Yoko Ono-Ausstellung im Dortmunder U: Provokante Kritzeleien – Darf Kunst das?

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AddColor – Yoko Ono-Ausstellung am Dortmunder U. Foto: Sven Dröge

Seit Mitte Oktober gibt es eine neue Kunstausstellung in dem Container unter dem Dortmunder U. Durch die deckenhohen Fenster des Containers kann man mittlerweile nicht mehr viel sehen. Denn die Scheiben sind von oben bis unten mit Kritzeleien, Sätzen und Symbolen in blauer Farbe bemalt. Und auch an den weißen Wänden und auf dem weißen Boden im Container schichten sich die blauen Malereien und Worte, die von den unterschiedlichsten Menschen geschrieben wurden. Es handelt sich um eine partizipative Ausstellung von Künstlerin und Lennon-Witwe Yoko Ono. Sie trägt den Titel „Add Color (Refugee Boat)“ und rückt das Thema Flucht und Migration in den Mittelpunkt.

Yoko Ono Kunstwerk: So sieht die Ausstellung aus

Yoko Onos Konzept beinhaltet einen weißen Raum – den Container. In der Mitte steht ein hölzernes Flüchtlingsboot, am Rand liegt ein Segel. Und es gibt blaue Farbe und Pinsel. Yoko Ono selbst malt nicht. Das machen die Leute, die sich in Dortmund aufhalten und oft zufällig vorbeikommen. Jeder darf sich umsehen, und schauen, was schon gemalt wurde. Und: Jeder darf selbst malen. Seien es Gedanken und Wünsche zum Thema, Handabdrücke, Strichmännchen oder einfach Punkte. Alles ist erlaubt – Wirklich alles. Aber ist Kunst wirklich so frei?

Wie frei ist Kunst?

Regisseur Adolf Winkelmann ist sich sicher, dass Kunst alles darf, solange keine anderen Grundrechte verletzt werden. Er ist der Erfinder der fliegenden Bilder am Dortmunder U-Turm. Im Rahmen der Yoko Ono Ausstellung zeigt er Live Aufnahmen aus der Ausstellung auf den Bildschirmen in der Dachkrone. Auch aus der Ferne kann man so das braune Boot und die weißen Wände sehen, genauso wie die Besucher, die sich umschauen oder mit der blauen Farbe malen. „Ich könnte jetzt nicht einfach jemandem den Schädel einschlagen und behaupten, das ist Kunst“ sagt Winkelmann. Sätze oder Symbole, die in welcher Art auch immer Persönlichkeitsrechte einschränken, sieht er deshalb kritisch. Auch in der Ausstellung.

Unproblematisch seien allerdings Kritzeleien, die auf den ersten Blick willkürlich und belanglos wirken. Man kann einige Zitate an den Wänden lesen. Zum Beispiel „Yesterday today was tomorrow“ oder „Imagine all the people…“ Viele Jugendliche verewigen sich aber auch mit ihrem Instagramnamen in der Ausstellung. Adolf Winkelmann findet, dass auch Beiträge, die nicht zwingend mit der Thematik der Ausstellung zusammenhängen, eine Berechtigung haben. Ob etwas belanglos oder willkürlich wirkt, sei schließlich die subjektive Auffassung des Betrachters.

Yoko Ono - Add Color (Refugee Boat): Eintritt
für jeden und jede Besucher*in kostenlos
Zeitraum
18. Oktober 2019 bis 12. Januar 2020
Öffnungszeiten
Dienstag und Mittwoch: 11-18 Uhr, Donnerstag und Freitag: 11-20 Uhr, Samstag und Sonntag: 11-18 Uhr, Montags: geschlossen

Die Arbeiten entwickeln ein Eigenleben

Außerdem sei das, was sich der Künstler beim Erschaffen gedacht hat, nicht zwingend das, was der Betrachter erkennt. Das merke Adolf Winkelmann auch an seiner Art des Kreierens. Er habe ein Gefühl, einen Gedanken, schlicht: eine Idee. Und diese Idee versuche er so präzise wie möglich in einem Videoclip darzustellen. Das, was dabei rauskommt – das Kunstwerk – unterscheidet sich aber bereits von dem, was er sich ursprünglich gedacht hat. Schon dann entwickeln die Arbeiten ein Eigenleben.

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AddColor: Yoko Ono-Ausstellung am Dortmunder U vor der Eröffnung. Foto: Sven Dröge

Eine Unterhaltung auf weißer Wand

Auch die freie Kuratorin und Kunsthistorikerin Gabriele Koller findet es interessant, dass in der Ausstellung alles erlaubt ist. Gerade im Hinblick auf den Dialog, der unentwegt in Yoko Onos Ausstellung unter dem Dortmunder U stattfindet. Sobald man den Raum betrete, sei man gleichzeitig Betrachter*in und Künstler*in. Man sehe die Kunst anderer und könne darauf reagieren, indem man sie ergänzt, durchstreicht und verändert. „Wenn also jemand etwas malt, dem ich widersprechen möchte, dann kann ich es beispielsweise übermalen“ sagt Koller. So könne man sich unterhalten, ohne sich wirklich zu begegnen.

Deshalb machen Zeichnungen, die auf den einen oder anderen Besucher willkürlich wirken, einen wichtigen Teil des Gesamtkunstwerkes aus. Denn vielleicht haben Instagramnamen erstmal nichts mit dem Ausstellungsthema Flucht und Migration zu tun. Es trage aber dennoch zum Dialog bei. Es sei eine persönliche Abbildung der Personen, die den Container betreten, und eine Form zu sagen: „Ich war hier“.

Der Raum füllt sich mit blauer Farbe

Dass die Thematik der Ausstellung über die Freude am Malen vergessen wird, glaubt Koller nicht. Denn auch wenn man sich nicht thematisch äußert: Sobald man den Raum betrete, werde man automatisch mit dem Thema konfrontiert. Man könne schließlich deutlich das Boot wahrnehmen, ebenso wie das Segel und die blaue Farbe.

„Was Kunst darf“ sei eine Frage, die nicht eindeutig zu beantworten sei, sagt Koller. Die Antwort hänge schließlich schon von dem kulturellen Kontext ab, in dem die Kunst gezeigt wird. In Deutschland ist die Kunst sehr frei.  „Was Kunst nicht darf“ sagt Koller „ist zu versuchen, dem Betrachter eine Meinung aufzuzwingen. Da sollte immer Raum zur Diskussion sein.“ Dieser Dialog sei in der Yoko Ono-Ausstellung möglich. Und auf diese Weise füllt sich der Raum mit dem Boot in der Mitte zwar nicht mit Wasser, aber mit blauer Farbe bis hoch zur Decke.

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