„The Sound of Silence“ – wie es ist, tagelang ohne Handy zu leben

Ein voller Terminkalender, ständiger Zeitdruck, und pausenlos vibriert das Handy. Da bleibt kaum Zeit für Entspannung. Deswegen ging ich in den Wäldern Bayerns für fünf Tage offline – und plädiere für die Ruhe.

Ich nehme einen Schluck von meinem Tee. Wärme verteilt sich langsam in meinem Mund. Ich atme tief durch und höre das Kratzen der Mine, wenn ich meinen Kugelschreiber über das Papier des roten Notizbuchs bewege. Wie das Summen eines unsichtbaren Insekts. Die Eckbank unter mir knarzt leicht, sobald ich mich bewege. Das Geräusch durchbricht die Stille und erfüllt den ganzen Raum. Der Tisch ruckelt. Ich schaue hoch. Jemand hat sich zu mir gesellt. Etwa zwölf Leute sitzen verteilt im großen Speisesaal. Vor sich eine dampfende Tasse Tee. Alle sind still. Ganz still. Niemand redet hier im Haus Gries.

Die Stille haben wir gebucht. Unser Aufenthalt im Haus Gries ist Teil eines Programms, das hier zwei Mal im Jahr angeboten wird. Unter dem Namen „Time Out“ gibt es Meditationstage für junge Erwachsene. Der Kurs soll die Teilnehmer*innen schulen, die Aufmerksamkeit für das Leben im Hier und Jetzt zu stärken. Dazu gehören Schweigen, Meditationszeiten, Wahrnehmungsübungen und das Tagebuchschreiben. Auch persönliche Begleitgespräche sollen dabei unterstützen. Eine Woche Kursprogramm gibt es samt Unterkunft und Verpflegung für 180 Euro. Exerzitien wie diese finden außerhalb des Alltags an abgelegenen und friedlichen Orten statt. Dabei handelt es sich um geistliche Übungen zur inneren Einkehr, wie das Beten und Verinnerlichen der Bibel.

Eine Woche offline

Das Haus Gries – umgeben von Feldern und Wald.

Die Fahrt zum Haus Gries geht über die Autobahn, dann über die Landstraße und zum Schluss über einen holprigen Weg kurz hinter Kronach, einer kleinen Stadt in Bayern. Dort steht ein großes, gelbes Haus, umgeben von Feldern und Wald. Ein grünes Schild mit gelben Buchstaben zeigt mir, dass ich richtig bin: „Haus Gries“, mein Zuhause für die nächsten fünf Tage. Es ist ein Ort der Stille, des Betens und der Gemeinschaft, gegründet 1984 vom Jesuiten-Pater Franz Jalics. Seitdem gilt es als Hauptanlaufstelle für Exerzitien in Deutschland.

Ein letztes Mal gleitet mein Finger auf das WhatsApp-Icon. Ein letztes Mal fliegen meine Finger über die grauweiße Tastatur: „Bin dann mal weg … bis Sonntag. Hab euch lieb!“ Die nächste Nachricht werden meine Eltern erst in knapp fünf Tagen von mir bekommen. Dann schalte ich mein Handy aus und lege es in mein Handschuhfach. Denn eine Regel lautet: keine Ablenkung. Handys, Bücher, Zeitschriften – all das soll zu Hause bleiben. Deswegen beinhaltet mein Gepäck auch nur Kleidung, eine Zahnbürste und meine Kamera.

Erleichterung macht sich in mir breit. Durchatmen. Mir steht eine Woche ohne Internet bevor. Keine Nachrichten, kein Instagram, Twitter und Co. Ich freue mich auf das Experiment. Zu oft habe ich mich in der letzten Zeit von Nachrichten, Mails und ständigem Lärm verfolgt gefühlt. Damit ist jetzt Schluss. Ich gehe offline. Mein Zimmer, kaum größer als fünf Quadratmeter, besteht lediglich aus einem Bett, Schrank und Waschbecken. Auch hier keine Ablenkung. Die nächste Woche richte ich mich ganz nach mir – und unserem Wochenplan.

