Gewinn oder Gefahr: Der Bitcoin in El Salvador

Nerviges Kleingeld? Das gibt es seit September 2021 in El Salvador nicht mehr. Der 40-jährige Präsident des Landes, Nayib Bukele, führt den Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel ein und sorgt damit für mächtiges Kopfschütteln bei Expert*innen auf der ganzen Welt. Jetzt schaltet sich der Internationale Wirtschaftsfonds ein und fordert, dem Bitcoin als gesetzlichem Zahlungsmittel den Stecker zu ziehen. 

Seit gut vier Monaten können Menschen in El Salvador das sperrige Portmonee gegen sogenannte Wallets wie beispielsweise „Chivo“ austauschen. Wallets sind Briefbörsen in digitaler Version, durch die Kaufende mit digitaler Währung zahlen können und Handelnde die Möglichkeit haben, ihren Erlös in Dollar oder Bitcoin zu erhalten. Die Wallets ermöglichen die Partizipation am bestehenden Währungsystem mit den Bitcoin, mit denen auch Steuern bezahlt werden können. Nach der Einführung im September müssen alle Handelnden – die technisch dazu in der Lage sind – die Kryptowährung annehmen.

Vorteile des Bitcoins

Bukele plant sogar den „Ausbau einer „Bitcoin City“ und investiert hohe Summen in die unsichere Währung. Warum? In einem Interview bei der „Latin Bitcoin Conference“ erklärt er: „Salvadorianer, die im Ausland arbeiten und ihren Familien Geld schicken, können das nun fast gebührenfrei tun und sind nicht mehr auf Western Union angewiesen. Außerdem erreichen wir mit dem Bitcoin die 70 Prozent der Salvadorianer, die kein Bankkonto haben.“ Sein Ziel ist die Förderung der finanziellen Inklusion, die Armutsbekämpfung und die Sicherung der Unabhängigkeit von einer Zentralbank und damit indirekt von dem US-Dollar und der Inflation. Doch ob das möglich ist, ist unklar.

Wirtschaftsexperte Dr. Köchling, TU Dortmund

Denn der Bitcoin unterliegt hohen Preisschwankungen: „Man ist zwar unabhängig von einer zentralen Bank – dennoch kann es durch eine Inflation monetäre Einflüsse geben, welche den Kurs doch nicht mehr unabhängig machen“ – so der Wirtschaftsexperte Dr. Köchling von der TU Dortmund.

 

 

Was ist der Bitcoin eigentlich?

Der Bitcoin ist eine digitalen Kryptowärungen, die aus Computercodes besteht und zur Zahlung dient. Diese Zahlungen funktionieren nicht über eine Zentralbank, welche den Geldfluss reguliert und überwacht, sondern werden dezentral geregelt. Somit kann von überall aus der Welt auf den Bitcoin zugegriffen werden.

Die Rolle des Internationalen Wirtschaftsfonds

Schon vor der Einführung der neuen Kryptowährung erkannte der Internationale Wirtschaftsfonds (IWF) die Schattenseiten des Bitcoins. Der Hauptzweck des IWF besteht darin, die Stabilität des internationalen Währungssystems zu sichern, indem er die weltwirtschaftlichen und regionalen Entwicklungen beobachtet, analysiert und Wirtschafts- und Finanzinformationen über die Länder sammelt. Anschließend berät der Fond einzelne Länder und unterstützt sie finanziell. So wurde beispielsweise auch El Salvador im April 2020 mit 389 Millionen US-Dollar unterstützt, um Staatsverschuldungen und den anhaltenden Haushaltsdefizite des Landes entgegenzuwirken. Aktuell verhandelt El Salvador mit dem Wirtschaftsfond über ein Kreditpaket in Höhe von 1,3 Milliarden Dollar. Allerdings warnen die Ökonomen des Wirtschaftsfonds vor der Einführung des Bitcoins, denn er birgt Risiken für das Finanzsystem, das Haushaltsgleichgewicht und die Beziehungen zu anderen Ländern.

