Pädagoge: „Wir müssen Gangster-Rap ernst nehmen!“

Gangster-Rap ist bei Jugendlichen in Deutschland extrem populär. Gleichzeitig sorgen die politisch inkorrekten Texte für Empörung. Rap-Pädagoge Nico Hartung erklärt im Interview, warum unsere Gesellschaft Gangster-Rapper dennoch braucht.

KURT: Gangster-Rap ist politisch inkorrekt, gewaltverherrlichend und sexistisch. Für viele ist das problematisch. Wie siehst du das?

Nico Hartung: Ich habe ein Problem mit Aussagen, die menschenverachtend sind, würdemissachtend und demokratiegefährdend. Dabei ist es egal, in welchem Kontext es zu diesen Aussagen kommt, im Rap oder in anderen Bereichen. Besonders problematisch ist es, wenn politisch inkorrekte Aussagen unreflektiert im Raum stehen bleiben und zum Image werden – wie im Rap.

Andererseits ist diese extreme Musikform ein Spiegel unserer Gesellschaft, die in Teilen selbst sexistisch und gewaltverherrlichend ist. Man braucht nur ins Kino gehen, da hat auch jeder zweite Film härtere Gewaltszenen. Deutschrap ist die expliziteste Art und Weise der musikalischen Kunst, die ich kenne. Deutschrap macht auf gesellschaftlich relevante Themen aufmerksam. Deshalb bin ich glücklich darüber, dass es ihn gibt. Rap bringt solche Themen immer wieder auf den Tisch und wir als Gesellschaft müssen uns mit diesen Themen auseinandersetzten.

Was können wir tun, damit das funktioniert?

Wichtig ist, dass die Kids dazu angehalten werden, die Themen und Texte zu reflektieren. Rapper sprechen jugendlich und kommunizieren viel aus der Gedankenwelt der Jugendlichen. Unsere Aufgabe als Pädagogen ist es, solche Dinge aufzugreifen, darüber zu sprechen und zu gucken, was gesellschaftlich sinnvoll ist und wo es Probleme gibt. Eigentlich schleudern die Kids und die Rapper uns ihre Themen entgegen und wir müssen sie nur noch auffangen und mit ihnen problematisieren.

Nico Hartung, Bild: privat           

Klingt ja recht einfach. Wo liegt denn das Problem?

Die älteren Generationen verurteilen häufig das, was im Rap thematisiert wird. Sie bringen nicht den Anstand mit, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. So gesehen, setzen sie sich auch nicht mit den Kids auseinander. Neulich war ich in einer Grundschule zu Gast und habe darauf aufmerksam gemacht, welche Songs die Kinder so hören. Mir gegenüber saß eine Musiklehrerin, die meinte, sie habe keine Lust, sich mit politisch inkorrektem Rap auseinanderzusetzen. Sie hat es den Kindern dann einfach verboten. Das ist der falsche Weg. Durch ein einfaches Verbot lernt keiner etwas, weder die Kinder noch wir.

An dieser Stelle setzt das Tuned-Jugendprojekt an. Ihr arbeitet mit Kindern und Jugendlichen aus ganz Deutschland, helft ihnen, die Themen und Texte zu reflektieren.

Ich will an dieser Stelle eins sagen: Wir kommen nicht rein und verändern die ganze Gruppe, nur weil wir über diese Themen diskutiert haben. Es ist nicht so, dass die Kids danach keinen Rap mehr hören oder jedes Mal sagen: „Oh, da wurde jetzt Bitch gesagt. Da muss ich jetzt mal drüber nachdenken, weil Nico ja gesagt hat, dass das frauenfeindlich ist.“ So ist es nicht. Wir streuen aber den Samen aus. Wir als Pädagogen sind dafür verantwortlich. Wir arbeiten mit den Kindern und erziehen sie zu gesellschaftlich mündigen Wesen. Dabei ist es unumgänglich, ihnen unsere gesellschaftlichen Normen mitzugeben und zu erklären, was okay ist und was nicht.

Das ist Nico Hartung
Nico Hartung war selbst mal Rapper und arbeitete unter anderem mit Amewu, S-Rok und Sookee zusammen. Der erfolgreichste Song des 39-jährigen Berliners ist „Die Welt ist eine Bühne“ und erschien auf dem Sample „Hauptstadtflow“. Als Begründer des Tuned-Jugendprojekts, welches er 2006 ins Leben gerufen hat, reisen er und seine Mitarbeiter*innen durch ganz Deutschland und veranstalten Workshops an Schulen und in Jugendeinrichtungen, wo sie mit Kindern und Jugendlichen über Rap-Musik sprechen und Songs produzieren.

Was ist das Ziel eurer Arbeit?

Mein Team und ich wollen den Kindern Maßstäbe und Richtlinien mitgeben, keine festen Regeln. Innerhalb dieser Richtlinien können sie sich verorten. Erfolgreich sind wir, wenn die Kinder feststellen, dass Rap nicht gewalttätig sein muss. Rap ist eine Kunstform, in der es um Sprache geht und um Sprachsensibilität. Entscheidend ist, zu erkennen, dass die Kunstform selbst das Besondere ist. Haben die Kinder das verstanden, merken sie auch, dass die Künstler im Gangster- bzw. Image-Rap nur eine Rolle spielen.

 Nicht jede*r versteht, dass im Rap alles nur Show ist. Wie geht ihr damit um?

Häufig aufgefallen ist mir das bei der Arbeit mit geistiger Entwicklung, also mit Kindern, die Einschränkungen haben. Diese Kinder haben meist nicht das nötige Reflexionsvermögen, um die Texte zu verarbeiten. Wenn es dann heißt „Hau ihm in die Fresse!“, hauen die dem halt auch in die Fresse. Ihnen sei doch gesagt worden, dass sie das machen sollen. In solchen Fällen sind diese Texte ein bisschen gefährlicher.

