Kommentar zur Bundesliga: Tatsächlich die spannendste Liga der Welt

Bayern, Bayern, Bayern. Wer sich ehrlich fragt, ob es in den letzten Jahren wirklich Spannung in der Bundesliga gegeben hat, muss diese Frage leider verneinen. Selbst als Borussia Dortmund im Vorjahr zwischenzeitlich neun Punkte Vorsprung hatte, wusste irgendwie jeder, dass am Ende doch wieder Spieler in roten Trikots die Meisterschale in den Münchener Himmel strecken würden.

Doch damit wird nun Schluss sein. Zum ersten Mal seit 2012, als der Meister das letzte Mal nicht aus München kam, könnte den deutschen Fußballfans im Mai keine Tristesse drohen und auch der BVB hat da einen großen Anteil dran.

Tore, Jubel, Spannung an der Tabellenspitze

Anstatt die Konferenz am Samstagnachmittag zu gucken, konnte man sich in den letzten Jahren oft lieber im Garten sonnen. Das ist in diesem Jahr anders. Allein am vergangenen Samstag hieß es 24 Mal „Tor in …“. Durchschnittlich gab es also knapp alle vier Minuten einen Torruf. Und das ist ein Trend, der sich schon durch die gesamte Saison zieht. Mehr als drei Tore fallen durchschnittlich pro Spiel. Klarer Höchstwert im Vergleich mit den vier anderen europäischen Topligen.

Liga Tore Spiele Tore pro Spiel
Deutschland 287 90 3,18
Italien 311 109 2,85
England 312 110 2,83
Spanien 298 119 2,50
Frankreich 268 120 2,23

 

Auch im Vergleich zu vergangenen Jahren rangiert die Bundesliga auf einem Rekordkurs. Der Toreschnitt war in diesem Jahrhundert noch nie so hoch. In der vergangenen Saison fielen zwar auch im Schnitt 3,17 Tore pro Spiel, in der Saison 2017/18 aber beispielsweise nur 2,79.

Warum die Liga wichtiger als Europa ist

Es war fast schon Routine. In der Bundesliga lieber die zweite Garde spielen lassen und dafür alles auf die europäischen Wettbewerbe setzen. Die Bayern haben es in den vergangenen Jahren fabelhaft vorgemacht. „Alles für die Champions League“, hieß die Devise. Auch Eintracht Frankfurt schonte in der vergangenen Saison in der Liga Spieler, um in Europa möglichst weit zu kommen. Und das hätte sich fast gerächt. Die Eintracht schied im Europa League dramatisch im Halbfinale aus. Hätten die Hessen nicht in letzter Sekunde Platz sieben erreicht, würde die SGE nicht europäisch spielen. Dieses Denken scheint sich geändert zu haben.

Borussia Dortmund streicht beim Gastspiel in Mailand Marco Reus und Paco Alcácer aus dem Kader und gibt die Punkte leichtsinnig ab. Dafür gab es in der Liga in den vergangenen drei Partien sieben Punkte zu bejubeln. Und auch die Konkurrenz aus Gladbach scheint sein Hauptaugenmerk ähnlich zu setzen. Die Borussia holte international erst einen Punkt, steht dafür aber in der Bundesliga auf dem ersten Tabellenplatz. Da die Bayern aber weiter fast alles auf den Champions-League-Titel setzen, könnte das für große Spannung sorgen.

Bayern und die Borussia sind kaum wiederzuerkennen

Dortmund „verdaddelt“ immer wieder sicher geglaubte Punkte und die Bayern „duseln“ sich irgendwie zum Meistertitel. Doch die Borussia gewinnt plötzlich auch knappe Spiele wie beim 1:0 und 2:1 gegen den Tabellenführer aus Gladbach. Hohe Siege gegen die direkte Konkurrenz aus Wolfsburg und Leverkusen machen den BVB dazu zu einem ernsthaften Meisterkandidaten. Die üblichen Aussetzer wie bei den 2:2-Unentschieden gegen Frankfurt, Freiburg und Bremen sind ja mittlerweile schon Alltag und dann für die Fans zu verkraften. Zum ersten Mal seit sehr lange Zeit geht der BVB in den Klassiker gegen die Bayern am Samstag als klarer Favorit.

