Gender Data Gap: Abgründe tun sich auf

Rassimus, Sexismus, Klassismus das sind allgegenwärtige Probleme, die immer neu verhandelt werden müssen. Die Debatten darüber scheitern häufig aber bereits an ganz grundsätzlicher Stelle. Mit verantwortlich sind Schieflagen, allen voran: Die Schieflage in unseren Daten, die Stimmen und Schicksale unsichtbar macht. Ein Kommentar.

Während die Welt weiter darüber diskutiert, ob Diskriminierung überhaupt existiert, ist kürzlich ein Buch erschienen. „Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert“, von der britischen Autorin und Rundfunkjournalistin Caroline Criado-Perez, 2019 original auf Englisch erschienen, nun übersetzt und auf dem deutschen Markt. Es geht um harte Fakten. Criado-Perez hat die letzten Jahre damit verbracht, geschlechterspezifische Forschung zusammenzutragen, mit der Frage im Hinterkopf: Wo werden wann und warum Daten über wen erhoben, und wie beeinflusst das unser Leben, unsere Realität? Das Ergebnis: Die Geschichte der Menschheit basiert auf Daten, die unvollständiger kaum sein könnten. Diese Datenlücke hält nicht nur diskriminierende Systeme aufrecht, sondern kann in konkreten Fällen den Tod von Menschen bedeuten.

Wer spricht im Fußball neben der Frauennationalmannschaft schon von einer „Männer“-Nationalmannschaft? Wer denkt daran, dass der Großteil der Medikamente bei Frauen zu schwerwiegenden Nebenwirkungen führen kann, weil sie ausschließlich an Männern getestet wurden? Sie sind oft zu hoch dosiert. Ein anderes Beispiel sind die von Männern abweichenden Schlaganfallsymptome von Frauen, die noch immer als „atypisch“ gelten und spät oder überhaupt nicht erkannt werden. Das Risiko, sich bei einem Autounfall schwer zu verletzen, ist für Frauen knappe 20 Prozent höher ist als für Männer, weil der weibliche Crashtest-Dummy (der übrigens 1,50m groß ist …) kaum eingesetzt wird. Die Schlangen vor Damentoiletten sind oft lang, weil dort weniger Toiletten zur Verfügung stehen – bei gleicher Fläche  können eben mehr Pissoirs verbaut werden. Die Zeitungs-, Fernseh- und Radionachrichten werden nur zu einem Viertel von Frauen gemacht. Männer bekommen nicht nur mehr Filmrollen, sondern sind im Schnitt auch doppelt so lange zu sehen. (Bei Filmen mit männlicher Hauptrolle sogar dreimal so lange – bei weiblicher Hauptrolle ist das Verhältnis gerade mal ausgewogen.) Studie um Studie zitiert Caroline Criado-Perez, das geht so über 400 Steiten.

Der Tümpel ist tief. Und erschütternd ist doch, dass schon zage Versuche, an der bestehenden Ordnung zu rütteln, als Affront wahrgenommen und als „totalitär“ diskreditiert werden. (Und so etwas kommt aus Kultur- und Journalistenkreisen, wo sich jede und jeder für so unglaublich anständig und aufgeklärt hält.)

Ein Prototyp, viele Abweichungen

Frauen würden tatsächlich eher selten mit Absicht oder aus purer Bosheit vergessen, schreibt Caroline Criado-Perez. Die Ursache liege weit tiefer. Eine von Männern dominierte Geschichtsschreibung und Kultur führe dazu, „dass männliche Erfahrungen und Perspektiven als universell angesehen werden, während weibliche Erfahrungen – also die Erfahrungen der Hälfte der Weltbevölkerung – als, nun ja, Randerscheinung wahrgenommen werden. […] Das Weißsein und das Mannsein werden schweigend vorausgesetzt, weil sie nicht eigens ausgesprochen werden müssen. Sie werden nicht hinterfragt. Sie sind der Standard. Und dieser Realität kann niemand entrinnen, dessen Identität nicht selbstverständlich ist, dessen Bedürfnisse und Perspektive normalerweise vergessen werden und der daran gewöhnt ist, gegen eine Welt anzukämpfen, die nicht nach den eigenen Bedürfnissen geformt wurde.“