Können die Texte nicht für jede*n gefährlich sein?

Den anderen Kids, die Zugänge haben und auch reflektieren können, wird aus meiner Sicht häufig nicht genug vertraut, sich selbstständig eine Meinung bilden zu können.

Ihr arbeitet mit den Kindern direkt an den Texten. Wie kann ich mir das vorstellen?

Ich mache da zwei Sachen super gerne. Ich nehme den Songtext eines Künstlers, zum Beispiel den Song „Mama bitte wein nicht“ von Capital Bra. Darin sagt er: „Ich will dich nie wieder enttäuschen.“ Danach lege ich einen Text vom selben Künstler daneben, da sagt er: „Ich packe Packs …“ In einem Song rappt Capital Bra also, dass er seine Mutter nie wieder enttäuschen und keine Drogen ticken will. Im anderen heißt es, dass er Drogen tickt. So merken die Kinder, dass der Künstler widersprüchliche Aussagen macht.

Häufig gehe ich Songtexte Zeile für Zeile mit den Kids durch und frage, ob sie dem Rapper das glauben, was er da sagt. Ein Beispiel wäre ein Massaker auf der Straße. Glaubt ihr dem das? Wenn er das machen würde, wäre er im Gefängnis. Also nein, das glauben wir ihm nicht. Und immer, wenn wir dem Rapper etwas nicht glauben, streichen wir die Textzeile durch. Am Ende schauen wir, was übrig bleibt. Bei „Es kann beginnen“ von Bushido bleibt von der kompletten ersten Strophe zum Beispiel nur eine Zeile stehen: „Schenk mir zum Geburtstag eine Kiste voller Schnaps.“ Der Rest ist weg. Wenn die Kids das dann sehen, sagen sie: „Oh, krass! Wie viel Falsches ist da eigentlich drin und was kann man ihm überhaupt glauben.“ Das ist echt eine schöne Anregung zur Selbstreflexion.

Warum sind ausgerechnet diese Rapper so erfolgreich?

Das ist die Faszination des Verbotenen, die wird immer da sein. Die Pubertät ist ja auch dafür da, um sich auszuprobieren. Und sich von der Elterngeneration abzugrenzen, geht mit Rap meist ganz hervorragend. Damit kann ich als Jugendlicher schön triggern. Ich glaube, dass das einfach ein großes pubertäres Spiel ist.

Interessanter ist die Frage, warum Rapper es auch mit 40 noch nicht schaffen, aus diesem Spiel herauszukommen. Vor allem die älteren Rapper wie Savas sind da viel mehr in der Verantwortung als die Jungen. Gleichzeitig gibt es genug Rapper, die echte Künstler geworden sind. Wenn man sich mal ein Dendemann-, Freundeskreis-, Max Herre-Album anhört, hat man das Gefühl, dass das richtige Künstler sind. Und es ist trotzdem alles Rap, aber meiner Meinung nach eben auf einem viel höheren Niveau als Gzuz und Co.

Dieses Verantwortungsbewusstsein fehlt vielen anscheinend.

Die Frage, die davorsteht, ist: Willst du Geld machen oder willst du Kunst machen? Und sobald du Geld machen kannst, machst du die Dinge, die laufen und Geld bringen. Manche Künstler wollen einfach nur möglichst viel verdienen, der Rest ist denen egal. Die jüngere Generation ist denen nur wichtig, weil sie ihnen den Porsche finanziert.

Manchmal tauschst du dich mit Rappern aus und fragst sie, warum sie dieses oder jenes gesagt haben. Was bekommst du für Antworten?

Das ist wirklich ‘ne gute Frage. (lacht) Viele sagen, dass es bei dem Ganzen eigentlich nur um sie gehe. Dann gibt es jene, die behaupten, dass sie ja schon mal einen Song gemacht hätten, der politisch korrekt sei. Oder sie sagen, dass sie ihre Verantwortung schon an vielen Stellen wahrgenommen hätten oder dass sie für irgendwas Geld spenden würden. Aber über die Grundsatzdebatte, die wegen ihrer Songs geführt wird, sind sich die meisten gar nicht im Klaren. Ansonsten ist es ein bisschen schwierig, mit Rappern zu sprechen. Sie geraten immer schnell in eine Verteidigungshaltung und lassen sich nur selten auf ernsthafte Diskussionen ein.

Warum?

Rap kommt aus einer Schicht, in der vulgäre Sprache an der Tagesordnung ist. Wer glaubt, dass Rap noch authentisch ist, wenn er dessen Sprache bereinigt, liegt falsch. Ich glaube, es muss ein bisschen vulgär sein. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch reflektiert sein darf oder muss. Aber diese ganze Gossenmentalität, die gehört da auch irgendwie rein.

Was würdest du dir von der Gesellschaft wünschen, wenn es um den Umgang mit Rap geht?

Ich bin kein großer Freund davon, wie Rap in den Medien diskutiert wird. Ich merke das ja auch selbst, wie ich behandelt werde, wenn ich mit Rap um die Ecke komme. Da wirst du häufig doof angeguckt und ausgelacht. Das Verständnis, dass das eine ernste Kunstform ist, ist in großen Teilen der Gesellschaft irgendwie nicht so gegeben. Wenn wir wirklich auf unsere Kids eingehen wollen, dann müssen wir Rap und damit auch Gangster-Rap ernst nehmen. Es ist wichtig, mit den Kindern ernste Gespräche zu führen und nicht von oben herab zu erklären, was sinnvoll ist und was nicht. Deshalb müssen Leute das übernehmen, die sich damit auskennen.

Bildquelle: Pixabay/arnodorianunit0

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