Olympische Sommerspiele 2021 – Große Chance oder enormes Risiko?

Das olympische Motto: „Dabei sein, ist alles“ dürfte sich bei vielen Sportler*innen im Jahr 2021 wohl eher fragend stellen. Noch immer hat die Covid-19-Pandemie die Welt im Griff und eine endgültige Absage der bereits um ein Jahr verlegten Spiele wird weiterhin diskutiert.

Die Zeit bis 23. Juli 2021 drängt. Dann sollen die 32. Olympischen Sommerspiele und die Paralympischen Spiele in Tokio mit knapp einem Jahr Verzögerung ausgetragen werden. Bis dahin sind allerdings noch einige offene Fragen zu klären.

Einer ganzen Athletengeneration wird der ,Traum von Olympia‘ genommen

Mehr als 60 Prozent der Athlet*innen haben sich laut des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) bereits ihren Startplatz gesichert. Für die restlichen 14 Prozent werden die Athleten anhand von Ranglisten gemäß den Qualifikationssystemen jeder Sportart ausgewählt. Allerdings bleibt zu berücksichtigen, dass noch knapp 25 Prozent der Qualifikationsplätze zu vergeben sind. Die Qualifikations-Events hierfür sind derzeit aber aufgrund von Reisebeschränkungen gar nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Weitere Qualifikationsrunden unter anderem in den Disziplinen Bahnradfahren, Fechten, Tischtennis und Kanufahren laufen sogar noch bis Juli. Die Trainings- und Belastungssteuerung müsste dementsprechend angepasst werden. Bei einer kompletten Absage des Events würde eine achtjährige Olympia-Lücke vielen Teilnehmern die Möglichkeit nehmen, ihren „Traum von Olympia“ in ihren leistungsstärksten Jahren zu verwirklichen.

Japan wird die Chance zum zweiten Mal genommen

Schon im vergangenen Jahr war die Verlegung eine gewaltige logistische Aktion. Die Hoffnung, weiterhin Gastgeber zu sein, blieb aber. Blickt man tiefer in die Sporthistorie zurück, so weiß man, dass Tokio bereits schon 1940 Austragungsort der Olympischen Spiele hätte sein sollen. Nie zuvor hatte es Olympische Spiele außerhalb Europas und Nordamerikas gegeben. Der Zweiter Weltkrieg verhinderte eine Austragung. Japan sollte daraufhin den Zuschlag für Olympia 1944 erhalten. Aber auch dazu sollte es aufgrund der vorherrschenden Kriegssituation nicht kommen. Erst 1964 kamen die Spiele tatsächlich nach Tokio. Einen Zusammenhang zur Absage von 1940 zu suchen, verbittet sich. Nichtsdestotrotz wäre eine erneute Absage ein Novum.

Stichwort: Fairness – Experten befürchten mehr Doping-Sünder

Durch die Corona-Pandemie könnte es laut Experten vermehrt zum Missbrauch von Dopingmitteln kommen. Wegen wegfallender Wettbewerbe sind Athlet*innen ohnehin deutlich schwerer zu testen. Andere Doping-Sünder könnten sogar von ihren Sperren profitieren. Denn diese gelten nur auf Zeit, nicht aber für spezielle Wettbewerbe. Knapp 214 Athlet*innen, die 2020 nicht startberechtigt waren, könnten nun auch bei Olympia an den Start gehen. Das könnte zu einem der unsaubersten Wettbewerbe in der Geschichte der Olympischen Spiele führen. Marathonläufer und TU-Dortmund-Student Hendrik Pfeiffer ist besorgt: „Die Dynamik der Leistungsentwicklung nimmt seit dem vergangenen Jahr stark zu und das wirft bei mir Fragen auf“. „Es ist ja fast zum Massenphänomen geworden, dass gerade nahezu nur Weltzeiten kommen“, kritisiert der gebürtige Düsseldorfer.

Impfstoff-Priorität für Athlet*innen

Hier stellt sich vor allem eine ethisch heikle Frage. Sollten Athlet*innen und ihre Betreuer*innen den Vorzug beim Impfprozess vor anderen gesellschaftlich-relevanten Gruppen genießen? Angedacht ist, dass Sportler*innen direkt nach den Risikogruppen einen Impftermin erhalten sollen. Die Nationalen Olympischen Komitees (NOK) teilten bereits mit, dass alle Sportler*innen, die an den Olympischen Spielen teilnehmen, bis Ende Mai geimpft werden sollen. Diese Idee stößt an verschiedenen Stellen auf Widerstand. Die Impfsituation ist aufgrund abweichender Impfdosen-Kapazitäten ohnehin von Land zu Land sehr unterschiedlich. Ohne Impfung droht den Sportler*innen aber eine zweiwöchige Quarantäne nach Ankunft im Olympischen Dorf. Zudem müsste morgens und abends getestet werden. Sollten die Olympischen Spiele also bewusst ausgetragen werden und genug Impfstoff vorhanden sein, wäre dieses Szenario zumindest nicht undenkbar.

Planungsunsicherheit für Sportler*innen

Marathonläufer und TU-Dortmund-Student Hendrik Pfeiffer

Viele Athlet*innen verspürten bereits nach der ersten Verschiebung des Großevents eine gewisse Leere. Einige Sportler*innen haben bereits mit der Verschiebung der Olympischen Spiele ihr Karriereende erklärt, andere haben ihre Teilnahme direkt abgesagt. Langstreckenläufer Hendrik Pfeiffer empfindet eine mögliche Absage „als verheerendes Signal an alle Sportler.“
„Viele Sportler haben ihr ganzes Leben auf dieses Event ausgelegt“, erklärt der 27-Jährige. Sollte es Olympia 2021 in dieser Form nicht geben, wäre das ein gewaltiger Rückschlag für alle Top-Athlet*innen. „Es würde mich in schwere Depression stürzen und ich hätte noch jahrelang darunter zu leiden“, fügt Pfeiffer hinzu.

