Wird das neue Hafenviertel ein Quartier für alle?

Planzeichnung des neuen Hafenquartiers / nördliche Speicherstraße
Planzeichnung des neuen Hafenquartiers mit Blick auf die nördliche Speicherstraße

„Quartier für alle!!“ Mit diesem Motto hat sich das dänische Architekturbüro Cobe Architects in einem offenen Wettbewerb der Stadt gegen 13 Mitbewerber durchgesetzt. Es geht um die Neugestaltung des Hafenviertels. Das Architekturbüro erhielt neben der Planungshoheit auch ein Preisgeld in Höhe von 29 000 Euro. Besonders wichtig sei dabei gewesen „die Identität des Viertels und der Bewohner beizubehalten“, so eine Sprecherin der Koppenhagener Städteplaner Cobe Architects. Aber: Ist dieses Versprechen einzuhalten? Wie könnte es in Zukunft aussehen im Hafenquartier? Ist die Veränderung dort ohne Verlierer möglich? KURT hat sich durch die Pressemitteilungen und Pressemeldungen gewühlt, war für euch auch vor Ort und hat mit den Leuten gesprochen, die betroffen sind: diejenigen, die vor Ort leben und wohnen.

Das sagt der Plan von Cobe
Die Pläne der dänischen Architekten sehen eine Verbindung moderner Städteplanung mit den bestehenden Industriegebäuden vor, um den Charme des Viertels beizubehalten. So soll die ursprüngliche Straßenführung der Speicherstraße übernommen und – zumindest in Uferrichtung – nur mit schmalen Gebäuden bebaut werden. Generell werde versucht, möglichst wenig abreißen zu müssen. Prägende Gebäude wie der „Speicher 100“ sollen erhalten bleiben. Außerden soll die Grundstruktur der ehemaligen Stahlhallen von Knauf-Interfer genutzt und in kleinere Segmente unterteilt werden. Diese könnten dann zum Beispiel als Büroräume von Start-Ups angemietet werden. Auch die Kleingartenanlage Hafenwiese soll in das  von den Architekten sogenannte flexible Design integriert werden. Als Highlight soll es eine schwenkbare Brücke geben, die nach historischem Vorbild die West- und Ostufer des Schmiedinghafens miteinander verbindet.
Das sagt die Stadt
Die Pressemitteilung der Stadt Dortmund lobt das Vorhaben der Koppenhagener Architekten. Guntram Pehlke, Vorstandsvorsitzender der Dortmunder Stadtwerke DSW21, sagt, dass „die Entwicklung der Nördlichen Speicherstraße eine Erfolgsgeschichte werden und das Hafenquartier Strahlkraft über die Stadtgrenzen hinaus entwickeln wird.“ Denn, so heißt es sinngemäß weiter in der Pressemitteilung: Genau diese Verbindung zwischen der bestehenden Hafenkultur und dem aufstrebenden Start-Up-Standort, zwischen Tradition und Flexibilität scheint Cobe Architects gelungen zu sein. „Der Siegerentwurf spiegelt wie kein zweiter den Charme der Nordstadt wider“, sagt Pascal Ledune, stellvertretender Geschäftsführer der Dortmunder Wirtschaftsförderung. Auch Ludger Wilde, Dezernent für Umwelt, Planen und Wohnen in Dortmund, lobt das Projekt: Insbesondere „der sensible Übergang zur Kleingartenanlage Hafenwiese und die identitätsstiftende Integration der vorhandenen Industriehalle konnten überzeugen.“
Das sagt die Presse
Während die Pressebeiträge, die im Zuge der Diskussionen rund um die kommende Veränderung des Hafenquartiers aus dem vergangenen Jahr noch ein wenig Kritik beinhalten, klingt die Reaktionen der Ruhr Nachrichten jetzt nach Veröffentlichung der Siegerpläne von Cobe durchweg positiv. Die Zeitung schreibt von einer gelungenen Verbindung zwischen Neu und Alt. Zudem werden erste Nutzer bekannt gegeben, die jetzt schon zukünftige Räumlichkeiten in der neuen Speicherstraße reserviert haben sollen, darunter auch die Lensing Media Group, zu der auch die Ruhr Nachriten gehören. Im entsprechenden Artikel steht auch, dass die Erarbeitung der Städtebaupläne, unter Einbindung der Menschen vor Ort geschehen sei und das auch weiterhin geschehen soll. Davon hatte, nach Informationen die KURT vorliegen, Cobe Architects allerdings erst durch den Ruhr Nachrichten Artikel erfahren.
