Kommentar: Die Oscars haben ein Problem

Heute Nacht werden die Oscars verliehen – der wichtigste Filmpreis Hollywoods. Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences zeichnet dann die besten Filme des Jahres aus. So sollte es zumindest sein. Aber schon seit einigen Jahren zeigt sich, dass das nicht der Fall ist. Die Oscars sind kein richtiger Filmpreis mehr. Popularität, politische Statements oder das Selbstverständnis der Academy-Mitglieder als Künstler sind wichtiger als die Qualität eines Films. Ein Kommentar. 

Das erste Mal ist mit Marvels „Black Panther“ ein Superhelden-Film in der Kategorie „Bester Film“ nominiert. Ein Fortschritt für die Oscars. Endlich scheint die Academy auch große Blockbuster zu beachten. Leider tut sie das aber aus genau dem falschen Grund. Es ist der verzweifelte Versuch, mehr Zuschauer zu gewinnen.

Die Academy

Die „Academy of Motion Picture Arts and Sciences“ setzt sich aus tausenden Filmschaffenden zusammen. Darunter finden sich unter anderem Schauspieler, Regisseure, Drehbuchautoren oder Kameraleute. Sie schlagen ihre Film-Favoriten des letzten Jahres für den Oscar vor und stimmen dann ab, wer gewinnt.

Der Kampf um Aufmerksamkeit 

Jedes Jahr, wenn die Oscars verliehen werden, sitze ich ab zwei Uhr morgens vor dem Fernseher. Im Vorfeld habe ich mich über die Nominierten informiert und im besten Fall fast alle Filme gesehen. Das ist für mich als jemand, der sich sehr viel mit Filmen auseinandersetzt, ganz normal. Ich bin damit einer von Millionen Zuschauern. Aber die Menschen, die sich die Verleihung anschauen, werden immer weniger. Und nicht nur diejenigen, die sich wie ich in Deutschland früh morgens aus dem Bett quälen, sondern auch die Zuschauer in den USA. Seit 2014 hat die Oscar-Verleihung rund 40 Prozent seiner US-Zuschauer verloren.

Diese Zahlen sind alles andere als überraschend. Die Veranstaltung ist zäh, dauert mehrere Stunden und es gibt viele Werbungen. Dazu kommt aber noch etwas Anderes. Die nominierten Filme sind meistens nicht die Filme, die die breite Masse erreichen und begeistern. Die Marvel-Blockbuster hingegen tun das. „Black Panther“ ist einer der erfolgreichsten Filme des letzten Jahres und hat weltweit rund 1,35 Milliarden Dollar eingespielt. Dazu kommt noch der große Einfluss auf die amerikanische Gesellschaft – vor allem auf die schwarze Bevölkerung, die sich endlich auch im Mainstream-Kino repräsentiert fühlte.

Betrachtet man „Black Panther“ aber abseits von seinem großen Erfolg an den Kinokassen und beschränkt sich rein auf die Qualität, ist seine Nominierung als bester Film nicht nachvollziehbar. In der langen Reihe der Marvel-Blockbuster gesellt er sich dazu, ohne neue filmische Maßstäbe zu setzen. Die Geschichte ist solide, macht aber nichts neu. Bei den Special-Effects muss man sich hingegen sogar fragen, ob Marvel einen ganzen Schritt zurück gemacht hat.

Die Hoffnung scheint also zu sein, dass „Black Panther“ die Leute nicht nur ins Kino strömen ließ, sondern auch den Fernseher zur Oscar-Verleigung einschalten lässt. Schon lange vor der Nominierung zeigte sich dieser Versuch. Es sollte eine neue Kategorie geben: „Bester populärer Film“. Das sorgte vor allem im Internet für große Aufregung. Wonach soll hier bewertet werden? Schnell hat man die Pläne wieder verworfen und auf das nächste Jahr verschoben. Wobei hier fraglich ist, ob die Pläne in Wirklichkeit nicht schon längst beerdigt worden sind. Die geplante Kategorie wertet populäre Filme wie die Marvel-Blockbuster ab. Einen Preis für die große Popularität kann man ihnen geben, aber in den elitären Kreis der besten Filme will man sie bloß nicht aufnehmen. Diese Attitüde ist nichts Neues. Über die Jahre haben sich klare Muster ergeben, was die Academy schätzt und was nicht.

