Kommentar: Bitte zwingt uns, ökologischer zu reisen

Wir wollen nachhaltig leben: Müll trennen, wenig Plastik verbrauchen. Wir wollen keinen Diesel mehr und wir wollen auch keine Kohlekraftwerke. Aber wir wollen in den Urlaub fahren. Und das im besten Fall nicht ins Sauerland oder nach Bayern. Nein, wir wollen schnell, flexibel und international sein, die ganze Welt erkunden. Und deswegen fliegen wir trotzdem – wir Öko-Hipster. Wir brauchen dringend Hilfe. Ein Kommentar.

Wenn dieses Jahr eine Farbe hätte, wäre es grün. Viele Trends, die entstanden sind, basieren auf Nachhaltigkeit, Umweltbewusstsein und dem Öko-Lifestyle. Greta Thunberg hat mit „Fridays for future“-Bewegung eine komplette Generation auf den Kopf gestellt. In ihrem Heimatland Schweden gibt es inzwischen den Twittertrend #jagstannarpåmarken, zu Deutsch: „Ich bleibe am Boden“. Die Schweden sprechen von dem Phänomen „Flygskam“, übersetzt Flugscham, weil immer mehr Menschen ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie den Flieger benutzen, anstatt sich in die Bahn oder den Bus zu setzen.

Flugscham? Nur bis zur nächsten Buchung

Doch obwohl Menschen anscheinend inzwischen „Flugscham“ haben, ändert das nichts am Verhalten – im Gegenteil. Die Zahlen beweisen, dass die Sorge um unsere Umwelt zu keinen Konsequenzen führt: Wir fliegen mehr als je zuvor. Allein für Deutschland rechnet das Deutsche Luft und Raumfahrtzentrum bis 2030 mit einem Zuwachs auf 175 Millionen Passagiere pro Jahr. Die Flughäfen in München, Hamburg und Frankfurt – sie alle sprechen von steigenden Fluggastzahlen.

Allein der Münchner Flughafen erwartet für die nächsten Jahre ein rasantes Wachstum von 1,5 bis 2 Millionen zusätzlichen Fluggästen pro Jahr. Selbst an kleinen Flughäfen wie dem in Dortmund steigen die Passagierzahlen um 21 Prozent zum Vorjahr. Den Dortmund Airport nutzten im ersten Halbjahr 2019 bereits 1.268.001 Fluggäste. Damit flogen von Januar bis Juni so viele Passagiere vom und zum Airport, wie noch nie in diesem Zeitraum zuvor.

Kaum zu glauben, wenn man bedenkt, dass jeder Fünfte bei der Europawahl im Mai für die Grünen gestimmt hat. Sind wir alle Heuchler? Oder werden wir bei dem heiligen Thema Urlaub einfach schwach. Wie kriegen wir dieses Problem in den Griff? Ich denke, wir brauchen Hilfe. Hilfe von der Politik. Wir wissen zwar genug, aber wir schaffen es alleine nicht, konsequent zu bleiben. Also braucht es jemanden, der uns solche Entscheidungen abnimmt.

Gebt uns Alternativen

Inlandsflüge sind die überflüssigsten Flüge. Aber was soll man machen, wenn die Bahn doppelt so viel kostet und doppelt so lang braucht? Ein Beispiel: Ich wollte im letzten Juli-Wochenende vom Ruhrgebiet nach München fahren. Da stand ich vor der Entscheidung: 138 Euro Hinfahrt plus 185 Euro Rückfahrt, sechs Stunden, zweimal umsteigen mit der Deutschen Bahn. Oder: 110 Euro, Düsseldorf bis München in anderthalb Stunden. Natürlich habe ich ein Flugticket gekauft. Ich bin ja auch arme Studentin und ich darf das ja, habe ich mir gedacht. Und genauso wie ich denken anscheinend viele.

Um wirklich etwas zu ändern und die Menschen von zu überzeugen, anders zu handeln, brauchen wir gute, bezahlbare Alternativen. Das sagen auch die Grünen: „Damit Bahnfahren attraktiver wird, fordern wir eine Senkung der Mehrwertsteuer für den Fernverkehr, Tickets, die sämtliche Anbieter vor Ort einschließen, und ein übersichtliches, günstiges Preissystem“, erklärte der Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Anton Hofreiter bei Spiegel Online. Genau solche Konzepte braucht es, damit sich was ändern.Wir müssen konkret werden, anstatt nur darüber zu reden, was theoretisch besser werden. Das, was bezahlbar ist, muss auch ökologisch sinnvoller sein.

Aber auf die Idee sind nicht nur die Grünen gekommen. Auch unsere aktuelle Regierung kennt die Probleme und benennt Lösungen – und will diese umsetzen. Aber was ist bisher passiert? Nichts. Und das ist, was nervt.

Beispielsweise hat Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer inwzischen zwar angeregt, die Ticketpreise der Bahn zu überprüfen. Gleichzeitig warnt Andreas Scheuer aber davor, Flugscham zu fördern und bei der Debatte um den CO2-Ausstoß von Flugzeugen zu übertreiben. Danke, Herr Scheuer! Jetzt geht es mir gleich viel besser – nicht.

Besser heute als morgen

Natürlich müssen wir ein schlechtes Gewissen haben. Ich, du und Herr Scheuer. Wir müssen jetzt was ändern und wenn wir es anscheinend selbst nicht hinkriegen, müssen uns die Entscheidungen abgenommen werden. Das Überangebot von Billigflügen ist einfach zu reizvoll. Deswegen bin ich dafür: Schafft die Billigflüge ab und entwickelt Alternativen! Macht die Bahn günstiger und das Fliegen teurer. Es muss dem Geldbeutel wehtun, damit wir lernen. Liebe Politiker, wir wären euch dankbar!

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Beitrags- und Teaserbild: Erik Odin via Unsplash

 

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