Keine Zuschauer bedeuten keine Einnahmen

Ohne Zuschauer droht ein sportliches und geschäftliches Desaster. In puncto Einnahmen und Stimmung müssen die Gastgeber deutliche Abstriche machen, damit das Gesundheitssystem Japans durch Olympia nicht zusätzlich überlastet wird. Bekannte Hygienekonzepte aus anderen Sportarten hält Olympia-Aspirant Hendrik Pfeiffer auch in Tokio für umsetzbar: „Die Spiele müssen stattfinden. Meinetwegen auch gerne unter angepassten Bedingungen – beispielsweise ohne Zuschauer oder mit einem Bubblesystem, wie es beispielsweise im Fußball praktiziert wird.“ Eine endgültige Entscheidung über die Austragung vor Zuschauern wird im März erwartet. IOC-Präsident Thomas Bach ist auf jeden Fall bereit, „Opfer zu bringen“.

Virus-Mutationen auf dem Vormarsch

Mutierte Covid-19-Viren aus Großbritannien, Südafrika oder Brasilien breiten sich interkontinental rasant aus. Knapp 11.000 Sportler*innen aus der ganzen Welt kommen in Tokio zusammen. Trotz Impfungen ist eine einhundertprozentige Wirksamkeit gegen Virusmutationen noch nicht wissenschaftlich nachgewiesen. Bedenken, dass die Olympischen Spiele zu einem „Superspreader-Event“ werden könnten, sind also nicht ganz unberechtigt. Derzeit befindet sich Tokio im Ausnahmezustand, die Kapazitäten der Krankenhäuser sind erschöpft und Japan möchte erst Ende Februar mit Impfungen beginnen.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach gibt sich in einem Interview mit Sport1 skeptisch: „Das sture Durchhalten mit der Einstellung, der Spitzensport sei von der Pandemie quasi ausgenommen, halte ich für sehr schwer vermittelbar und frustriert auch sehr viele Fans“. Auch Sportmediziner Dr. Wilhelm Bloch von der Deutschen Sporthochschule in Köln prophezeit einen „Ritt auf der Rasierklinge“. „Viele Sportler kommen asymptomatisch oder mit milden Symptomen durch. Aber wenn wir genau hinschauen, sind Schädigungen im Herzen zu finden“, erklärt Bloch in einem Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (SID).

Negative Stimmung unter der japanischen Bevölkerung wächst

Laut jüngsten Umfragen sind knapp 80 Prozent der Japaner*innen gegen die Austragung der Olympischen Spiele. Japan befindet sich inmitten einer erneuten Covid-19-Infektionswelle. Auch die Todesrate ist gestiegen – selbst wenn sie im Vergleich zu europäischen Ländern immer noch gering ausfällt. Die japanische Regierung ist deshalb zum Handeln gezwungen. Im Herbst stehen Wahlen an und Japans Premierminister Yoshihide Suga bangt um seine Wiederwahl.

Ist eine Absage vielleicht doch günstiger?

Schon im vergangenen Frühling schien weder eine Absage noch eine Verschiebung überhaupt als Option infrage zu kommen. Nun, ein Jahr später, scheint die Situation ähnlich zu sein. Knapp 13 Milliarden Euro sollen die Spiele bisher kosten, durch die Verschiebung sollen die Kosten schätzungsweise sogar noch um weitere 2,29 Milliarden Euro angestiegen sein. Hinzu käme eine Erstattung für bereits gekaufte Tickets. Der Umfang? Schätzungsweise knapp eine Milliarde Euro.

IOC-Präsident Thomas Bach Bild: wikimedia.org/Ralf Roletschek

„Man muss sich wirklich fragen, inwieweit eine Durchführung für Japan als Land noch einen Mehrwert hat. Gerade dann, wenn keine Zuschauer zugelassen sind“, erklärt Sportmarketingexperte Dennis Trautwein in einem SID-Interview. Laut Trautwein wären es knapp 20 Milliarden Euro Verlust, würden die Spiele ohne Zuschauer stattfinden. Einige Studien berichten sogar von einem Verlust von circa 30 Milliarden Euro, sollten die Spiele komplett ausgesetzt werden. In diesem Fall würde der Großteil der finanziellen Last vom Gastgeberland zu tragen sein. Fest steht, die Sommerspiele 2021 in Tokio drohen die teuersten Sommerspiele der Geschichte zu werden.

Ein Verlauf der Pandemie in den nächsten Monaten ist selbst für Virologen nur schwer vorhersehbar. Deshalb könnte sich das Festhalten an der Austragung der Olympischen Spiele im Sommer zu einem Ritt auf der Rasierklinge entwickeln. Noch ist aber knapp ein halbes Jahr Zeit, um eine endgültige Entscheidung zu treffen. Allerdings gilt auch hier das Sprichwort: „Zeit ist Geld“. Denn je länger die Entscheidung rausgezögert wird, desto teurer werden die Olympischen Spiele. IOC-Präsident Thomas Bach plant jedenfalls mit dem angestrebten Terminfenster vom 23. Juli bis zum 8. August. Einen „Plan B“ gebe es laut IOC aber nicht.

Beitragsbild: wikimedia.org/ Real Estate Japan

 

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