Kommentar: Lasst die Spiele beginnen

Die Olympischen Sommerspiele sind für viele Sportler*innen der Höhepunkt ihrer Karriere. Es gibt kein Ereignis, was noch größer ist. Auch keine Welt- oder Europameisterschaft. In diesem Jahr finden die Spiele trotz Pandemie in Tokio statt. Trotz vieler Bedenken ist das die absolut richtige Entscheidung.

Es ist gut, dass die Olympischen Spiele in diesem Jahr stattfinden. Nicht nur für das sportbegeisterte Publikum. Sondern vor allem für die Athlet*innen. Denn sie hätten den weitaus höheren Preis gezahlt, wären die Spiele diesmal aufgrund der Pandemie einfach ausgefallen. Gerade den Besten unter ihnen wäre das größte Opfer abverlangt worden: Der Verzicht auf die womöglich einmalige Chance, eine olympische Medaille zu gewinnen. Die Pandemie hätte eine verlorene Generation von Spitzensportler*innen hinterlassen. Denn der Schaden, den der Ausfall der Spiele in vielen Sportlerkarrieren angerichtet hätte, wäre nicht wiedergutzumachen gewesen.

Wohl jeder*jede Leistungssportler*in hat den großen Traum, wenigstens einmal an Olympischen Spielen teilzunehmen. Viele arbeiten ihr ganzes Sportlerleben auf dieses Ziel hin. Einige von ihnen befinden sich derzeit auf dem Höhepunkt ihrer Leistungskraft. Für sie ist es ein entscheidender Unterschied, ob die Spiele jetzt stattfinden oder erst 2024. Das Risiko ist groß, dass gerade die Älteren unter ihnen in drei Jahren ihren Leistungszenit überschritten haben.

Die meisten Sportarten verlangen den Athlet*innen eine extreme körperliche und mentale Belastung ab. Mit Mitte 30 sind viele schon zu alt für einen Triumph. Die meisten Sportler*innen erlangen ihren Karrierehöhepunkt mit Mitte oder Ende 20. Für sie ist jetzt die Zeit für eine Medaille, sie können nicht weitere drei Jahre warten. Zudem müssten sich alle Sportler*innen dann erneut für Olympia qualifizieren. Die Athlet*innen haben die geforderte Leistung jetzt erbracht. Sind sie in drei Jahren aber vielleicht nicht mehr in Form oder verletzt, scheitert der Medaillentraum nur deswegen. Das darf nicht sein.

Zeitspanne für Höchstleistungen ist gering

Die deutsche Geräteturnerin Kim Bui aus Tübingen zum Beispiel: Sie ist 32 Jahre alt und befindet sich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Sie war schon Deutsche Meisterin am Boden, im Mehrkampf und im Sprung. Nur eine Olympische Medaille fehlt noch. In diesem Jahr hat sie darauf gute Chancen. In drei Jahren ist sie 35 – die große Gelegenheit hätte sie somit verpasst. Denn vor allem beim Turnen ist das Zeitfenster für absolute Höchstleistungen extrem klein. Mit 35 würde sich die Chance nicht nur minimieren, sie wäre einfach nicht mehr da.

 

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Denn wie eine internationale Studie der Halmstad University aus dem Jahr 2009 ergab, liegt der Karrierehöhepunkt im Kunstturnen bei 15 bis 20 Jahren. Viele Turner*innen sind mit 25 Jahren schon weit über ihren Zenit hinaus und denken an ein Karriereende. Zum Vergleich: Ex-Kunstturner Fabian Hambüchen hat bei Olympia mehrere Medaillen gewonnen und beendete seine Karriere im Jahr 2017 – mit 29 Jahren.