Das Schweigen beginnt

Der große Speisesaal im Erdgeschoss.

Auf leisen Sohlen versuche ich, zum Speisesaal zu schleichen, scheitere aber an den knarzenden Holzdielen. Jedes Geräusch wirkt hier in der Stille dreimal so laut. Drinnen warten schon die Menschen, mit denen ich in den nächsten Tagen meditieren, beten und leben werde. Wir sind alle zwischen 18 und 33 Jahre alt und kommen aus den verschiedensten Regionen Deutschlands. Männer und Frauen sind gleichermaßen vertreten. Gleich gibt es Frühstück. Eine Stimme in mir will allen einen guten Morgen wünschen, doch ich reiße mich zusammen. Ein freundliches Lächeln, ein bedachtes Zunicken, das ist alles. Seltsamerweise reicht das.

Mindestens vier Mal am Tag treffen wir uns zum Meditieren in der Kapelle. Leise trete ich mit meinen Kuschelsocken durch die große dunkle Tür. Vorbei am Schrein, in dem die Hostien aufbewahrt werden, die beim Abendmahl für den Leib Christi stehen. Während sich die anderen davor verneigen, husche ich auf meinen Platz. Ich bin zwar gläubig, aber als Protestantin weiß ich von katholischen Bräuchen kaum etwas. Sobald alle sitzen, ertönt der Gong. Ich schließe meine Augen. Versuche, jeden Atemzug in meinem Körper zu verfolgen. Spüre, wo mein Körper den Boden berührt. Wo sich die Wärme meiner Hände auf den Beinen verteilt. Spüre meine Wirbelsäule, das Gewicht meiner Schultern, meinen Hals, meinen Kopf. Nehme die Stille wahr. Es ist ein ungewohntes Gefühl, komplett entspannt zu sein. Ich muss an nichts anderes denken und nirgendwo anders sein.

Ich befinde mich auf dem „Grieser Weg“, der aus fünf Schritten besteht. Den ersten bin ich in der Kapelle gegangen, die restlichen vier folgen in den kommenden Tagen während der Meditation. Die Schritte enthalten Wahrnehmungsübungen in der Natur, des Körpers, der Atmung und der inneren Stimme. Geprägt wurden sie ursprünglich von Ignatius von Loyola, dem wichtigsten Mitbegründer des Jesuitenordens. Die Gebetsweise soll zu einer besseren Selbstwahrnehmung und einer engeren Beziehung zu Gott führen. Meditieren meint also nicht reine Entspannung, sondern eine Form des meditativen Gebets. Jalics, der Gründer des Haus Gries, hat die Übungen modernisiert. Daher der Name.

Ohne Tischgespräche isst es sich ganz gut

Es ist Mittwoch, Punkt zwölf Uhr, Zeit fürs Mittagessen. Bereits nach zwei Tagen im Haus Gries fühlt es sich gar nicht mehr so seltsam an, die Mahl- zeiten in Stille einzunehmen. Ohne höfliche Floskeln und aufgezwungenes Tischgespräch isst es sich ganz gut. Mit Blicken und Gesten kann ich zudem mehr ausdrücken, als mir bewusst war. Jede*r wirkt so aufmerksam und scheint direkt erkennen zu können, wenn jemand etwas braucht. Nach dem Salzstreuer muss ich kein einziges Mal fragen. Durch die Stille wird das Essen bedeutsamer. Es wird wieder ein fester Bestandteil des Tages und passiert nicht nur nebenbei.

Der tägliche Wahrnehmungsspaziergang.

Leichter Wind weht mir um die Nase, als ich vor die Tür des Hauses trete. Wohin ich heute laufen will, weiß ich noch nicht. Ich mache einen Wahrnehmungsspaziergang. Das heißt, dass ich ganz ohne Ziel herumlaufe und alles hören, riechen und fühlen soll, was mir auf dem Weg begegnet.