So äußerten sich zum Beispiel IWF-Finanzberater und Direktor der Marketingabteilung Tobias Adrian und die Generalberaterin und Direktorin der Rechtsabteilung Rhoda Weeks-Brown noch vor der Einführung des Bitcoins:

Ohne solide Maßnahmen zur Bekämpfung der Geldwäsche und der Bekämpfung der Terrorismusfinanzierung können Kryptoanlagen dazu verwendet werden, unrechtmäßig erworbenes Geld zu waschen, Terrorismus zu finanzieren und Steuern zu hinterziehen.

In einem Podcast des Wirtschaftsfonds warnte Tobias Adrian im Oktober 2021 unter anderem vor der hohen Volatilität, also dem Ausmaß der Wertschwankungen des Bitcoins.

Nun, für Nutzer von
Bitcoin ist die Herausforderung die Volatilität, denn an einem Tag kann man sehr reich sein, aber am nächsten Tag kann der
Wert dramatisch sinken.

Auch Wirtschaftsexperte Köchling begutachtet den südamerikanischen Staat kritisch: „Stellen Sie sich vor, Sie haben 100 Euro im Portmonee und eine Woche später sind es nur noch 50 Euro Wert- das kann zu massiven Problemen führen.

Mögliche Probleme des Bitcoins?
  • bei den Walletanbietern kann es zu Betriebsausfällen kommen und sie können Opfer von Cyberangriffen werden
  • Börsen und Walletanbieter sind weitgehend unreguliert
  • Kryptoanlagen könnten betrügerische Absichten haben
  • makroökonomische und mikrofinanzielle Bedrohungen könnten für Destabilisierung sorgen

Bukeles Umgang mit dem Bitcoin

Besonders im Januar diesen Jahres unterliegt der Bitcoin extremen Kursschwankungen. Dies liegt vor allem an den zunehmenden Spannungen in der Ukraine-Krise und der strafferen Geldpolitik der USA. Am 24.01.22 ist der Bitcoin auf den niedrigsten Stand seit etwa einem halben Jahr gefallen. Trotzdem kurbelt Präsident Bukele den Kauf an und zeigt seinen über 3 Millionen Twitter-Followern wie kauflustig El Salvador ist.

Fällt der Kurs, leidet das Land. Der Bitcoin hat einen „extremen Einfluss auf die Bonität des Landes“  und „im schlimmsten Fall könnte das gesamte Land pleite gehen“, so Wirtschaftsexperte Dr. Köchling von der TU Dortmund. Dennoch vertrauen die meisten Bewohner des Landes in die neue Währungsform und springen auf den Kriptohype auf.

Das rät die Verbraucherzentrale

In einer Stellungnahme der Verbraucherzentrale NRW heisst es zur Kryptowährung allgemein: „Für eine strategische Geldanlage eignen sich Kryptowährungen aus Sicht der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen nicht, da wir im Bereich der Spekulation sind. Niemand weiß, wie sich der Kurs einer Kryptowährung in Zukunft entwickeln wird.“ Wer Kryptowährungen trotz der verbundenen Risiken kauf, solle dies mit Geld tun, auf welches im Notfall verzichtet werden könne.

Die Zukunft des Bitcoins in El Salvador Zukunft?

Wie die Bevölkerung weiterhin mit dem Bitcoinhype umgehen wird, bleibt offen. Doch schenkt man den vielen Expert*innenstimmen Glauben, benötigt El Salvador strengere Regulierungen und ein schärferes Auge für die vielen Risiken, unter anderem für die Finanzstabilität, die finanzielle Integrität und den Verbraucherschutz. Der Bitcoin als Zahlungsmittel bietet aber auch Vorteile. Die Hürde, mit ihnen zu handeln, ist zu Beginn relativ gering. Trotzdem zeigt ein Blick auf den aktuellen Markt eins: Der Bitcoin ist unberechenbar. Sowohl für einzelne Menschen als auch für Staaten wie El Salvador.

Teaser/Beitragsbild: EivindPedersen lizensiert nach CC.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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