Wie das Coronavirus die Evolution der Dortmunder Clubszene beschleunigen könnte

Oma Doris, Weinkeller, JunkYard – wegen der Corona-Krise droht etlichen Studentenclubs in Dortmund das finanzielle Aus. Aber wäre das wirklich so schlimm? Ein Blick in die Zukunft.

Was Mitte März 2020 passiert ist, war für die Veranstaltungsbranche ein Paukenschlag der Extraklasse. Binnen weniger Stunden entschied die deutsche Politik: Großveranstaltungen werden bis Ende August verboten. Clubs und Bars müssen schließen. Eine Zeit der Ungewissheit für die Ausgeh-Kultur folgte. Schuld war die erste Welle der Coronavirus-Pandemie. Man wolle das Gesundheitssystem vor einem Kollaps bewahren, es nicht noch schlimmer machen als es ist, hieß es damals.

Mittlerweile haben die meisten Bars wieder auf. Restaurants ebenso. Nur die Clubs müssen weiter ihre Türen geschlossen halten. Zu groß sei das Ansteckungsrisiko, weil der Mindestabstand auf der Tanzfläche kaum eingehalten werden könne. Spontan am Wochenende feiern gehen? Mit den Freunden mal wieder “einen drauf machen”? Aktuell ein Ding der Unmöglichkeit. Dabei ist der Wunsch danach, ausgelassene Partys zu feiern, größer denn je. Sei es für Partygänger oder Organisatoren.

Dortmunder Club- und Eventszene gründete Interessengemeinschaft

Vor allem für Clubbesitzer und Betreiber von Eventlocations ist das Feier-und Clubverbot ein wahres Desaster. Während die Einnahmen ausbleiben, laufen die Fixkosten weiter. In Dortmund versucht man deshalb, Hilfe über die sozialen Netzwerke zu bekommen. Mitte Juni gründete sich auf Facebook die “Interessengemeinschaft Dortmunder Club- und Konzertkultur”, an der auch bekannte Studentenclubs wie das Oma Doris und der Weinkeller beteiligt sind.

Schwarze quadratische Kästchen mit dem Slogan “Hey Dortmund, ohne euch wird es bald ganz still” sollen auf die missliche Lage der Clubs aufmerksam machen. Das ultimative Ziel der Initiative: Unterstützung aus der Dortmunder Lokalpolitik generieren. Doch die bleibt bislang offenbar aus.

Genau 100 Tage ist es heute her, dass wir uns das letzte Mal im Tanzcafé gesehen haben.Nicht mehr lange und es wird…

Gepostet von Oma Doris am Montag, 15. Juni 2020

Die Betreiber benötigen mehrere tausend Euro für ihre Clubs. Allein das Oma Doris und das JunkYard brauchen 20.000 Euro zum Überleben – das wurde während einer Fundaraising-Kampagne im Frühjahr bekannt. Auf startnext.com, einer bekannten Website für Crowdfunding im Internet, konnte jeder zwischen April und Mai für seinen Lieblingsclub spenden. Am Ende kamen 6200 Euro für das Oma Doris  und 5779 Euro für das JunkYard zusammen. Keine schlechten Summen – aber längst nicht genug.

Clubs kommen und gehen – das Ende muss nicht das Ende sein

Sollte sich in den nächsten Wochen nichts tun und die finanziell gebeutelte Dortmunder Ausgeh-Kultur keine Unterstützung bekommen, dann war’s das wohl. Tschüss, Weinkeller. Tschüss, Oma Doris. Tschüss, JunkYard. Ein nicht gerade “feierliches” Massensterben. Doch wäre das wirklich so tragisch? Auf Regen folgt Sonnenschein, heißt es bekanntlich. Außerdem steht ein Phönix auch aus der Asche wieder auf.