Im Alltag habe ich oft nur mein Ziel vor Augen. Der Weg dahin ist Mittel zum Zweck. Während ich so im Wald umherlaufe, versuche ich, mich mehr auf meine Gefühle zu konzentrieren. Und plötzlich ist da wieder etwas, das ich zum letzten Mal mit zwölf Jahren auf Klassenfahrt empfunden habe: Heimweh. Sofort ertappe ich mich dabei, dass ich gedanklich schon wieder bei Sonntagmorgen, gepackten Koffern und der Abreise bin, statt mich auf den Weg zu konzentrieren. Dabei will ich hier abschalten, eine Auszeit nehmen.

Anette Clara Unkelhäußer (links) und Joachim Hartmann (rechts).

Wenn Multitasking den Alltag bestimmt

Am dritten Tag darf ich wieder reden – zumindest für kurze Zeit. Mein Begleitgespräch steht an. Annette Clara Unkelhäußer, die Leiterin des Exerzitien-Kurses, erwartet mich mit einem breiten Lächeln in ihrem Büro. Mit Joachim Hartmann leitet sie das Haus Gries. Er ist Priester, Mitglied des Jesuitenordens und hält unsere täglichen Gottesdienste. Mit Annette Clara zu reden, tut gut, auch wenn mir das Sprechen an sich nicht wirklich gefehlt hat. Es ist eher die Stille um mich herum, die mich bedrückt. Sie gibt mir daraufhin einen recht kurzen Rat: Ich solle lernen, die Stille zu genießen, die einfachen Sachen wahrzunehmen. Einfach nur dasitzen und Tee trinken.

„Wer richtig wahrnimmt, der wird genährt“, erklärt Annette Clara. Wer vergisst, wahrzunehmen, der lebe nicht richtig. Erst in diesem Gespräch wird mir bewusst, wie sehr ich immer versuche, die Stille aus meinem Alltag zu vertreiben. Wenn ich koche, läuft eine Sitcom auf Netflix und nebenbei quatsche ich noch mit meiner Mitbewohnerin. Selbst wenn ich mir Zeit zum Entspannen nehme, geht das nicht still, sondern nur mit der Lieblingsserie und meinem Handy. Ich habe es immer Multitasking genannt, dabei war es eigentlich ziemlich ungesund – für Geist und Körper.

Ein wirrer Mix aus Klirren und Klappern durchbricht die Stille. Gabeln, Messer und Löffel treffen auf die Keramik der Teller. Gläser machen ein dumpfes Geräusch, wenn sie wieder auf den Tisch gestellt werden. Nach und nach verstummen die letzten Laute. Die Uhr zeigt halb sieben. Das Abendessen ist vorbei. Ich suche den Blickkontakt zu meinen Tischnachbar*innen. Wir klären auf diese Weise ab, ob wir nun aufstehen und einen großen Kreis bilden. Denn anstelle eines Tischgebets wird vor und nach jedem Essen ein Lied angestimmt und das Schweigen damit ausnahmsweise gebrochen. Das, was mir zunächst ungewohnt erschien, ist nach wenigen Tagen im Haus Gries zu einer Art Routine geworden, die ich schätzen gelernt habe. Vor allem, weil ich beim Blick durch den Kreis nur in fröhliche Gesichter schaue. Ganz ohne Reden haben 33 Menschen eine Gemeinschaft gebildet. Die Erfahrung vor Ort schweißt zusammen. Der letzte Ton erklingt. Dann räumen wir ab.

Vor der Kapelle treffe ich meine Gruppe pünktlich um 19.50 Uhr wieder. Die Eucharistiefeier beginnt. Anfangs war ich skeptisch, denn in meinem Leben abseits des Haus Gries gehe ich selten in die Kirche. Doch nach vier Tagen freue ich mich auf den Gottesdienst fast am meisten von allen Aktivitäten. In den Predigten erzählt Joachim Hartmann unter anderem von dem Unterschied zwischen Versöhnung und Vergebung. Letzteres sei etwas, was ich für eine andere Person tue. Bei der Versöhnung werde ich mit eingeschlossen: „Ich versöhne mich mit dir.“ Bevor wir aber vergeben können, müssen wir erst erkennen, dass ein Konflikt besteht.

Für kurze Zeit auf Pause gedrückt

Das Tagebuchschreiben wurde Teil des Alltags.