Die Beweisführung schmerzt: „Schon Aristoteles behandelte im 4. Jahrhundert vor Christus in Von der Entstehung der Tiere den männlichen Prototypen als unbestreitbares Faktum, indem er weiblichen Nachwuchs als eine Abweichung bezeichnete. […] Wir nennen das 18. Jahrhundert die ‚Aufklärung‘, obwohl es zwar die Rechte der Männer erweiterte, die der Frauen aber einengte, denn ihnen wurde die Kontrolle über ihr Eigentum und ihre Einnahmen untersagt und sie waren von höherer Bildung und Berufsausbildung ausgenommen. Wir halten das antike Griechenland für die Wiege der Demokratie, obwohl die Hälfte der Bevölkerung explizit vom Wahlrecht ausgeschlossen war.“ Und übrigens äußerten sich die hehr bewunderten Herren der Aufklärung so schändlich rassistisch, dass ihre Theorien fortan in einem anderen Licht erscheinen – der „kategorische Imperativ“ oder das Konzept des „freien Willens“, der Freiheit und des Rechts galten für Kant und Hegel nämlich offenbar nicht für alle Menschen.

Ja, richtig. Auch beim Thema Rassismus wirken sich fehlende oder verzerrte Daten drastisch aus, darauf machte kürzlich zum Beispiel die Moderatorin Shary Reeves mit etlichen Kolleginnen und Kollegen im Rassismus-Brennpunkt der Show von Caroline Kebekus im Ersten aufmerksam. Die Diskriminierung geschieht dabei freilich noch sehr viel öfter ganz direkt, wenn etwa Ärzt*innen verweigern, Patient*innen zu behandeln, wenn Kriminalstatistiken einen vergleichsweise höheren Anteil von Verbrechen von Migrant*innen und Deutschen mit Migrationshintergrund verzeichnen, die Polizei diese Statistik aber verfälscht, indem sie verstärkt Black, Indigenous and People of Color (BIPoC) verdächtigt und kontrolliert. Oder wenn die Polizei, wie in Fällen von Oury Jalloh in Dessau, gar selbst offenbar grausamste Gewaltverbrechen verübt und dann noch versucht, die Aufarbeitung zu boykottieren! Der taz-Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah wird nach ihrer bitteren Satire auf die Polizei sogar vonseiten der Politik gedroht. – Bei „Witzen“ über „Frauen und Ausländer“ verteidigt man gerne und rigoros die Kunst- und Satirefreiheit, geht es hingegen um Missstände und die Sinnfälligkeit der Polizei, hat der Spaß aber ein Ende und mindestens rechtliche Konsequenzen. Auch diese Daten werden nicht hinreichend erhoben. Und geht es um die Rechte und Freiheiten von Menschen der LGBTQIA+ Community oder die von Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen (man denke an die Zufahrtswege für Rollstuhlfahrer*innen), tun sich weitere Abgründe auf.

Die Erfahrung von Diskriminierung als kluger Karriereschachzug?

In den meisten Fällen mag Diskriminierung vielleicht unabsichtlich geschehen. Denn sie geschieht ja gerade dann, wenn Männer sich nicht mit ihrem Mannsein, Weiße sich nicht mit ihrem Weißsein auseinandersetzen. Schmerzhaft ist sie trotzdem. Und ganz am Rande: Weiße Männer würden für ihre Bemühungen um mehr Diversität immer und gerne belohnt, konstatiert Caroline Criado-Perez. Frauen und BIPoC werden dagegen in ihrem Ton gemaßregelt und ihre Argumente delegitimisiert. Man erklärt sie für unglaubwürdig und minderbemittelt, denn „sonst müssten sie ja nicht die ‚Rassismus-‘ oder eben ‚Feminismus-Karte‘ spielen“, so Shary Reeves. Das ist nicht lustig. Die Erfahrung von Diskriminierung als kluger Karriereschachzug – da müssten inzwischen ja überall Frauen und BIPoC vertreten sein, sogar in Vorständen und Aufsichtsräten!

Nein, die Daten sagen etwas anderes. Nicht diejenigen, die Diskriminierung erfahren, unterscheiden nach Hautfarbe oder Geschlecht, sondern die, die diskriminieren. Oder wie Hannah Gadsby so treffend schreibt: „You wrote the rules. Read them.”

Bildquelle: pixabay/ GregPlom

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