Ein bekanntes Beispiel aus der Dortmunder Clubszene für solch einen “Phönix” ist die Eventlocation im Spähenfelde zwischen Körne und der Nordstadt. Ehemals als “Central Parc” bekannt, gehört sie heute unter dem Namen “Rush Hour” zu den bekanntesten Großraumdiskotheken der Region. Dazwischen hat die ehemalige Eissporthalle allerdings einen Wandel par excellence erlebt. Fünfmal hat sich ihr Name in den vergangenen 30 Jahren verändert, genauso wie ihre Besitzer:

  • “Central Parc” (ab 1986)
  • “Musik-Zirkus” (ab 1989)
  • “Ruhr-Rock-Hallen” (1993-1999)
  • “Big Island” (1999-2003)
  • “Rush Hour” (seit 2004)

Und jedes Mal hat die Partystätte, die in Dortmund zwischenzeitlich auch gerne als “Asi-Park” bezeichnet wurde, ein neues Konzept bekommen. Hat man sich als Partygänger Ende der 80er-Jahre auf fette Beats und Disko-Klänge eingegroovt, gab es nur wenige Jahre später Gitarrenriffs und harte Bässe. Lange Zeit zum Umgewöhnen blieb da nicht. Auch nicht als die Halle Anfang der 2000er vom “Big Island” zum heutigen “Rush Hour” und innerhalb weniger Monate kernsaniert wurde. Aus alt macht neu, sozusagen. Vom Charme der 80er und 90er war nichts mehr zu spüren. Ob es Trauernde gab? Möglich. Ob der Neustart gut für die Dortmunder Clubszene war? Sicherlich.

In Dortmund ist die Ausgehkultur in einem ständigen Wandel. Zuletzt machte auf “Phoenix West” ein Club auf. Foto: Unsplash

Heute gehört das Rush Hour zu den beliebtesten Clubs der Region. Am Wochenende werden dort mit die größten Partys in Dortmund gefeiert, die vor allem unter Russland-Deutschen beliebt sind. Events wie das “Made in Rushya”, das erst Anfang des Jahres stattfand, sind heute keine Seltenheit. Auf Facebook hat das Rush Hour mehr als 80.000n Fans. Keine schlechte Bilanz für eine Diskothek, die es mit ihrem Neuanfang im Jahre 2004 bestimmt nicht einfach hatte. Doch der Erfolg spricht für sich: Altes muss Neuem – und vielleicht Besserem? – irgendwann weichen. Und wer weiß? Vielleicht hat das Rush Hour früher oder später auch ausgedient.

Dortmunder Kult-Disco konnte sich nur wenige Jahre halten

Ein anderes Beispiel für einen Dortmunder Club, der sich nicht dauerhaft halten konnte, war das “Jara” in der Brückstraße. Eröffnet Ende der 70er-Jahre, inmitten des goldenen Zeitalters der Disco-Musik, schloss die Partystätte nur wenige Jahre später wieder ihre Pforten. 1985 hatte Dortmund genug vom “Jara”. Es folgte das “Prince”, welches sich vor allem in den 90er-Jahren zur beliebten Anlaufstelle für Hip-Hop-Musik entwickelte. Doch auch Rap und Soul haben ihre Grenzen und so schloss auch das Prince wieder.

Spätere Versuche, den alten Charme des Jaras wieder aufleben zu lassen, wurden im Keim erstickt. 2016 sollte der Club unter dem wenig innovativen Namen “Jara II” an der Balkenstraße unweit seiner früheren Wirkungsstätte neu eröffnen, doch geklappt hat das nicht. Aus der Traum vom Revival – aus der Traum vom Jara in Dortmund. Doch wirklich vermissen kann man es nicht.

View, Moog und das neue “Tresor” – die Ausgehkultur im Wandel der Zeit

Immerhin hat die Dortmunder Ausgeh-Kultur in den vergangenen Jahren einen ordentlichen Wandel erlebt. Erst im Dezember 2019 eröffnete der Club “Tresor” auf Phoenix West. Sein Besitzer: Dimitri Hegemann. Ein erfahrener deutscher Kulturmanager, der bereits einen erfolgreichen Club mit selbigem Namen in Berlin führt. “Vor ca. 18 Jahren hatte ich schon einmal den Plan, in der Nähe meines Geburtsortes Werl einen Tresor.West aufzubauen, als Pendant zum Berliner Tresor”, schreibt Hegemann auf der offiziellen Website des Tresors.