Es muss Kunst sein 

Jedes Jahr zur Oscar-Saison kommen Filme in die Kinos, die sich Chancen auf den begehrten Preis ausrechnen. Und das hat einen Grund. Sie sprechen Themen an und haben klassische Elemente, die der Academy gefallen. Denn die Academy liebt schwere Filme, die eine Botschaft vermitteln wollen – der nächste große Politik-Thriller zum Beispiel. Genauso beliebt: Filme mit großem künstlerischen Wert. Denn die Mitglieder sind eben Künstler. Filmschaffende, die die hohe Kunst des Filmemachens sehr elitär betrachten. Schaut man sich die Liste der letzten Gewinner in der Kategorie „Bester Film“ an, wird das schnell klar: Im letzten Jahr war es die Liebesgeschichte einer stummen Frau mit einem humanoiden Wasserwesen. Davor zeichnete man die Geschichte eines schwarzen Jungen aus, der in schwierigen Verhältnissen aufwächst und mit seiner Homosexualität klar kommen muss. Und 2016 war der Gewinner die Verfilmung um die Aufdeckung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche. All diese Filme haben ihre Auszeichnung verdient. Schaut man sich jedoch ihre Konkurrenten an, merkt man schnell, dass auch sie solche schweren Geschichten erzählen oder einen sonstigen künstlerischen Wert haben.

Filme aus anderen Genres finden keine Beachtung. Vor allem aus dem Bereich der Comedy oder des Horrors findet man fast keine Filme. Das gilt auch wieder in diesem Jahr. Der Horrorfilm „Hereditary“ überzeugte Kritiker und spaltete das Publikum. Als Horrorfilm behandelt der Film natürlich auch Übernatürliches und Mysteriöses. In seinem Kern geht es jedoch vor allem auch um ein Familiendrama und den Umgang mit Verlust.

Eigentlich bietet der Film dadurch etwas, was bei der Academy sonst gut ankommt. Jedoch scheint ihn sein klarer Bezug zum Horror-Genre auszuschließen – zu unrecht. Vor allem auch, weil Hauptdarstellerin Toni Collette alles gibt. Sie raubt dem Zuschauer in jeder ihrer Szenen den Atem und macht ihre Emotionen spürbar. Auch sie findet keinerlei Beachtung in diesem Jahr. Obwohl ihre Figur eine klare Eigenschaft aufweist, die sonst so geschätzt wird. Sie spielt eine gebrochene Frau. Die Academy mag das. Schauspieler sollen gebrochene oder besonders emotionale Charaktere verkörpern. Oder sie müssen eine besonders große Verwandlung durchmachen, wie zum Beispiel Gary Oldman im letzten Jahr, der durch künstliche Prothesen im Gesicht zu Winston Churchill wurde.

Es muss sich etwas ändern

Es wird sich zeigen, ob heute Nacht mehr Menschen den Fernseher einschalten werden als letztes Jahr. Dennoch steht fest, dass der Oscar sich verändern muss. Die Entscheidungen der Academy müssen durchsichtiger werden und vor allem muss sie sich auch dem Mainstream-Kino ein Stück weit öffnen. Denn auch hier gibt es gute Filme. Der erste Schritt ist mit der Nominierung von „Black Panther“ getan – nur viel zu spät und mit dem falschen Film. Wenn sich die Academy in den folgenden Jahren endlich weiterentwickelt und ein Stück weit ihre elitären Ansichten ablegt, könnten die Oscars endlich wieder zu dem werden, was sie eigentlich sein sollen: ein richtiger Filmpreis.

 

Beitragsbild: mohamed_hassan via pixabay

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