Stollen, Strecken und Buttern: Ein Ausflug unter Tage

Im Jahr 2022 gehört der Steinkohlebergbau in Deutschland der Vergangenheit an. Ein kleines Bergwerk in Dortmund-Syburg ist für Besucher*innen jedoch weiterhin geöffnet und lädt sie ein zu einer Zeitreise unter Tage.

Als mein Opa jung war, hat er als Bergmann gearbeitet. Damals war er Anfang 20. So alt wie ich jetzt. Nun will ich es ihm nachmachen – und selbst unter Tage fahren. Beim Besucherbergwerk Graf Wittekind in Dortmund-Syburg werde ich fündig. Die Anlage fördert zwar keine Steinkohle mehr, für Besucher*innen ist sie aber zugänglich. Der Förderverein Bergbauhistorischer Stätten Ruhrrevier bietet jeden Samstag Führungen durch die Stollen an. Alles ehrenamtlich. Heinz-Ludwig Bücking, der Vorsitzende des Dortmunder Arbeitskreises, warnt mich: Muskelkater sei mir am Sonntag garantiert. Innerlich muss ich lachen: Ein paar Meter unter der Erde robben, wird ja wohl nicht so schwer sein – oder?

Bergbau wie vor 300 Jahren

Die Knieschoner werde ich später noch gut gebrauchen können. Foto: Charlotte Groß-Hohnacker

Neun Uhr am Samstagmorgen: Mit Leggings, Sportschuhen und Winterjacke ausgerüstet laufe ich die letzten Meter zum Stollen. „Glück auf!“ Die ersten Kumpel kommen mir in voller Montur entgegen: Helm, Overall, Lampe, alles schwarz vor Kohlenschlamm. Die Bergleute arbeiten hier ehrenamtlich, zurzeit im Stollen 4. Diesen und andere Stollen legen sie frei, sichern deren Erhalt und vermessen sie. Seit 1986 rekonstruieren sie so den Bergbau, wie es ihn hier vor 300 bis 400 Jahren gegeben hat. Bei den Führungen erzählen sie von der Geschichte des Bergwerks.

An unserem Treffpunkt erwarten mich Heinz-Ludwig Bücking und Martin Lochert. Lochert gibt heute die Führung. Außer mir nehmen drei weitere Personen teil. Er drückt uns unsere Outfits in die Hand: einen gelben Overall, Knieschoner, Handschuhe, Helm und das Arschleder – eine Lederschürze, die den Hosenboden davor schützt, durchzuwetzen.

„Schminke“ im Gesicht

Kohle im Liegen und bei Dämmerlicht abbauen – gar nicht mal so einfach. Foto: Förderverein Bergbauhistorischer Stätten Ruhrrevier

Nachdem wir alles festgeschnallt haben, fahren wir in den Stollen ein. So nennen es die Bergleute, wenn sie sich auf den Weg zu ihrem Arbeitsplatz machen – ob zu Fuß oder im Fahrstuhl. Wir betreten den Stollen zu Fuß, da es nicht besonders tief runter geht. Am Anfang krabbeln wir auf allen Vieren. Nach wenigen Minuten kommt unser erster Halt und wir können stehen. Endlich! Lochert erzählt uns etwas über „die Alten“. Das sind die Bergleute, die hier vor gut 300 Jahren beim Schein einer Öllampe gearbeitet haben. Kurz nimmt Lochert eine Prise Schnupftabak, dann geht es weiter.

Im Entengang watschle ich hinter meinem Vordermann her. Es ist wirklich kalt, nur acht Grad und matschig. Die Luft riecht etwas abgestanden. Irgendwann geht es bergauf. Wir robben auf dem Bauch. Ich kriege Schlammspritzer ins Gesicht. „Schminke“ nennt Lochert den Dreck. Oben angekommen dürfen wir versuchen, Kohle mit einer Spitzhacke abzubauen – liegend bei Dämmerlicht. Mein Versuch bleibt aber erfolglos. Acht Stunden oder mehr hielte ich es nicht in dieser Position aus!

Auf den Arschledern rutschen wir wieder herunter. Unten waten wir durch Schlammpfützen. Inzwischen sind wir seit fast drei Stunden unterwegs. Ich merke, dass meine Knie schmerzen und meine Füße kalt werden. Trotz der Kälte komme ich langsam ganz schön ins Schwitzen.

Kindheitstraum Bergmann

In Stollen 4 wird noch richtig malocht. Foto: Charlotte Gro-Hohnacker

Zurück über Tage wird gebuttert. So nennen es die Bergleute, wenn sie Pause machen. Die Corona-Verordnung verpflichtet uns allerdings, vor dem Stollen zu essen. Bei frisch geschnittenem Brot sitzen die Ehrenamtlichen und ich beisammen. Viele von ihnen haben aus Interesse am Bergbau hier angefangen. Einige von ihnen hatten bereits zuvor beruflich Erfahrungen gesammelt, andere hatten noch nie etwas mit der Arbeit unter Tage zu tun. „Ich wollte als kleines Kind immer Bergmann werden, meine Eltern haben mir aber davon abgeraten“, erzählt mir einer von ihnen. Er ist Student und seit einem Jahr dabei. So unterschiedlich die Hintergründe der Ehrenamtlichen auch sind, so merke ich auch gleich: Sie alle lieben und leben ihr Ehrenamt. In dieser Runde kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, dass ich vor einer halben Stunde noch 25 Meter unter der Erde in engen Stollen rumgekrochen bin.

Bückings Versprechen hat sich übrigens bewahrheitet: Eine spannende Erfahrung war es trotzdem. Respekt an die Bergmänner von damals – für mich wäre das nichts gewesen!

 

Beitragsbild: Förderverein Bergbauhistorischer Stätten Ruhrrevier 

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