Das sagen die Menschen aus dem Quartier
Schöner Wirtschaftsstandort oder unsoziale Kapitalanlage – die Meinungen im Quartier gehen auseinander, aber in einem Punkt sind sich einige Befragte einig: „Gentrifizierung? Das wird ja eh passieren, die Mieten gehen hier ja eh nur noch hoch in den letzten Jahren“, sagt Hysni Mala, der seit über 15 Jahren mit Frau und Kindern im Viertel wohnt. Er gehört zum Pro-Erneuerungs-Lager – aus zwei Gründen: „Erstens Arbeitsplätze, ganz klar. Und zweitens, wird das echt noch mal was fürs Auge, was zum hingehen und Spaß haben.“ Für ihn ein weiterer Schritt um eins der letzten „schönen Eckchen im Norden, wo man echt noch schön leben kann“, genau so schön zu erhalten. Auf der anderen Seite stehen Menschen, denen die positiven Effekte der Erneuerung – Arbeitsplätze und Ästhetik – die negativen – also Verdrängung der unteren Schichten durch Mietpreiserhöhungen – nicht überwiegen. „Das wird hier alles nur fürs Geld und nicht für die Leute gemacht“, sagt Quartiersbewohner und Architekturzeichner Mathes Schweinberger. „Die träumen hier von hochwertigen Immobilien, von jungen, hippen Computer- und Internetyuppies, die ihre Lofts beziehen, von Anwälten und Ärzten.“ Dabei sei die bunte Mischung der dort lebenden Menschen, das was den Charme des Hafenviertels für ihn ausmache, so Schweinberger. Und genau diese Mischung werde jetzt zerstört: „Wer sich das nicht leisten kann, müsse halt raus. Das regelt dann der Markt ganz von alleine.“ Wenn es nach ihm ginge, bräuchte es zwar keinen Medienhafen aber er hätte trotzdem einige Verbesserungsvorschläge was das Quartier angeht: „Was hier fehlt sind Angebote für die Anwohner. Sprachkurse, Angebote für junge Mütter oder Geflüchtete. Oder einfach günstige Gastro-Angebote. Wie eine große Quartierskantine. Da treffen sich die Leute, da mischt sich alles. Da sitzt die Roma-Frau neben dem Jura Studenten.“ Aber auch seitens der Hafeninitiative – einer Bürgerinitiative, die sich für die Entwicklung des Hafenveirtels einsetzt und in den Diskussionen rund um die Quartierserneuerung beteiligt war – gibt es Kritik. Zwar sei es positiv, dass Kultureinrichtungen wie der Speicher 100 oder das Herr Walther erhalten bleiben – die Bürgernähe, die die Stadt dieses Projekt betreffend nach außen trage, sei jedoch nur vorgetäuscht. „Es werden die Informationen zur Entwicklung nur dürftig an die Stadtgesellschaft weitergegeben. Dabei ist die Entwicklung der Stadt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und darf nicht nicht nur der Verwaltung und der Politik überlassen werden“, so ein Sprecher der Initiative. Zu erkennen sei dies zum Beispiel auch an der Wahl des Termins zur Vorstellung der Erneuerungspläne: An einem Donnerstag um 12 Uhr. „Ob Hafeninitiative oder nicht, für arbeitende Menschen ist es schlicht unmöglich die Veranstaltung zu besuchen. Dass diese auch nicht in der Nähe des Hafens stattfindet, verstehen wir auch als eine klare Absage an einen Dialog.“ Die Initiative sieht das Hauptproblem in der mangelnden sozialen Absicherung: „Je attraktiver das Quartier wird, desto größer wird die Chance, dass die umliegenden Anwohner und Anwohnerinnen durch erhöhte Mieten verdrängt werden. Wir brauchen nicht nur Neuplanungen sondern auch eine Absicherung gegen die Prozesse der Gentrifizierung“, fordert die Hafeninitiative.

Die verschiedenen Pläne für das Hafenquartier, die für den Planungswettbewerb eingereicht wurden, sind in einer öffentlichen Ausstellung vom 7. bis 20. Februar im Studieninstitut Ruhr am Königswall 25-27 zu sehen.

 

Beitragsbild: Cobe Architects

 

Mehr von Torben Kassler

Anzeigen für Nazi-Gegner bei rechtsextremer Demonstration in Dortmund

Am Montagabend sind wieder Rechtsextreme durch den Dortmunder Norden gezogen. Es war...
Mehr...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.