In meiner Zeit der Stille habe ich gemerkt, dass es bei mir noch ungelöste Streitigkeiten gibt. Mit anderen und mit mir selbst. Bisher haben mich Selbstzweifel oft begleitet und daran gehindert, mich komplett zu entfalten. Auch mein Handy war daran schuld. Vor allem auf Instagram habe ich mich zu oft mit anderen verglichen. Sei es äußerlich oder mit deren Leistungen. Durch die Auszeit finde ich wieder zu mehr Selbstbewusstsein.

Wieder höre ich das Kratzen meines Kugelschreibers. Wieder füllen sich die Seiten des kleinen, roten Notizbuches. Jeden Tag habe ich hier meine Gedanken niedergeschrieben. Die Stille hat gutgetan. Es war schön, für eine kurze Zeit mal auf Pause zu drücken. Da war kein Drang, ständig auf das Handy zu schauen, in der Angst, etwas zu verpassen. Kein Drang, sämtliche News-Feeds zu aktualisieren. Keine ständigen Eil-Meldungen über Trump, Johnson oder Corona. Keine Mails, die ich sofort beantworten muss. Mittlerweile ist es kurz vor zehn. Zeit zu schlafen. Als ich aufstehe, gibt die Bank wie immer ein lautes Knarzen von sich. Die anderen im Raum blicken auf und schenken mir ein kurzes Lächeln. Unsere Art, „Gute Nacht“ zu sagen.

Angespannt laufe ich über den Parkplatz auf mein Auto zu. Der erste Griff geht ins Handschuhfach. Knapp eine Woche habe ich es ohne mein Handy ausgehalten. Lust, es wieder anzumachen, verspüre ich nicht. Doch ohne Navi würde ich den Weg nach Hause nie finden. Der Bildschirm wird hell und dann fängt es an: 297 Nachrichten bei WhatsApp. 30 ungelesene Mails. 19 Chats bei Snapchat. 20 Mitteilungen auf Twitter. 15 bei Facebook. Acht bei Instagram. Ich ignoriere den Sturm an Mitteilungen. Lediglich meinen Eltern schicke ich eine schnelle Nachricht: „Fahre los, bis gleich!“ Allen anderen widme ich mich später, in Ruhe. Wer es eine Woche ohne Antwort ausgehalten hat, kann noch ein paar Stunden länger warten.

Fünf Tage sind vergangen. Fünf Tage nur für mich, meine Gedanken und Stille. Abgeschnitten von der Außenwelt. Ich fahre Richtung Heimat, über den holprigen Weg, durch Kronach, zur Landstraße. Auf der Autobahn gebe ich Gas, während mir langsam ein paar Tränen über die Wangen laufen.

Die Zeit nach Gries

Im Alltag so weiterzuleben wie im Haus Gries ist fast unmöglich. Einige Dinge, die man während der Auszeit gelernt hat, kann man aber versuchen in den „normalen“ Tagesablauf zu integrieren. Auch mehrere Wochen nach Gries lege ich gerne mein Handy zur Seite und genieße die Ruhe.

Was die Anderen aus der Zeit in Gries mitgenommen haben, habe ich zwei der Teilnehmer gefragt:

„Ich freu mich immer schon auf die Stunden im Zug auf dem Rückweg von Gries nach Hause: Da langweile ich mich so richtig ausgiebig und feiere, dass ich für diese kurze Zeit auch nach den Exerzitien innerlich noch so frei gelassen bin – und überhaupt nicht den Wunsch verspüre, mein Handy wieder anzumachen“, erzählt mir Matthias, der schon dreimal an einem solchen Programm teilgenommen hat.

„Während der Zeit in Gries habe ich mich selber besser kennengelernt – und das auf einer ganz neuen Ebene. Mit der Kontemplation habe ich nun ein Werkzeug erlernt, das mich auch weiterhin im Alltag bestärkt und mir einen inneren Ausgleich gibt“. So beschreibt es Felix. Kontemplation heißt hier, sich voll und ganz auf die Wahrnehmung zu konzentrieren und gedanklich in sich zu gehen.

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