Für Frauen ist die genaue Karriereplanung noch wichtiger als für Männer. Für sie verkürzt sich der Lebensabschnitt, in dem sie sportliche Höchstleistungen erbringen können, um die Zeit einer möglichen Schwangerschaft. Die Sportlerinnen müssen ihre Medaillenplanung mit der Familienplanung in Einklang bringen. Wann ist der beste Zeitpunkt für eine Schwangerschaft? Nach der Karriere? Oder zwischendurch? Die Athletinnen müssen abwägen, wann sie wieder einsteigen. Zeitverzögerungen durch die ausfallenden Olympischen Spiele wiegen doppelt schwer. Denn im schlimmsten Fall fällt so die Familiengründung komplett aus, verzögert sich um einige Jahre oder die Athletinnen müssen gänzlich auf den Leistungssport verzichten.

Felix als Ausnahmebeispiel

Die US-amerikanische Leichtathletin Allyson Felix gewann bei Olympia von 2004 bis 2016 sechs Gold- und drei Silbermedaillen. So viele wie keine andere Leichtathletin. 2018 bekam sie ein Kind. Anschließend beendete ihr Werbepartner Nike die Zusammenarbeit. Als das bekannt wurde, war die Empörung in der Öffentlichkeit groß. Nike reagierte darauf und verankerte eine Mutterschaftsklausel in den Verträgen. Die Sportlerinnen werden nach der Geburt eines Kindes für weitere 18 Monate bezahlt. Felix half das nichts, sie musste sich allein zurückkämpfen. Ein Jahr nach der Geburt gewann sie bei der Leichtathletik-WM in Doha eine Medaille.

Solche Fälle sind jedoch eher die Ausnahme. Die meisten Athletinnen haben Angst, nach einer Schwangerschaft nicht wieder auf ihr Top-Level zu kommen. Das ergab eine Umfrage des Südwestrundfunks. Darin ging es um die Familienplanung während der aktiven Karriere sowie die fehlende Unterstützung von Vereinen und Verbänden. Unter mehr als 700 Spitzensportlerinnen gab die Hälfte der Befragten an, dass die sportliche Karriere ihre Familienplanung beeinflusse. So haben sich zwölf Teilnehmerinnen bereits einmal für eine Abtreibung entschieden, um ihre sportliche Karriere nicht zu gefährden. Das sind etwa zwei Prozent der Befragten.

Olympia-Aus bedeutet finanziellen Ruin

Besonders hart würde eine Olympia-Absage außerdem die Vertreter*innen der Randsportarten treffen. Schwimmer*innen beispielsweise. Einige durften während der Pandemie teilweise nicht trainieren, da die Schwimmbäder geschlossen waren. Für sie ist Olympia eine der wenigen Gelegenheiten, Sponsor*innen auf sich aufmerksam zu machen und für ihre Sportart zu werben.

Für viele von ihnen dürfte ein Aus der Sommerspiele den Ruin bedeuten. Eine Studie aus 2018 im Auftrag der Deutschen Sporthilfe hat ergeben, dass Spitzenathlet*innen im Schnitt ein monatliches Bruttoeinkommen von nur 2000 Euro haben. Mit Steuern, Miete und den Kosten für Verpflegung bleibt den Athlet*innen am Ende nur ein geringer Betrag, mit dem sie monatlich auskommen müssen.

 

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Olympia bietet ihnen die Chance, ihre Person zu vermarkten. Beispielsweise, indem sie auf Social Media aktiv sind, Werbung machen oder Wettkampfbilder verwenden. Da bei Olympia zahlreiche Top-Fotograf*innen vor Ort sind, sind qualitativ hochwertige Bilder garantiert. Diese können die Athlet*innen für Werbung nutzen. Der ehemalige Diskuswerfer Robert Harting ist dafür ein gutes Beispiel. Nach dem Gewinn der Goldmedaille zerriss er sein Trikot und jubelte mit nacktem Oberkörper. Das Bild vom jubelnden Hünen ging um die Welt und verlieh Harting einen Bekanntheitsgrad, der ihn für die Werbeindustrie interessant machte. Zudem bringt ein Medaillengewinn zusätzliches Preisgeld ein.

Alle, die ihre Saisonvorbereitung auf die Olympischen Sommerspiele abgestellt haben, müssten sich betrogen fühlen, wenn sie abgesagt worden wären. Let the games begin!

 

Beitragsbild: pixabay

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