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Aufgrund der Gesundheitsbesorgnisse durch das Coronavirus entscheidet sich Tresor.West im Interesse unserer Mitmenschen für eine präventive Schließung mit sofortiger Wirkung bis voraussichtlich 20. April 2020. Unsere weitere Vorgehensweise wird in Anpassung an die zukünftigen Entwicklungen und behördlichen Vorgaben stattfinden. Dortmund, 12.3.2020 Due to the health concerns caused by the corona virus, Tresor.West has decided, in the interest of our fellow human beings, to preventively close with immediate effect until at least 20 April 2020. Our further course of action will take place in accordance with further developments and regulatory requirements. Dortmund, 12.3.2020 #TresorWest

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Und auch in der Dortmunder Innenstadt gab es im vergangenen Jahrzehnt immer wieder Neueröffnungen. Zu den wohl bekanntesten Club-Zugängen zählen das View (Eröffnung 2010) und das Moog (Eröffnung 2013). Und es ist davon auszugehen, dass es dabei wohl nicht bleiben wird. Die Ausgeh-Landschaft – egal ob in Dortmund oder sonst wo – ist wie ein Fluss, immer in Bewegung und nie im Stillstand. Schließt sich eine Tür, dann öffnet sich eine neue. Mitsamt Türsteher.

In Dortmund könnte es still werden – aber sicherlich nicht lange

Sollte Corona die Dortmunder Club-Landschaft in die Knie zwingen, dann wird es vielleicht kurzzeitig still in Dortmund. Und ja – es wäre sicherlich auch schade. Vor allem für Clubs wie das Oma Doris, das es schon seit Jahrzehnten in Dortmund gibt. Doch wäre es nicht auch eine Möglichkeit, Neues zu entdecken? Platz für Neues zu schaffen? Nach dem Massensterben der Dinosaurier vor Millionen Jahren blieb die Erde immerhin auch nicht frei von Lebewesen. Heute gibt es eine Vielzahl von Tieren auf der ganzen Welt – eine regelrechte Artenvielfalt, die sich aus ihren Vorfahren entwickelt hat.

An die Dinosaurier denken wir trotzdem gerne und oft genug zurück und halten sie in Erinnerung. Das können wir auch mit Clubs machen. Das ehemalige “Jara” ist das beste Beispiel. Oder der “Asi-Park”, der heute das Rush Hour beherbergt. Die ehemaligen Ausgehstätten – einst geliebt und dann verlassen – sind heute ausgestorben, aber nie vergessen. Wie wird es wohl in ein paar Jahren sein? Wahrscheinlich so, als wäre nie etwas gewesen. Und man hofft, dass die neuen und aktuellen Clubs niemals von der Bildschirmfläche verschwinden werden. Obwohl man ganz genau weiß: Das ist der Lauf der Dinge.

Beitragsbilder: Unsplash Collage: Anika Hinz, KURT

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1 Comment

  • Als ehemaliger Service-Mitarbeiter in einer dieser Clubs in Dortmund empört mich diese einseitige konsumierenden-sicht auf die Lage zutiefst! Kein Wort darüber, dass auch Existenzen da dran hängen? Und damit meine ich nicht die Betreiber, die sind reich und mir schnuppe. Aber über Jahrzehnte konnten Studierende in diesen Clubs ihr Studium finanzieren. Kein Wort darüber, kein Wort über die soziale Integrität und Relevanz dieser Clubs.
    Hauptsache wir können bald wieder ausgehen und Spass haben und womöglich die Mitarbeitenden abfällig behandeln und zu wenig Trinkgeld geben.
    Ich kann gerade nicht in Worte fassen, wie wütend mich dieser Text macht.
    Keinen guten Tag wünsche ich!

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