Nordstadt – „Die Probleme werden hier auf die Straße gespuckt“

„Dortmund-Nordstadt weiß, wie man feiert, Dortmund-Nordstadt weiß, wie man weint“, heißt es in einem Song von Frederick Schreiber alias Schlakks. Mit uns spricht der Rapper über Leidenschaft und die „Hipsterisierung“ des Dortmunder Nordens.

Frederick Schreiber sitzt, ganz in schwarz gekleidet, auf einem grünen Sessel im Rekorder II in der Scharnhorststraße 68 sitzt. Es ist früher Mittag und die Sonne strahlt durch die verglaste Vorderseite des Kreativraums, in dem sonst Workshops abgehalten werden und Künstlerinnen und Künstler arbeiten. Frederick ist 30 Jahre alt und Rapper aus der Nordstadt. Er hat den Rekorder II im April eröffnet, einen Ableger vom Kulturtreff Rekorder, den Frederick mit dem Kollektiv Tonbande e.V. seit 2013 leitet.

 Die Probleme hinter den Fenstern

Rapper Frederick Schreiber alias Schlakks.

„Damals, als ich nach Dortmund gezogen bin, war ich unsicherer als jetzt und habe mich auf Urteile anderer verlassen“, erzählt Frederick und sieht aus dem Fenster auf die leere Straße. Weil viele ihm davon abrieten in den Dortmunder Norden zu ziehen, wohnte er zuerst in der Innenstadt. „Als ich dann auf WG-Partys in der Nordstadt war, dachte ich mir, dass es hier doch ziemlich cool ist.“ Die Menschen, die sagen, man solle nicht in die Nordstadt gehen, waren meist selbst noch nie dort, meint Frederick.

Seit er 13 ist, macht er Musik. Als Rapper nennt er sich Schlakks. So wurde er als Jugendlicher von seinen Freunden wegen seiner Statur genannt. Frederick ist häufig in den Straßen und auf den Bühnen der Nordstadt unterwegs. Einer besonders intensiven Zeit hat er den Song „Dortmund-Nordstadt“ gewidmet, der 2014 auf seinem zweiten Album „Tat und Drang“ erschienen ist. „Ich habe damals den Stadtteil sehr bewusst wahrgenommen. Das war für mich eine Aufbruchsphase , in der ich sehr viel Musik gemacht habe und in der Nordstadt aufgetreten bin. Zu der Zeit war sehr viel los“, erzählt er. Im Refrain schildert Schlakks seine Sicht:

Manchmal lieb‘ ich dich und manchmal hass‘ ich dich, weil du mir zeigst wie es ist, wenn man die Wahrheit spricht. (Dortmund-Nordstadt, 2014)

Die Probleme werden in der Nordstadt meist offener gezeigt und wahrgenommen als in anderen Stadtteilen, sagt Frederick.  „Wenn du ins Kreuzviertel gehst, haben die Menschen hinter den Fenstern auch viele Probleme. Aber sie sind nicht so unmittelbar. In der Nordstadt werden die Probleme auf die Straße gespuckt“, sagt er. Das sei zwar hart, aber offener als in anderen Stadtteilen und dadurch ehrlicher.

Manchen bereitet das Zorn, doch man muss Dir lassen, Du machst keinem was vor. (Dortmund-Nordstadt, 2014)

Hier könnt ihr den Song hören:


Leben von der „Mucke“

Ursprünglich kommt Frederick aus Dorsten. Zum Studieren zog er 2009 nach Dortmund. Heute tritt er regelmäßig vor bis zu 500 Leuten auf. Seinen ersten Auftritt hatte Schlakks im Subrosa, einer kleinen Kneipe in der Nähe des Hafens. Nur wenige Meter davon entfernt liegt der Rekorder in der Gneisenaustraße.

Der Rekorder in der Gneisenaustraße.

Im Subrosa hatten Schlakks und seine Freunde die Idee zur Gründung des Kulturorts. Als Kollektiv nennen sie sichTonbande e.V. „Wir haben gesehen, dass ein Laden leer stand, und darüber gesprochen, dass wir ihn vielleicht mieten sollten. Wir haben den Rekorder nicht gesucht, sondern einfach gefunden“, sagt Frederick und lacht. Im Rekorder sollen verschiedene Kulturprojekte an einen Ort gebracht werden. Dazu gehören unter anderem Ausstellungen, Konzerte und die Partyreihe „Ringelbeats mit Anbassen“. „Ich bin ein großer Fan von Überschneidungen und dass nicht jeder in seinem Mikrokosmos versackt“, sagt Frederick.

