Von Zwergen und ewigen Studenten – Diese Sagen kursieren rund um das Ruhrgebiet

Märchen und Sagen sind den meisten Menschen bekannt. Es gibt davon weitverbreitete wie „Hänsel und Gretel“ oder „Rotkäppchen“. Andere lieferten sogar Stoff für Hollywood-Blockbuster wie die Legende von Arthur und dem Schwert aus dem Stein. Aber auch rund um das Ruhrgebiet kursieren viele Sagen. Einige reichen zurück bis ins 1. Jahrhundert, manche sind ganz aktuell.

Sagen sind, sagt Dirk Sondermann, grundsätzlich mündliche Überlieferungen, die von nicht-alltäglichen Begebenheiten erzählen, häufig auch von übersinnlichen Wesen oder Vorgängen. Sondermann ist Gründer des Instituts für Erzählforschung im Ruhrgebiet, er forscht hauptsächlich zu Sagen aus der Region. Laut Sondermann entstehen solche Geschichten, um ungeklärte Fragen zu beantworten. Etwa: Warum gibt es einen bestimmten Berg? Oder: Weshalb steht eine Burg an dieser bestimmten Stelle? Dabei teile man Sagen in drei Arten auf: Es gibt ätiologische Sagen, das sind erklärende Sagen. Dann gibt es noch dämonologische Sagen. In denen kommen zum Beispiel Feen, der Teufel oder Zwerge vor, also übernatürliche Wesen. Der dritte Sagen-Typ ist die historische Sage, in ihnen wird ein historischer Ort oder eine historische Begebenheit aufgegriffen. Meistens sind aber alle drei Sagen-Typen miteinander verbunden, so Sondermann.

Zwergenkönig Goldemar auf der Burg Hardenstein

Dirk Sondermann ist Gründer des Instituts für Erzählforschung im Ruhrgebiet. Foto: Christof Schulte

Ein Beispiel aus dem Ruhrgebiet, in dem alle drei Sagentypen zusammenkommen, ist die Erzählung vom Zwergenkönig Goldemar auf Burg Hardenstein. Die Ruine der Burg liegt noch heute neben der Stadt Witten. Die Sage ist aus dem 15. Jahrhundert überliefert, sagt Sondermann. Auf der Burg, so die Geschichte, herrschten damals richtig gute Zeiten, die Speisekammer war gefüllt mit Lebensmitteln und Wein. Der Zwergenkönig speiste dort jeden Abend friedlich, gesehen hatte ihn aber nie jemand – denn er trug eine Kappe, die ihn unsichtbar machte. Ein Küchenjunge, der wissen wollte, wie der Zwergenkönig tatsächlich aussah, verstreute eines Nachts Erbsen auf einer Küchenstufe.

Der Zwergenkönig, auf dem Weg zum mitternächtlichen Imbiss, rutschte auf den verstreuten Hülsenfrüchten aus, fiel hin und verlor seine Tarnkappe. Daraufhin wurde er so böse, dass er den Küchenjungen schnappte, ihn in zwei Teile riss, kochte. Und verspeiste.

Anschließend fand ein Ritter namens Nevelin einen Zettel an dessen Tür: „Burg Hardenstein soll künftig so unglücklich sein, wie sie vormals glücklich gewesen ist, und all ihr Gut soll zerrinnen, solange nicht drei Generationen derer von Hardenberg zugleich am Leben sind!“

„Diese Sage verdeutlicht sehr gut, dass die drei Sagen-Typen häufig verknüpft sind: Es gibt den Zwergenkönig, also ein dämonisches Geschöpf, es gibt Ritter Nevelin auf Hardenburg, den es auch wirklich im 15. Jahrhundert gab, und es wird eine Begebenheit aufgegriffen, nämlich der Tod des Küchenjungen“, sagt Sondermann. „In dieser Sage wird die Frage geklärt, wie der Küchenjunge gestorben ist.“

Der tote Hund im Reschop Carré

Es gibt jedoch nicht nur Sagen aus den vergangenen Jahrhunderten. Auch heutzutage entstehen noch Sagen, wie zum Beispiel die vom gestohlenen toten Hund in einem Einkaufszentrum in Hattingen.

So sollen im Reschop Carré vor zehn Jahren zwei Frauen mit ihrem kleinen Hund einkaufen gegangen sein. In einem Bekleidungsgeschäft merkte allerdings eine der Frauen, dass die Hundeleine sehr schwer wurde. Der Hund war plötzlich gestorben.

Ab da soll es so richtig abenteuerlich geworden sein: Die Frauen wollten angeblich weiter einkaufen, gingen deswegen aber erst in einen Elektronikmarkt und fragten, klar, nach einem Karton für das tote Tier. Sie bekamen die Verpackung eines hochwertigen Fernsehers. Die Frauen nahmen den Karton, verstauten den toten Hund und brachten ihn ins Auto. Als die beiden nach dem Einkaufsbummel zurückkamen, war die Scheibe zerbrochen. Und der Karton weg.

„Das ist in Hattingen nie so passiert“, sagt Sondermann. Solche Sagen würden heutzutage allerdings noch immer entstehen, weil sie nach wie vor offene Fragen erklären sollen – etwa einen Diebstahl und das in sehr kreative Weise. „Die Menschen sind immer noch neugierig und wollen Fragen beantwortet haben, genau wie früher“, erklärt Sondermann. Viele Sagen verbreiten sich mittlerweile übers Internet und laut Sondermann bezeichnen manche Experten auch Fake News oder Verschwörungstheorien als Sagen. Die Sage vom toten Hund im Reschop Carré sei eine sogenannte „Wandersage“. Das heißt, dass sie von einem Ort zum anderen, von einem Menschen zum nächsten, wandert und sich durch jede Erzählung immer ein kleines Bisschen verändert.

Der ewige Student an der RUB

Die Ruhr-Universität Bochum. Foto: RUB, Marquard

Auch aktuelle Sagen über Studenten existieren: So wie die des ewigen Students an der Ruhr-Universität Bochum.

Der soll laut Legende seit der Universitätsgründung Mitte der 60er-Jahre dort studieren. Er schreibe seit mehr als zehn Jahren an seiner Doktorarbeit, mit dem Ziel, eine perfekte Dissertation abzugeben. Da jedoch immer wieder ein neuer Forschungsbericht veröffentlicht wird, bevor der ewige Student seine Doktorarbeit abgeben kann, werde er nie fertig. Seine Wohnung wurde ihm aufgrund mangelnder Geldeinnahmen natürlich schon lange gekündigt, was aber auch nicht weiter schlimm ist – er ist ja sowieso den ganzen Tag in der Bibliothek. Des Nachts geistert er vor allem in den Gebäuden GA, GB und GC herum.

Während diese Sagen leichtfertig und zu Teilen auch lustig erzählt werden können, sei es nicht immer so einfach, darüber zu forschen, sagt Sondermann. „Das liegt daran, dass die Sagen von den Nationalsozialisten missbraucht wurden und viele Menschen das noch immer im Hinterkopf haben“, erklärt er. Einmal sei er sogar gefragt worden, ob er ein Nazi wäre, als er gesagt habe, dass er sich mit Sagen beschäftigt. Für seine Forschungsarbeit ist er schon viel gereist. Regelmäßig gibt er auch Lesungen unter anderem zu Dracula, den Nibelungen und Sagen über Wein oder Zechen.

Beitragsbild: Zach Lezniewicz auf Unsplash

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