ Familie aufzubauen, dem Kinderwunsch nachzugehen, ist es einfacher, wenn die Frau im passenden biologischen Alter ist. Heutzutage, in unserer Gesellschaft, muss eine Frau aber keine Kinder bekommen, wenn sie die nicht wünscht. Und selbst wenn sie ihre Meinung ändert, ist es mittlerweile auch einfacher, spät Mutter zu werden. In einer Beziehung muss es einfach nicht mehr an erster Stelle um ein Abhängigkeitsverhältnis oder um potenzielle Familienplanung gehen. Ein Tom Kaulitz kann mit 29 Jahren und einem gigantischen Vermögen selbst darüber entscheiden, ob und wen er heiraten möchte und ob er sich dabei ausgenutzt fühlt. Und auch Männer und Frauen mit weniger Geld können das.

Warum ist es in einer so offenen Gesellschaft, in der alle auf Toleranz, Feminismus und „Kiss who the fuck you want“ pochen, so schwierig, zu akzeptieren, dass auch Frauen jüngere Männer lieben können und junge Männer ältere Frauen? Wir haben größere Probleme, als Menschen zu verurteilen, die sich gegenseitig glücklich machen.

Beitragsbild: „Heidi Klum, Michael Kors, and Nina Garcia“ von Jiyang Chen unter CC-Lizenz auf Wikimedia

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