Bereits zwei Alben hat er produziert, an dem Dritten arbeitet der 30-Jährige aktuell. „Ich hab‘ bis vor drei Jahren studiert und seitdem lebe ich von der Mucke“, erzählt er. Neben der Arbeit als Musiker hat Frederick einen Lehrauftrag an der TU Dortmund. Hier hat er Angewandte Kultur- und Literaturwissenschaften studiert und gibt jetzt Seminare zu den Themen „Kreatives Schreiben“ und „Kulturelles Arbeiten“.

Die andere Ebene der Kommunikation

Die Menschen inspirieren Schlakks in seinen Texten.

 Frederick begeistert sich für Worte und Kultur. Seine Texte handeln von der Gesellschaft und der Kritik an eben dieser – sowie von Menschen und davon, wie sie miteinander leben. „Wenn ich danach gefragt werde, was meine größte Leidenschaft im Leben ist, würde ich nicht sagen, dass es die Musik ist. Es sind die Menschen. Nur dadurch entsteht die Musik. Mich interessiert, wie das Zusammenleben funktioniert“, erklärt er. Hierbei fasziniert ihn nicht nur das schöne, reibungslose Zusammenleben. Es sind auch die Probleme, die er verarbeitet. „Ich muss für meine Musik leben und erleben.“

 

Während andere im Sog leiden und schnappen, kommt‘s gelegen, sich gegen den Strom treiben zu lassen. (Kein Mensch kann fliegen, 2017)

 

Für Frederick bedeutet Musik Verbindung. Verbindung mit sich selbst als Selbstreflexion und Verbindung mit seinen Zuhörerinnen und Zuhörern. „Musik ist eine der schönsten Sachen der Welt, weil sie eine andere Ebene hat, als sich bloß zu unterhalten“, sagt er. „Musik ist ein Kanal, um meine Begeisterung fürs Leben weiterzugeben.“ Die stärksten Songs seien die, in denen man sich selbst hinterfrage, meint Frederick.

Es ist nie so leicht und ich hab‘ Angst vor der Zukunft, bin nicht mehr ganz so sehr blutjung, aber verkrampfen wär nun dumm (Meine Probleme sind Scheinriesen, 2014)

Die Nordstadt ist nicht Kreuzberg

Die geballte Kontroverse um die Nordstadt findet Frederick extrem aufgeheizt. Einige feiern den Dortmunder Norden für seine Kultur, andere sprechen von Kriminalität und Drogen. „Das ist alles total hysterisch aufgeladen. Die Wahrheit findet sich irgendwo in der Mitte. Ich lebe sehr gerne hier, aber es gibt auch viele Probleme. Wenn man darüber nicht redet, wäre das nur eine ,Verhipsterisierung‘ des Stadtteils.“ Für Frederick kann die Nordstadt mit Berliner Bezirken wie Kreuzberg oder Neukölln und Prenzlauer Berg nicht gleichgesetzt werden. Denn die sind in den vorigen Jahren zu Trend-Bezirken geworden. „Es ist ja nicht so, dass ich hier rausgehe und direkt ins nächste hippe Café laufe. Aber hier spritzt sich auch nicht jeder Heroin.“

Die anderen wohnen drin in Dir, diesem Stadtteil und die anderen sagen zieh da bloß nicht hin, lies mal die Zeitung (Dortmund-Nordstadt, 2014)

Frederick sieht sich nicht als Lokalpatriot, trotzdem ist die Nordstadt sein Zuhause und hat seine Musik geprägt. „Meine Texte wären vielleicht anders, wenn ich sie in Hamburg geschrieben hätte. Mein Umfeld ist Dortmund-Nord.“

Sein Musikvideo zu LALALA zeigt viele Orte in der Nordstadt, zum Beispiel den Dortmunder Hafen:

Fotos und Text: Leonie Krzistetzko

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