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Die Münchener sind auch nicht mehr die Bayern vergangener Jahre. Dass der FCB die erste Mannschaft ist, die in der aktuellen Saison ihren Trainer entlässt, gab es noch nie. Und auch generell wirken die Landeshauptstädter in dieser Saison kaum meisterreif. Gerade die 1:5-Klatsche am Samstag, die ausnahmsweise sogar in einem öffentlich-rechtlichen Sender lief, war nicht „Bayern-like“. Das letzte Mal, dass die Münchener so unter die Räder kamen, war im April 2009 in Wolfsburg. Unvergessen ist dieses überragende Hackentor von Grafite, dass heute noch jeden Bayernfan erzittern lässt.

Damals wirkten die Bayern gegen die „Wölfe“ um Magath, Dzeko und eben den Brasilianer irgendwie chancenlos und auch in diesem Jahr wirkt es so, dass der FCB nicht mehr der große Primus in der Bundesliga ist. Und das trotz einem Rekord-Lewandowski, der in zehn Spielen bereits 14 Mal getroffen hat und einem Philippe Coutinho, der zu den besten Spieler der Welt gehört. Die Trainerdiskussionen bei den Münchenern waren trotz regelmäßiger Double-Gewinne beinahe normal und auch der übliche „Bayerndusel“ mit Toren in der Nachspielzeit war gewohnt. In diesem Jahr fühlt es sich aber überhaupt nicht danach an. Im Gegenteil. Es sind nicht mehr die „Meisterbayern“ der vergangenen Spielzeiten.

SC Freiburg wie die „Bruchweg Boys“

Am siebten Spieltag lagen zwischen den ligaführenden Gladbachern und dem Tabellensiebten gerade einmal zwei Punkte. Das gab es zuletzt 2006. Und auch nach dem zehnten Spieltag trennen Platz zwei und neun nur zwei Pünktchen. Dabei steht eine Mannschaft oben drin, tatsächlich aktuell der Bayern-Jäger-Nummer-1, von der es keiner wirklich erwarten konnte. Der SC Freiburg hamstert sich Punkt um Punkt zusammen und bleibt voll dabei im Kampf um Europa. Das erinnert ein wenig an die „Meenzer Bruchweg Boys“ aus der Saison 2010/11.

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Angeführt von Luftgitarrist André Schürrle, Schlagzeuger Ádám Szalai und Sänger Lewis Holtby „rockten“ sie die Liga, waren nach Siegen über Bayern und Hoffenheim plötzlich Tabellenführer. Der Weg endete auf dem Platz 5 und mit dem Einzug in die Europa League. Wenn Freiburg dort weitermacht, wundert es am Ende der Saison keinen mehr, wenn auch die Truppe von Christian Streich bald wieder europäisch spielt. Schon 2013 und 2017 schnupperten die Breisgauer Europa-Luft.

Generell gibt es in dieser Saison keinen – abgesehen vom schon sicher abgestiegenen SC Paderborn – absoluten Underdog. Es gibt keinen Hamburger SV, dem man endlich mal den Abstieg gönnt, sondern mit Augsburg, Köln, Mainz, Düsseldorf und Union Berlin lauter sympathische Klubs, die um den Nichtabstieg streiten. Das machen die Klubs mit einer fußballerischen Klasse, wie sonst nur selten im Abstiegskampf. Ja, Mainz kassierte am Wochenende in Leipzig acht Tore, aber beispielsweise Union Berlin schlug schon den BVB, Augsburg und Paderborn ärgerten die Bayern.

Vorfreude auf 24 Endspiele

Schwächelnde Bayern, ein einigermaßen souveräner BVB, starke Konkurrenz und aufmüpfige Underdogs. Wenn das so weitergeht, werden das großartige 24 weitere Spieltage. Es wird tatsächlich die spannendste Saison seit zehn Jahren werden, vielleicht sogar mit einem Meister, der dieses Mal nicht aus Süddeutschland kommt. Übrigens: Wer wurde deutscher Meister, als Borussia Mönchengladbach das letzte Mal Tabellenführer der Bundesliga war? Richtig, Borussia Dortmund.

Beistragsbild von Waldemar Brandt via Unsplash.
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